Filterblase und Populismus Die Diskussion um die Filterblase lenkt von den wahren Problemen ab

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Professor, Universität Konstanz

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Andreas Jungherr ist Juniorprofessor für Social Science Data Collection and Analysis an der Universität Konstanz. In seiner Arbeit konzentriert er sich auf die Nutzung digitaler Werkzeuge und des Internets in der politischen Kommunikation und die Potentiale und Grenzen der Nutzung digitaler Spurendaten in der Sozialwissenschaft.

Die Filterblase wird für viele politische Probleme schuldig gemacht. Doch bei der ausschließlichen Suche nach der Lösung gesellschaftlicher Probleme im technischen Design von Kommunikationsmitteln läuft man Gefahr, wahrscheinlichere Ursachen aus dem Blick zu verlieren.

Die starke und medienwirksam inszenierte Nutzung digitaler Dienste wie Google, Facebook oder Twitter durch Populisten und Parteien an den Rändern des politischen Raums hat die Rolle des Internets für die politische Meinungsbildung zentral in der öffentlichen Debatte platziert. Allerdings besteht die Gefahr, dass diese Debatte von intuitiven, aber faktisch nicht belegten Schlagworten dominiert wird. Dies blockiert das echte Verständnis von der Rolle des Internets für die politische Meinungsbildung und verhindert angemessene politische, mediale und gesellschaftliche Anpassungsprozesse.

Eines dieser weit verbreiteten Schlagwörter ist der Begriff der so genannten „Filterblase“ (Filter Bubble). In seinem 2011 veröffentlichten gleichnamigen Buch argumentiert der politische Aktivist Eli Pariser, digitale Dienste würden durch die algorithmisch gesteuerte Auswahl von Nachrichten und Beiträgen dazu führen, dass Nutzer fast ausschließlich Informationen angezeigt bekämen, die ihren politischen Überzeugungen entsprächen. Widersprechende Informationen und Meinungen würden so ausgeblendet. Die erwarteten Konsequenzen dieser „Filterblasen“ für den politischen Diskurs sind mangelnde Kenntnis der Argumente und Lebensrealitäten von Anhängern anderer politischer Überzeugungen, sinkendes Verständnis für Angehörige anderer gesellschaftlichen Gruppen und Legitimitätsverlust für politische Ergebnisse, die eigenen Überzeugungen nicht entsprechen.

Dies mag zuerst einleuchtend klingen. Aber stimmt diese Diagnose tatsächlich? Sehen Menschen online tatsächlich nur noch Nachrichten und Meinungen, die ihren politischen Überzeugungen entsprechen?

Es gibt wenige Belege für das Auftreten politischer Filterblasen

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Wissenschaftliche Befunde zur tatsächlichen Mediennutzung von Bürgern online geben Anlass zur Gelassenheit. Immer wieder zeigen Studien, dass weder politische Webseiten noch Soziale Netzwerkseiten dazu führen, dass Menschen überwiegend politisch einheitliche Meinungen oder Informationen erhalten. Teilweise deuten Befunde sogar darauf hin, dass Internetnutzer eine breitere und vielfältigere Mischung an politischen Informationen erhalten als diejenigen, die sich nur offline informieren

Wir sehen also wenig Belege für das Auftreten politischer Filterblasen. Wie kommt es dann aber zu der großen Popularität des Begriffs in der öffentlichen Debatte?

Das Verführerische und zugleich auch Gefährliche an der Filterblasen-These ist, dass sie versucht, über einen einfachen und intuitiven Mechanismus unliebsame politische Phänomene zu erklären. Wenn Algorithmen Verantwortung für politische Polarisierung, mangelnde Empathie oder zunehmende politische Radikalisierung tragen sollten, dann liegt es nahe, diese Algorithmen anzupassen, und sofort sind alle Probleme politischer Meinungsbildung durch das „richtige“ Design digitaler Dienste gelöst.

Besonders in Zeiten, in denen technologischer Fortschritt und gesellschaftlicher Wandel die Schlagzeilen bestimmen, liegen solche Erklärungsversuche nahe. Umso wichtiger ist ihre sorgfältige Prüfung. Bei der ausschließlichen Suche nach der Lösung gesellschaftlicher Probleme im technischen Design von Kommunikationsmitteln läuft man Gefahr, wahrscheinlichere Ursachen aus dem Blick zu verlieren.

Medienwirkung ist immer eingebettet in komplexe Wechselbeziehungen

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Das Internet, Soziale Netzwerkseiten und andere digitale Dienste sind zentral in der politischen Meinungsbildung der Gegenwart. Aber Mediennutzung und Medienwirkung sind immer eingebettet in komplexe Wechselbeziehungen: Individuelle Eigenschaften, Überzeugungen, Bedürfnisse und Gewohnheiten haben starken Einfluss auf Informationen und mediale Inhalte, die Menschen konsumieren, und auf die Wirkung solcher Informationen und Inhalte. Dies gilt auch für das direkte persönliche Umfeld, das neue Informationen oder Meinungen verstärken oder abschwächen kann. Auch die Art, in der traditionelle Medienunternehmen Nachrichten auswählen und aufarbeiten, Erfolg messen und sich finanzieren, ist entscheidend für die Art und Vielfalt politischer Nachrichten.

Digitale Dienste bestimmen den Fluss politischer Informationen

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Digitaler Technologie kommt in diesem Wechselspiel eine zunehmend zentrale Rolle zu. Digitale Dienste bestimmen den Fluss politischer Informationen, haben großen Einfluss auf redaktionsinterne Auswahl- und Evaluationsprozesse in Medienunternehmen und machen die Nutzung und Kommentierung von Beiträgen und Meinungen durch Netznutzer sichtbar. Hier spielt das technische Design dieser Dienste und die Gestaltung ihrer Auswahlalgorithmen ohne Frage eine wichtige Rolle. Demnach ist es vollkommen richtig und notwendig, mögliche Wirkungsmechanismen und Effekte zu untersuchen. Schädlich ist jedoch, wenn an die Stelle der sorgfältigen Analyse anekdotisch illustrierte Schlagworte treten.

Wenn wir die tatsächliche Rolle des Internets im politischen Meinungsbildungsprozess verstehen wollen, hilft es wenig, einzelne technische Phänomene isoliert zu betrachten. Stattdessen ist die sorgfältige Untersuchung des Wechselspiels unterschiedlicher individueller, gesellschaftlicher, struktureller und technologischer Faktoren notwendig. Befunde solcher Untersuchungen werden zwar keine vergleichbar intuitiven und schlagzeilenfreundlichen Begriffe prägen wie den der Filterblase. Dafür versprechen sie aber tatsächliche Erkenntnisse über die Dynamik politischer Meinungsbildungsprozesse der Gegenwart.

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