Filter bubble als Populismusbeschleuniger  Die Filterblase ist ein Mythos

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Soziologe und Gründer des NTF - Netzwerk Terrorismusforschung

Expertise:

Stephan G. Humer ist Gründer des Netzwerk Terrorismusforschung e. V. und Leiter des Forschungs- und Arbeitsbereichs Internetsoziologie an der Hochschule Fresenius in Berlin.

Die Filterblase gilt heute vielen als Alternativenvernichter, Inhaltekiller oder Populismusbeschleuniger. Das ist schlichter Unsinn. Nie war es einfacher von anderen Meinungen überzeugt zu werden. 

Viel ist derzeit von Filterblasen (Filter Bubbles) und Echokammern die Rede und wie sie vermeintlich die Demokratie bedrohen, Populisten an die Macht bringen und zur Polarisierung der Gesellschaft beitragen. Was ist davon zu halten? Kurz gesagt: Nichts. Die Idee von der digitalen Filterblase als Alternativenvernichter, Inhaltekiller oder Populismusbeschleuniger ist schlicht Unsinn.

Eine eigene oder fremdgesteuerte Filterung ist in gewissem Maße lebensnotwendig, weil entlastend

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Natürlich gibt es Inhaltsempfehlungen. Und die gibt es überall im Internet, nicht nur bei Facebook oder Twitter. Der Onlinehändler Amazon empfiehlt mir beispielsweise in schöner Regelmäßigkeit Artikel, die in einem (übrigens menschengemachten) Kontext zu meinen angeschauten, ausgesuchten oder erworbenen Artikeln stehen. Diese Kontextualisierung ist noch nicht einmal ein rein digitales Phänomen: im Supermarkt steht direkt neben dem Tee normalerweise weiterer Tee, nicht jedoch Socken, Katzenstreu oder Computer – oder gar täglich etwas anderes. Auch hier wird gefiltert, man wird gelenkt bzw. verführt - weil es für die Kundinnen und Kunden schlicht Sinn ergibt. Menschen sortieren schon immer Inhalte, stellen Zusammenhänge her (oder lehnen sie ab) und nehmen so Einfluss auf ihre und die Lebenswelt ihrer Mitmenschen. Denn niemand hat unbegrenzte Kapazitäten für die Aufnahme und Sortierung von Informationen; eine eigene ebenso wie eine fremdgesteuerte Filterung ist nicht nur völlig normal, sondern in einem gewissen Maße schlicht lebensnotwendig, weil entlastend.

Es gibt keine Belege für Filterblasen-Dystopien

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Warum wird die Idee einer Filterblase dann aber einerseits so heiß diskutiert, andererseits aber an anderen Orten (wie im Supermarkt) quasi völlig widerstandslos akzeptiert? Sicherlich vor allem deshalb, weil sie eine sehr ambivalente, herausfordernde Angelegenheit ist. Die Supermarkt-Filterung kennen wir, ebenso sind klassische Medien wie der Tagesspiegel recht gut einzuordnen: man weiß zumindest grob, was einen erwartet. Doch sobald es digital wird, kommen die Deutschen leider immer wieder ins Straucheln. Bei der Filterblase ist die Filterung digital konnotiert, wird von globalen Riesenkonzernen und ihren (selbstlernenden) Algorithmen umgesetzt. Bei Amazon mag einem das noch egal oder sogar hochwillkommen sein, denn: wäre ich beispielsweise ein großer Egoshooter-Fan, würde mir der Onlinehändler passenderweise Egoshooter zum Download anbieten, allein schon deshalb, weil die Auswertung anderer Kaufprozesse die Sinnhaftigkeit dieser Strategie belegt. Doch entdeckt man diese Strategie nun auch bei politischen Nachrichten und schaut man sich dann noch die zahlreichen Rechtspopulisten an, die derzeit fröhliche Urständ feiern, erscheint es offenbar vielen besorgten Menschen nur logisch, dass die Polarisierung der Gegenwartspolitik eine Folge der Sortierungsalgorithmen sein muss und sich deshalb auf keinem guten Weg befindet. Klingt zwar auf den ersten Blick schlüssig, greift aber viel zu kurz: es gibt für diese Dystopie keinerlei Belege, vielmehr wird lediglich einigen Mitmenschen unterstellt, sie würden mithilfe von Facebooks Nachrichtenauswahl zu Informationszombies. Das ist nicht nur überheblich, sondern schlicht unhaltbar.

