Was ist die Filterblase? Die Filterblase beschreibt bloß, erklärt aber nichts

Bild von Andreas Ziemann
Soziologe und Medienwissenschaftler

Expertise:

Andreas Ziemann ist seit 2009 Universitätsprofessor für Mediensoziologie an der Bauhaus-Universität Weimar. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Medien- und Gesellschaftswandel sowie soziale Randgruppen, Exklusion und Heterotopien

Der Begriff Filterblase soll uns die Spaltung der Gesellschaft und Politik erklären, dabei produziert er nur Suggestion und Ideologie. 

JedeR ist auf bestimmte Informationen und Wissensordnungen angewiesen, um sich zu orientieren und Probleme erfolgreich zu bewältigen, um zu planen und zu handeln, um mit anderen zu agieren und Erwartungen zu erfüllen, um für oder gegen etwas zu votieren. Dabei sind je nach Situation, Problem und Zielstellung je andere Informationen wichtig; sie werden also unterschiedlich selegiert. Die Auswahl selbst schafft überhaupt erst eine Information – sei sie selbstbestimmt oder vorgegeben.

Information resultiert aus Selektion in Abhängigkeit von ihrer Relevanz für Handeln und Problemlösen

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Populisten und Ideologen trachten nun scheinbar danach, anderen ihre Sichtweise und Argumentationslogik vorzugeben, stärker formuliert: exklusiv zu oktroyieren. Eigenes Denken und kritisches Abwägen werden dadurch verdrängt und verunmöglicht. Ähnliches gilt für algorithmisch erzeugte Informationen und Empfehlungen. Demgegenüber und mit Blick auf historische Zeiten hatten Vernunft, selbstständiges, kritisches Denken und öffentliche Meinung einst mit viel Mut zu tun. Allen voran ging es um das Wagnis, (sich) eigene Ansichten zu bilden, Einstellungen von anderen anzuhören, beide zu vergleichen und alsdann neuerlich Position zu beziehen.

Aufgeklärtes und kritisches Wissen entsteht nur aus eigener Erfahrung und dem Vergleich mit anderen Ansichten

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Das war mutig, weil es Anstrengung bedeutet, sich nicht von anderen leiten zu lassen, sondern eigene Gedankenarbeit zu leisten. Das war mutig, weil es Bestehendes nicht per se und erst recht nicht qua dogmatischer Legitimierung zu akzeptieren bereit war. Das war mutig, weil es auf eine offene und gemeinsam auszuhandelnde Zukunft gerichtet war. Das war mutig, weil es an politischen Machtverhältnissen rüttelte und andere Positionen und Interessen sowie Probleme der Ungleichheit oder Ungerechtigkeit öffentlich machte. Das war auch deshalb mutig, weil es für den sozialen Status gefährlich sein kann, anderen und vor allem anderen Mehrheitsmeinungen (mit guten Gründen) nicht zu folgen, sondern Gegenargumente und Gegenperspektiven zu entwickeln und dagegenzuhalten. Im schlechteren Fall zieht das persönliche Diskreditierung, moralische Missachtung und soziale Exklusion nach sich.

Mut zum Selbstdenken und eine selbstkritische  Einstellung scheinen heute alles andere als selbstverständlich

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Man beobachte nur, wie beispielweise in verschiedenen Social Media-Formaten andere anonym beleidigt und geschmäht werden (dürfen), ohne dass die Urheber dafür zur Rechenschaft gezogen werden (können). Die Anlässe sind dabei so vielfältig wie letztlich unterschiedslos. Sie zielen auf Sportler, Künstler, Sänger, Schauspieler und andere Medienprominenz ebenso wie auf politische Akteure, Intellektuelle und anderweitig öffentlich Engagierte, aber zunehmend auch auf die „einfachen“ Leute. Wer den Anderen negiert und wer erst gar nicht an Kommunikation und anderen Sichtweisen (und ihren Motiven) interessiert ist, handelt gezielt anti-sozial. Man könnte diesbezüglich fragen, was dann an den verschiedenen Social Media noch „das Soziale“ ausmacht.

