Soziale Medien und Meinungsbildung  "Die Diskussion über Filterblasen ist völlig entgleist"

Bild von Helen Margetts
Politikwissenschaftler University of Oxford

Expertise:

Helen Margetts leitet seit 2011 das Oxford Internet Insitute. Die Politikwissenschaftlerin forscht gemeinsam mit Physikern und Informatikern zu politischen Systemen, Partizipation und Social Media.

Die sozialen Medien ermöglichen denen eine unkomplizierte politische Teilhabe, die bisher kein Interesse daran gezeigt haben. Leider öffnen sie auch die Tore für Populismus und Fake-News im Netz.  

In Ihrem kürzlich erschienen Buch "Turbulent Politics" argumentieren Sie, dass sich politische Systeme, ähnlich dem Wetter, immer chaotischer verhalten. Warum?

Zum Einen generieren politische Systeme heute in einer Art Daten, wie sie es vorher nie getan haben. Noch wichtiger für unser Argument jedoch ist, dass Social Media sehr kleine Akte der politischen Teilhabe ermöglichen. In der vorherigen Ära war Politik viel schwerfälliger. Man musste einer Partei beitreten, auf die Straße gehen oder an Türen klopfen. In den sozialen Medien hingegen kann man kleine Dinge tun - ein Like oder ein Share - die nur sehr geringen Aufwand bedürfen. Die Dynamiken, die das zusammen ergibt, scheinen sich mehr wie chaotische Natursysteme zu verhalten. Deswegen habe ich das Buch unter anderem mit einem Physiker geschrieben.

 

Um diese Dynamiken besser zu verstehen, haben Sie und ihre Kollegen verschiedenste Experimente in den Sozialen Medien durchgeführt. Was haben Sie dabei herausgefunden?

Es gibt verschiedene Forschungen darüber, wie Menschen mit verschiedenen Persönlichkeiten auf solche sozialen Informationen reagieren. Die einen finden jemanden sympathisch, der viele Follower hat. Andere unterstützen vielleicht eher etwas, dass bisher kaum von jemandem unterstützt wurde. Und drittens sind alle dabei so sichtbar wie nie zuvor in der Geschichte. Nie zuvor konnte jemand anderes sehen, wie viele Menschen ein Argument gehört haben, oder wie viele ihm zustimmen. Das wiederum beeinflusst die Reaktion unterschiedlicher Persönlichkeitstypen auf unterschiedliche Weise. Individualisten beispielsweise motiviert die Sichtbarkeit, sich für ein Gemeinschaftsgut einzusetzen. Soziale Menschen hingegen fühlen sich von der Sichtbarkeit hingegen öfter abgeschreckt und in eine Rolle gedrängt. Das zusammen treibt einen chaotischen Wandel an.

Der Mensch macht das eigene gerne vom Verhalten der Anderen abhängig. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

In allen Sozialen Medien wie Facebook oder Twitter gibt es beständig eine Vielzahl an Informationen darüber, was andere Menschen gerade tun. Man sieht, was gerade von wem geliked oder geshared wurde, verbunden mit Informationen über den Absender. Und wir wissen aus Jahrzehnten der Sozialforschung, dass solche sozialen Informationen über das Verhalten Anderer die eigenen Entscheidungen beeinflussen. Der Einfluss der Information beispielsweise, dass Millionen anderer bereits etwas von Trump geliked haben, beeinflusst, ob man es auch tun wird.

 

Sie haben herausgefunden, dass sich durch Social Media Menschen politisch beteiligen, die vorher kein Interesse an Politik hatten. Welche?

Kommentatoren haben beklagt, dass junge Menschen über politische Themen nicht bescheid wüssten. Bevor es Social Media gab, schien es jungen Leuten auch oft einfach zu aufwendig sich politisch zu engagieren. Aber ihr Verhalten in den sozialen Netzwerken hat gezeigt, dass sie durchaus daran interessiert sind. Als Reaktion auf Donald Trumps Aussage, allen Muslimen die Einreise in die USA verbieten zu wollen, unterzeichneten beispielsweise hunderttausende junge Menschen in Großbritannien eine Petition: Donald Trump solle die Einreise in das Vereinigte Königreich verboten werden. 

