Liebe in digitalen Zeiten "Heute habe ich keine Lust auf Liebe, morgen wahrscheinlich auch nicht"

Bild von Volkmar Sigusch
Paartherapeut und Soziologe

Expertise:

Volkmar Sigusch ist Paartherapeut und Soziologe, war 34 Jahre lang Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt/M. Er gilt weltweit als Pionier der deutschen Sexualmedizin und Begründer der Kritischen Sexualwissenschaft. Zuletzt veröffentlichte er die Bücher „Sexualitäten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten“ (2015, Campus Verlag, Frankfurt/M. und New York) sowie „Das Sex-ABC. Notizen eines Sexualforschers“ (2016, ebenfalls Campus Verlag).

Das Internet erlaubt es uns zu jeder Zeit unserem Begehren nachzugehen. Genau das kann die Liebe aber auch lähmen, denn sie wird so zu einer verschiebbaren Aktivität.

Die Idee der individuellen Geschlechtsliebe als ein affektives und gewissenhaftes Verhältnis von Dauer wie von Intensität ist gar nicht so alt wie es scheint. Sie wurde erst vor einigen Jahrhunderten in unserer Kultur in die Welt geworfen. Als ein allgemeines Menschenrecht des Mannes und der Frau, als freie Übereinkunft autonomer Personen, die Gegenliebe beim geliebten Menschen voraussetzt, existieren unsere Liebesverhältnisse aber erst seit dem 20. Jahrhundert.

Zu große Nähe erstickt und die Ferne macht Angst

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Die Idee war wunderbar. Doch die Realität sah anders aus. Der als autonom gedachte Bürger zerfiel während des Entstehens. Liebe und Sexualität fanden nicht auf Dauer zueinander. Vor allem aber wurden Frauen als Frauen auf allen Ebenen in einem Ausmaß und mit einer Unverschämtheit ungerecht behandelt, ja unterdrückt, dass es nicht nach freier gleicher Liebe klang, sondern zum Himmel schrie.

So verrückt es auch klingen mag: Unsere Gesellschaft und unsere Liebesform gehören trotzdem zusammen. Die meisten Menschen wollen lieben und geliebt werden – auf dass die kleine Welt voller erregter Harmonie sei und die große in Ordnung. Alle sehnen sich nach kindlichen Paradiesen, die die Begriffe der Wissenschaften nicht zu erreichen vermögen. Doch alles ist riskant. Zu große Nähe erstickt, und die Ferne macht Angst.

Die moderne Fähigkeit zu lieben ist eine seelische Anpassungsleistung

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Die moderne Fähigkeit zu lieben ist eine seelische Anpassungsleistung. Sie geht auf Prozesse des Verbindens und Gewährens, des Trennens und Versagens zurück. Liebe und Sinnlichkeit gründen auf Einsamkeit, Hass und Gewalt ebenso wie auf kolossaler Wunscherfüllung und dem Eintauchen ins psychosomatische All. Sie sind real und irreal, pragmatisch und irrational. Das, was wir Liebe nennen, enthält einander entgegengesetzte Strebungen: Himmel und Hölle des ersten Verhältnisses zu einem Menschen. Repräsentiert die eine leibhafte Verschmelzung und Wonne, steht die andere für leibhafte Qualen und Ängste der Kindheit, für die Gefängnisse, in die Kinder geraten. Folglich wird lebenslänglich ein hohes und ein niederes Lied gesungen.

Dank moderner Techniken, ist die Suche nach Begehren und Liebe einfacher geworden

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Heute können Frauen wie Männer einen Menschen, den sie begehren und eventuell sogar lieben, sehr viel leichter finden, dank der neuen Techniken. Nach meiner Erfahrung halten Liebesverhältnisse dann sehr lange, wenn das Paar durch eine Sonderbarkeit, beispielsweise ein seltenes, oft fetischistisches Begehren, das früher vielleicht als krankhaft oder gar pervers bezeichnet worden wäre, zusammengehalten wird. Das kann einmal die Figuration des Hinterkopfes sein, andermal die Eigenart des Orgasmus oder auch die Suche nach dem G-Punkt. Partner mit einem solchen Begehren oder Verhalten konnten früher nur zufällig gefunden werden. Heute können sie dank Internet gezielt gesucht und notfalls auch in Tibet oder Brasilien entdeckt werden. Als Paartherapeut habe ich das immer wieder miterlebt.

Das Internet lähmt die Partnersuche auch, indem es sie ständig verfügbar macht. 

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Andererseits beflügelt das Internet nicht nur die Partnersuche, sondern lähmt sie auch dadurch, dass ich es ja jederzeit machen könnte. Bekanntlich stellen wir das, was wir jederzeit machen könnten, immer wieder zurück, weil es ja nicht wegläuft. Heute habe ich eigentlich gar keine Lust. Ich kann es ja morgen machen. Morgen habe ich eigentlich auch keine Lust, undsoweiter.

Sehr interessant und zukunftsfähig ist gegenwärtig eine Entwicklung von der Einpersonen-Liebe zur Mehrpersonen-Liebe, also von der Monoamorie zur Polyamorie. Ich denke, dass sich das Zusammenleben von mehreren Personen verschiedener Alters und verschiedener Herkunft bei uns ausbreiten wird, allein, weil wir immer älter werden und immer anspruchsvoller. Noch aber dominieren in den westlichen Ländern jene Einpersonen-Liebesstile, die der kanadische Soziologe John Alan Lee bereits vor Jahrzehnten beschrieben und mit einem griechischen Wort bezeichnet hat: Eros (leidenschaftlich, romantisch), Mania (besitzergreifend, eifersüchtig), Ludus (spielerisch, erobernd), Storge (freundschaftlich, kooperativ), Pragma (vernünftig, vorteilhaft) und Agape (selbstlos, altruistisch).

Unabhängig von verschiedenen alten und neuen Liebesformen ist für mich entscheidend, dass die Liebe, die wir gegenwärtig als sogenannte Monoamorie erleben, das Kostbarste ist, was es in unserer berechnenden Kultur gibt. Unsere Liebe ist so kostbar und einzigartig, weil sie nicht produziert und nicht gekauft werden kann.

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