Kampf gegen Filterblasen Der Kampf gegen Filterblasen fängt offline an

Bild von Thorsten Benner und  Alexander Pirang
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Thorsten Benner ist Direktor des Global Public Policy Institute (GPPi) in Berlin. Alexander Pirang ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Global Public Policy Institute (GPPi) in Berlin.

Filterblasen sind kaum regulierbar und nur schwer zu verhindern. Das wahre Problem liegt aber auch nicht bei ihnen, sondern bei uns Menschen. Hier müssen Politik und Bürger aktiv werden. 

Ein Reporter des amerikanischen Magazins The New Yorker hielt in einem Porträt von Angela Merkel einmal fest, dass die mächtigste Frau der Welt sich bei öffentlichen Reden augenscheinlich darum bemühe, so wenig interessant wie möglich zu erscheinen. Gemessen an diesem Maßstab eröffnete die Grundsatzrede vor dem Bundestag im letzten Monat gleich mit einem Paukenschlag – nicht nur sei die Gewissheit um den freiheitlich demokratischen Rechtsstaat heutzutage nicht mehr selbstverständlich, auch die Diskussion darüber finde in einem völlig anderen medialen Umfeld statt: Merkel beklagte „sich selbst regenerierende Meinungsverstärkungen durch bestimmte Algorithmen“. Schon bei den Medientagen in München hatte die Kanzlerin Ende Oktober gefordert, „dass Algorithmen transparenter sein müssen, sodass interessierten Bürgern auch bewusst ist, was eigentlich mit ihrem Medienverhalten und dem anderer passiert“.

Filter bubbles sind kaum regulierbar 

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Merkel knüpft an die Debatte um Filterblasen an, die spätestens seit der Wahl von Donald Trump die westlichen Gesellschaften in ihrem Bann hält. Passend zum jüngst ausgerufenen postfaktischen Zeitalter erscheint nunmehr auch die freie Meinungsbildung als grundlegender Mechanismus liberaler Demokratien in Frage gestellt. Wo es nicht mehr ein öffentliches Forum gebe, auf dem Meinungen im politischen Austausch aufeinandertreffen, sondern jeder nur noch mit seinesgleichen redet, sei die Demokratie bedroht, warnte der Harvard-Rechtswissenschaftler Cass Sunstein bereits 2001.

Als Ursprung des Übels sind schnell die Algorithmen von Facebook, Google und Co. ausgemacht, deren auf traffic, shares und likes ausgerichtetes Geschäftsmodell auf der kontinuierlichen Personalisierung aller Inhalte basiert – und intellektuelle Isolation innerhalb der Filterblase als Nebeneffekt hervorruft. Der anklägerisch gen Silicon Valley gerichtete Zeigefinger mag nachvollziehbar sein; die Filterblasen wieder platzen zu lassen, wie nun gefordert, ist allerdings wenig realistisch. Dies beruht darauf, dass filter bubbles, anders als die oftmals damit zusammengeworfenen Phänomene der Falschnachrichten und Hasskommentare, kaum regulierbar sind.

Nicht die Technologie ist das Problem, sondern wir Menschen

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Verkürzt ausgedrückt, sind nicht die Technologien, sondern die Menschen das eigentliche Problem. Zwar konnten Forscher belegen, dass Facebook wie eine Echokammer funktioniert, Meinungen also noch weiter verschärft und polarisiert. Die Hauptursache für die Entstehung von Filterblasen liegt jedoch im menschlichen Verhalten. Auch abseits sozialer Medien richten wir uns eine höchst subjektive Wirklichkeit ein, durch die selektive Auswahl eines Freundeskreises, durch unsere Vorlieben und Interessen. Zwei Menschen können nebeneinander in der U-Bahn durch Berlin fahren und sich dennoch in völlig unterschiedlichen Lebenswelten bewegen. Diese analogen Blasen werden online lediglich fortgesetzt. Die politische Polarisierung eines News Feed auf Facebook hängt hauptsächlich davon ab, wie homogen die Ansichten der befreundeten Nutzer sind; die zusätzliche Beeinflussung mittels Algorithmen ist im Vergleich deutlich geringer.

Merkels „interessierter Bürger“ ist ein eher rares Fabelwesen

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Filterblasen werden auf absehbare Zeit nicht verschwinden. Grund für Fatalismus ist dies aber dennoch nicht. Es gibt kleine Schritte, die Anbieter von Plattformen wie Facebook und deren Nutzer gehen können, um die Blase zumindest ein wenig löchriger zu machen. Facebook sollte seinen Nutzern eine Einstellung „Konfrontiere mich mit konträren Meinungen“ ermöglichen. Und so lange die Option nicht im Angebot ist, können Nutzer den Algorithmus dadurch beeinflussen, indem sie ein Like auf Seiten setzen, mit deren Position sie nicht einverstanden sind oder indem sie die Liste der Präferenzen und Interessen löschen, die Facebook zu jedem Nutzer anlegt. Aber wir sollten uns keine Illusionen machen: diese Schritte würden eher die Nutzer wählen, die ohnehin schon recht reflektierte Medienkonsumgewohnheiten haben. Der ehemalige BILD-Zeitungsleser, der jetzt allein über soziale Medien seine Nachrichten bezieht, wird unwahrscheinlich zu solchen Maßnahmen greifen.  Merkels „interessierter Bürger“, welcher offengelegte Algorithmen studieren würde, ist ein eher rares Fabelwesen.

Der Kampf gegen Filterblasen fängt offline an 

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Hinzu kommt, dass Filterblasen erst in Kombination mit anderen Phänomenen wirklich gefährlich werden. In ihrer Regierungserklärung sprach die Bundeskanzlerin auch davon, „dass heute Fake-Seiten, Bots, Trolle Meinungsbilder verfälschen können“. Diese – genauso wie russische Propaganda oder andere Geheimdienstoperationen wie im Fall der US-Wahl – finden in Filterblasen ihren idealen Nährboden. Hier gilt es, sich gesellschaftlich zu härten gegen externe Einflussnahme und die vollen Möglichkeiten von gesetzlicher Regulierung  auszunutzen, um fake news die Geschäftsgrundlage zu entziehen und den Einsatz von Bots in Wahlkämpfen zu verhindern.  

Was außerdem noch zu tun bleibt, hat die Bundekanzlerin in ihrer Rede betont: Weiter für Offenheit und Toleranz zu streiten, auch über die eigene Komfortzone hinaus und den Austausch suchend mit Menschen, die nicht die eigene Weltsicht und Lebenswelt teilen. Wer ernsthaft gegen Filterblasen ankämpfen will, muss dazu offline anfangen. Der nächste Bundestagswahlkampf bietet dafür die Gelegenheit. Der Weg vom Chamisso- oder Helmholtzplatz zum Wahlkampfstand nach Marzahn und Hellersdorf lohnt sich.  

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