Filterblase und Echokammer stärken Ähnlichkeit und legitimieren kollektive negative Urteile

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Dies zeigt sich vor allem dort, wo ein striktes Wir/Ihr vorherrscht, das den Perspektivwechsel scheut und nur bestehende Einstellungen sowie Ressentiments reproduziert. Unterstützt wird die Reproduktion etablierter Sichtweisen, Argumentationsschemata und Ideologien von einer nicht minder risikoscheuen Einladungspolitik massenmedialer Streitforen. Die mehr oder minder identischen Sprecherrollen zu unterschiedlichen Themen bei Illner, Maischberger, Plasberg oder Will sorgen weder für eine echte Dialogkultur der Teilnehmer noch für Anschlussvielfalt und mögliche Einstellungsänderung auf Seiten der ZuschauerInnen.

Nicht wenige diskutieren und reflektieren nun darüber, wie man solche und ähnliche Prozesse und Verhältnisse erstens auf den Begriff bringen und zweitens erklären kann. Mir scheinen sie zwar nicht unbedingt neu zu sein, aber gegenüber früheren Zeiten definitiv ungekannt in ihrer Vehemenz und Ubiquität.

Massenmediale Streitforen sorgen nicht für echte Dialogkultur

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Dies meint tentativ: 1. An die Stelle komplexer Beschreibungen und einvernehmlichen Streitens um Sachargumente treten affektiv fundierte, sachlich irrationale bzw. unbegründete und persönlich attackierende Wortbeiträge. 2. Die generelle Idee der Achtung und Anerkennung einer jeden anderen Person und die soziale Selbstbindung an Höflichkeit, Friedlichkeit und Unvoreingenommenheit, die einen jeweils auch selbst schützen, gelten nicht länger exklusiv, und vor allem nicht zwingend in anonymen Sphären medialer Interaktion. 3. Die geschützte Sphäre des Privaten bildet einen zentralen Aktionsort kritischer wie auch entwürdigender Attacken auf Personen des öffentlichen Lebens, aber zunehmend auch auf andere Privatpersonen. Je höher die angenommene Garantie der eigenen Anonymität und Unverletzlichkeit, umso stärker bisweilen die kritischen und moralischen Auslassungen. Die einstige Idee der politischen Einmischung und Wirkung durch privates, bürgerliches Räsonieren ist längst nicht mehr bedeutsam, geschweige denn handlungsstimulierend. Die zentrale politische Konnotation von Öffentlichkeit scheint vergessen. 4. Privatleute und kritische Bürger akzeptieren nicht länger Spezialkompetenzen und besondere Anstrengungen von Professionsrollen, sondern maßen sich selbst ein Urteilsvermögen zu, das seine Legitimation im Verbund mit Gleichgesinnten findet. Ein sozialer Perspektivwechsel, eine imaginäre Selbstversetzung an die Stelle des beobachteten und kritisierten Anderen finden aber nicht statt; ein Austausch mit Gegenpositionen oder divergenten Interessenlagen ebenso wenig.

Wenn man die Annahme teilt, dass neue Begriffe ex post soziokulturelle Veränderungen symbolisieren und legitimieren, dann wären jene jüngeren Neuschöpfungen und Diagnosen des „Postfaktischen“, des „Wutbürgers“, der „filter bubble“ etc. als gezielte Reaktion auf die oben angeführten und andere gegenwärtige Verschiebungen innerhalb von Politik und Gesellschaft zu verstehen. Über ihre Beschreibungskraft hinaus leisten solche Begriffe aber wenig bis nichts an Erklärung.

Der Begriff der der Filterblase leistet über seine Beschreibungskraft hinaus nichts an Erklärung

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Moralisch bedenklich wird es, wenn ein neuer Begriff wie „filter bubble“ oder „Echokammer“ zur Erklärung benutzt wird, um das Negieren unerwünschter und häretischer Einstellungen und die Selbstverstärkung wie Restabilisierung eigener Meinungen zu legitimieren. Kritisch weiter gedacht, hieße das: Statt adäquater Symbolisierung produzieren all jene gegenwärtig kursierenden Neuschöpfungen Suggestion und Ideologie. Sie machen in ihrem fortlaufenden diskursiven Gebrauch etwas überhaupt erst wirklich und wirksam, das dann eine Eigenlogik und Eigendynamik gewinnt, der nur mit wieder neuen, alternativen Begriffen und Beschreibungen zu begegnen wäre. Tiefengesättigte (gesellschafts-)wissenschaftliche Erklärungen sind deshalb allemal notwendig und überfällig. Und die Rückbesinnung auf altehrwürdige Begriffe, Werte und Tugenden? Kandidaten gäbe es in ausreichender Zahl.

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