Nackte Zahlen werden oft maßlos überbewertet

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Wie kann man die ganze Diskussion nun vom Kopf auf die Füße stellen? Es lassen sich zwei Aspekte benennen, die besonders wichtig erscheinen und deren Berücksichtigung die Filterblase mit Leichtigkeit zum Platzen bringen kann. Der erste Aspekt widmet sich der Magie der Zahlen: Selbstvermessung liegt im Trend, ebenso die Strukturierung der Welt mithilfe von diskreten Werten. Menschen vermessen sich und andere gern, weil Zahlen in einer komplexen und schnelllebigen Welt Orientierung und Halt versprechen. Dieser Trend ist erneut kein originär digitaler Trend – Beispiel: Kuschelnoten in der Schule, „um den Kindern nicht die Zukunft zu verbauen“ -, das Phänomen wird aber wiederum durch Digitalisierung enorm verstärkt, beispielsweise in Form von Klicks, Likes und Followern. Das führt dazu, dass nackte Zahlen viel zu oft maßlos überbewertet werden. Denn ein erfolgreiches Leben ist auch ohne eine Million Follower bei Twitter oder 5000 Freunde bei Facebook möglich, ohne die minutengenaue Aufzeichnung der Schlafphasen und ohne Kalorienzählung bei jeder Mahlzeit. Nur fällt das in der heutigen Zeit, in der wir mit Zahlenwerten überschüttet werden, nicht gerade leicht. Doch Unbequemlichkeit taugt hier nicht als Ausrede, hilfreicher wäre eine schlichte Besinnung auf Qualität statt Quantität, auf individuelle Kontextualisierung statt algorithmischer Entmündigung.

Es war nie leichter als heute der Filterblase zu entkommen

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Der zweite Aspekt widmet sich der inzwischen fast schon als klassisch zu bezeichnenden Herausforderung adäquater Digitalkompetenz. Ja, auch am Beispiel der Diskussion über die Filterblase wird mal wieder deutlich: die Deutschen tun sich schwer mit der digitalen Metaebene, sie stolpern eher durchs „Neuland“ als dass sie aufrecht gehen. Tatsächlich ist es nicht nur kein Problem, der Filterblase mit Leichtigkeit zu entkommen - es war sogar nie leichter als heute. Alle Inhalte, positiv wie negativ, sind tatsächlich nur wenige Klicks entfernt. Um hier einen vernünftigen Überblick zu behalten, muss man allerdings selbst aktiv werden, und genau darin liegt aus internetsoziologischer Sicht die Herausforderung. Denn auch auf der Metaebene taugt die Tatsache, dass so eine individuelle Medienarbeit mühsam ist, nicht als Ausrede. Wir leben nun mal in dieser Gegenwart mit ihren ganz eigenen Herausforderungen und Aufgaben.

Die Filterblase ist letztlich nichts anderes als eine Seifenblase, die zerplatzt, sobald man den Verstand einschaltet

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Und die digitale Revolution ist so eine Aufgabe, die es schlicht und einfach zu bewältigen gilt. Die Schuld auf die Algorithmen von Facebook und Co. abzuschieben, mag zwar bequem erscheinen, greift aber viel zu kurz und löst letztlich das Problem nicht. Man muss schon selbst aktiv werden und eine eigene Informationsauswahl treffen, auch wenn es schwer fällt. Die Filterblase ist letztlich nichts anderes als eine Seifenblase, die zerplatzt, sobald man den Verstand einschaltet. Es hindert Sie niemand daran, die Sie interessierenden Nachrichtenseiten auszuwählen, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Ebenso wenig hindert Sie schließlich jemand daran, den Supermarkt zu wechseln und einen anderen Tee zu kaufen.

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