 

Das klingt doch nach einer demokratischeren Zukunft?

Einerseits ja. Mehr Teilhabe ist demokratischer. Das Problem ist aber, dass politische Institutionen mit dieser Art von neuer Dynamik sehr schlecht umgehen können. Da werden plötzlich Einzelne von außen ins politische System gebracht, die keinerlei Anbindung oder Erfahrung mit dem Regierungssystem haben.

Die Einfachheit der Teilhabe öffnet auch dem Populismus den Weg in die öffentliche Debatte. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Immer wieder kommen jetzt politische Außenseiter ins politische System. Populismus ist per Definition anti-Establishment. Die Menschen lernen also, dass solche politischen Mobilisierungen außerhalb des Establishments plötzlich Erfolg haben können.

 

Nach der Kontroverse um Cambridge Analytics und persönlichem Profiling: Denken Sie, das hat wirklich das Ergebnis der Wahl verändert?

Ich denke nicht, dass Social Media der Hauptfaktor war. Nur weil Trump viel twittert, heißt das noch nicht, das er dadurch die Wahl gewonnen hat. Dennoch hat Social Media sicher eine Rolle gespielt. Zum Einen hat Trump Twitter genutzt, um viel kostenlose  Medienaufmerksamkeit zu bekommen. Er hat extrem wenig für TV-Werbung ausgegeben. Aber durch seine wirren Tweets mitten in der Nacht haben alle Medien am nächsten Morgen darüber berichtet. Der andere wichtige Faktor war personalisierte Werbung. Er hat extrem viel mehr für Social Media Werbung ausgegeben als Clinton. Etwas ähnliches haben wir hier in Großbritannien beobachtet. Auch beim Brexit hat die Lease-Kampagne viel mehr dafür ausgegeben.

Wahlwerbung kann über die sozialen Medien zielgerichteter und damit erfolgreicher sein. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Das muss stärker analysiert werden. Je komplexer solche Werbeformen werden, desto leichter ist es, genau die Leute zu finden, die noch unentschlossen sind. Um die geht es, nicht um die Überzeugten. Und die können dann personalisiert angesteuert werden – und sei es durch Bilder wie "Katzen lieben Donald Trump".

 

Eine Folge von Filterblasen also?

Die Diskussion über Filterblasen und Echokammern ist völlig entgleist. Die perfekte Filterblase wäre es, nur die Daily Mail zu lesen oder nur Fox zu gucken. Trotz Personalisierung bin ich dagegen auf Facebook mehr unterschiedlichen Menschen und Meinungen ausgesetzt.

Aber wo liegt dann das Problem?

Einerseits am extrem symbiotischen Verhältnis zwischen größeren Medien und Twitter. Dann an Webseiten, die sich gezielt darauf spezialisieren, automatisch Falschnachrichten zu produzieren und zu verbreiten. Und den Bots aus Russland oder Mazedonien, die helfen, diese Nachrichten zu verbreiten. Das könnte ein ernstzunehmendes Problem werden.

Die Nutzer müssen von Facebook und Twitter mehr Transparenz einfordern.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Um unsere politische Welt zu verbessern, müssen wir unweigerlich damit anfangen, Forderungen gegenüber Facebook und Twitter zu stellen. Ihre Algorithmen sind geheim und formen doch, was wir sehen. Ihr Argument dagegen ist immer ihr Firmengeheimnis. Aber ihr Geschäftsmodell ist Werbung. Wie sie Werbung zeigen, müssen sie ja nicht sagen. Trotzdem können sie erklären, nach welchen Kriterien welche Nachrichten angezeigt werden.

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.