Liebe in Zeiten von tinder Liebe wird nur noch gemanagt, nicht mehr gelebt

Bild von Patrick Wengenroth
Regisseur

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Patrick Wengenroth ist Regisseur, Schauspieler und künstlerischer Leiter des Brechtfestivals in Augsburg. An der Schaubühne inszenierte er zuletzt sein Stück „LOVE HURTS IN TINDER TIMES“, das dort auch in dieser Spielzeit noch zu sehen sein wird.

Digitale Technologien können die "große Liebe" nicht herbeizaubern. Sie können aber dabei helfen, das veraltete Liebesideal zu modernisieren. 

Die Liebe ist, wie auch die Angst, eine anthropologische Konstante. Den größten Einfluss auf unser Liebesleben hat derzeit der Kapitalismus. Auch bei der Partnerwahl geht es um Gewinnmaximierung. Man investiert dort am meisten emotionales Kapital, wo die Rendite am höchsten scheint. Diese Art von Kosten-Nutzen-Rechnung hat nur noch wenig mit dem romantischen Liebesideal gemein.

Der Kapitalismus hat derzeit den größten Einfluss auf die Liebe

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Liebe gilt vielen unhinterfragt als Institution, die durch den Bund der Ehe zementiert wird. Auch heute wirkt diese Auffassung noch, wie man anhand der Debatte um die Ehe für alle sieht. Diese qua Ehe „verbriefte“ Liebe muss herhalten, wenn es um die Kultur- und Werteverteidigung des Abendlandes geht. Die Liebe ist immer noch exklusiv und hat nach gewissen Regeln zu funktionieren. Dabei sollte man heute ein ganzes Stück weiter sein. Denn Liebe hat kein festgelegtes Quantum, sie sollte also nicht kontingentiert werden. Wieso sollte man Liebe nicht auf mehrere Menschen und Dinge verteilen können? Das Einzige, was die Liebe in unserem Leben real begrenzt, ist Zeit.  Denn der Tag hat weiterhin nur 24 Stunden – Mist! Moderne Liebesratgeber schlagen daher vor, das Liebesleben wie den Arbeitsalltag zu gestalten, um es möglichst effizient zu halten. Liebe wird heute zumeist also nicht mehr gelebt, sondern gemanagt.

Das Einzige, was Liebe in unserem Leben begrenzt, ist Zeit

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Wird der Aufwand dieser „Beziehungsarbeit“ zu groß, ist die Aussicht auf eine primär körperliche Begegnung, wie man sie über Apps wie Tinder findet, scheinbar verlockend. Meist geht es um Sex, seltener um Liebe. Es könnte hin und wieder wichtig sein, zwischen beiden zu unterscheiden, um sie nicht zu verwechseln.

Digitale Technologien sollten bei der Modernisierung des alten Liebesideal helfen

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Digitale Lösungen werden das Finden der „großen Liebe“ nicht garantieren, sie können vielleicht helfen, aber das ist eher eine Ausnahme als die Regel. Es finden sich auf Online-Partnerbörsen viele mittelaltrige Menschen, die nach einer gescheiterten Ehe versuchen, noch einmal die „große Liebe“ zu finden. Sie glauben weiterhin an das alte Modell Mann + Frau (+ Kinder) = Familie und daran, dass die technologische Innovation sie dieser veralteten (?) Wunschvorstellung näher bringt. Dabei könnte der digitale Wandel auch einen gesellschaftlichen Sinneswandel bewirken, der die vorherrschende Idee der „Liebe“ im Sinne einer Territorialisierung des Gegenübers überwindet statt sich an diese zu klammern. Die Liebe ist anscheinend weiterhin ein Phänomen, das einem passiert, ohne dass man es selbst gestalten könnte. Und das in einer Zeit, die vom Glauben an die Freiheit und Macht des Individuums geprägt ist – wie anachronistisch...

Die heutige Neugier, die Möglichkeiten der Liebe auszutesten, steht im Konflikt mit dem beharrlichen Festhalten am traditionellen Liebesideal. Man will heute einfach alles: die Swinger-Nacht im KitKatClub und romantische Liebe, wie man sie von Goethe oder Rousseau kennt. Die Hoffnung: die digitale Welt wird es schon möglich machen. Aber sie wird weder Eifersucht und Unterdrückung aus der Welt schaffen, noch die große Liebe per Klick herbeizaubern. Sie ist allenfalls eine Krücke, um eine monogame und heteronormative Realität für kurze Zeit ausblenden zu können ohne sie dabei grundsätzlich zu hinterfragen.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Andreas Rabe
    " Sie glauben weiterhin an das alte Modell Mann + Frau (+ Kinder) = Familie"

    Ich find es übergriffig das in Frage zu stellen.