Digitale Liebe Liebe erfordert heute Medienkompetenz

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Stephan Porombka ist Autor und Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste Berlin. Im Carl Hanser Verlag erschien kürzlich sein Buch "Es ist Liebe".

Die Liebe wird durch den Digitalen Wandel nicht geschwächt. Im Gegenteil: sie wird noch intensiver und kreativer gelebt.

Die Liebe stirbt im Internet? Das ist ziemlich unwahrscheinlich. Es spricht sogar alles dagegen. Sie boomt. Sie verwandelt sich. Man könnte sagen: Die Liebe wird einmal mehr modernisiert. Nach der Romantisierung um 1800, der psychoanalytischen Dramatisierung um 1900 und der revolutionären Sexualisierung seit der Mitte des 20. Jahrhunderts werden die Verhältnisse zwischen den Liebenden durch das mobile Internet neu verschaltet. Und alles ist so verwirrend, zum Teil auch so verstörend, wie es schon bei den letzten Modernisierungsschüben der Fall war. Verwirrend und verstörend ist es deshalb, weil man selbst mittendrin steckt und nicht überblickt, was passiert.

Dabei trifft es nicht nur die Jüngeren. Die Smartphone-Liebe trifft die Fünfzehn- und Zwanzigjährigen genauso wie die Mittvierziger. Und sie hört bei den Siebzig- und Achtzigjährigen erst auf, wenn sie das Telefon weglegen.

Smartphone-Love ist Alltag geworden

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Ein immer größerer Teil von dem, was Liebesbeziehungen ausmacht, wird über Mails, SMS, Snaps, Directmessages und Skype geregelt. Manche Paare beschränken sich auf Whatsapp. Andere experimentieren. Sie schreiben sich Kurznachrichten, schicken sich Audios, posten und kommentieren sich bei Facebook und teilen abends noch Bilder bei Instagram, wenn sie nebeneinander auf dem Sofa sitzen. Für all die Varianten der Smartphone-Love muss man kein Avantgardist sein. Auch muss man die neuen Liebesformen nicht euphorisch feiern. Sie sind längst da. Smartphone-Love ist Alltag geworden.

Liebesgeschichten werden dabei mit neuartigen Sendungen geschrieben. Wer dem Liebesbrief nachtrauert, kann sich von einer Vielfalt kleiner Formen überraschen lassen, die sich erst in den letzten Jahren entwickelt haben und immer weiter ausdifferenzieren. Kulturwissenschaftler, die sich mit der Geschichte des Lesens und Schreibens beschäftigen, stellen dabei keine Verflachung fest. Im Gegenteil. Das Zeichenspiel der Liebe wird schneller, komplexer, flirrender.

Die Liebe im digitalen Zeitalter verflacht nicht, sie wird nur schneller, komplexer und flirrender

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Es sind Ströme von Bildern, die zwischen Liebenden laufen. Es sind Filmclips, Stimmen, Geräusche, Musikdateien, experimentelle Texte und Texturen. Sie werden durch Bearbeitungen in Bewegung gehalten. Zugleich werden sie in virtuellen Kartons gesammelt: auf Festplatten, in Dropboxen, in den Speichern der Sozialen Medien. Manche Liebende drucken sich aus, was sie hin und her geschickt haben und lassen es binden. Die eigene Whatsapp-Lovestory kann man als Buch bestellen. Online natürlich.

Wer glaubt, dass sich das alles nur auf die Phase des Kennenlernens beschränkt, der irrt. Natürlich haben die Dating-Apps die Erstkontakte und Anbahnungsprozesse verändert. Erfahrungen mit Plattformen für Singles hat bald ein Drittel aller Erwachsenen. Das Tindern ist zu einem Gesellschaftsspiel geworden. Dass sich dabei neben den Lust- auch die Frusterfahrungen häufen, ist kein schlimmes Zeichen. Es zeigt nur, dass hier in einem schnelleren Hin und Her über das Wünschen und Begehren nachgedacht werden muss. Dazu gehören dann eben immer auch Testreihen unter Face-to-Face-Bedingungen. Und die können natürlich auch schiefgehen. Kein Wunder, es geht ja um Liebe.

Smartphone-Love ist noch so neu und vorbildlos, dass ziemlich viel danebengeht

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Das Smartphone erweist sich dabei nicht nur für die frisch Verliebten als verschachtelter Zwischenraum. Liebesbeziehungen zu führen heißt, sich in diesen Verschachtelungen etwas Eigenes zu basteln. Vor allem heißt es, dieses Eigene auf angenehme, inspirierende, lustvolle Weise mit jener anderen Wirklichkeit zu verbinden, in der man sich trifft, berührt, sich miteinander und aneinander bewegt und spüren lässt.

Wie eng und wie problematisch diese Verschachtelungen werden können, wissen alle, die sich nicht nur über das Smartphone verliebt und eine Beziehung geführt haben, sondern auch wieder auf Abstand gehen wollen. Die Smartphone-Love ist so neu und so vorbildlos, dass sogar ziemlich viel danebengeht.

Beziehungsfähigkeit zu lernen, heißt mittlerweile Medienkompetenz entwickeln

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Paartherapeuten sind darauf eingestellt, Problemkonstellationen aus dem Durcheinander herauszulesen, das zwei Menschen mit ihren Telefonen anrichten können. Beziehungsfähigkeit zu lernen, heißt deshalb mittlerweile: Medienkompetenzen zu entwickeln. Die Liebeskunst ist unter den Bedingungen der Gegenwart immer auch die Kunst, produktiv und kreativ mit dem Smartphone umzugehen. Und das heißt: Man muss die neuen Liebesbeziehungen auf ganz romantische Weise als Kunstwerk gestalten, in dem die Zeichen zirkulieren und jede Sendung als kleines Werkstück zu verstehen ist, das etwas Gelingendes zum Ganzen beiträgt.

Das aber ist nun wirklich keine Kleinigkeit. Es ist sogar unglaublich schwer. Und wie es genau funktioniert, ist nicht mit Regeln zu sagen. Liebesbeziehungen werden seit Beginn der Moderne als Experiment verstanden. Die Smartphone-Love intensiviert das. Und sie intensiviert dabei auch die Appelle, von denen die Liebenden seit Beginn der Moderne begleitet werden: Verständigt euch, verhandelt, sprecht miteinander, schreibt euch, lest euch.

Es ist noch notwendiger geworden, über die Liebe zu kommunizieren

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Die moderne Liebe ist Kommunikation. Deshalb schafft die Kommunikationsrevolution die Liebe nicht ab. Sie macht es nur noch notwendiger, dass wir über unsere Liebe kommunizieren, um zu verstehen, was uns miteinander guttut. Die Liebe stirbt nicht im Netz. Im Gegenteil: Sie lebt. Mit jeder neuen Sendung

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