Politik und Facebook Darum ist die Filterbubble ein politisches Problem

Bild von Katharina Kleinen-von Königslöw
Universität Hamburg

Expertise:

Seit August 2016 hat Dr. Katharina Kleinen-von Königslöw eine Professur Professur für Journalistik und Kommunikationswissenschaftan an der Universität Hamburg . Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Erforschung von digitalisierter Kommunikation unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit.

Das Misstrauen gegen die journalistischen Informationsanbieter birgt eine große Gefahr. In sozialen Netzwerken können zu viele Nutzer nicht zwischen Wahrheit und Falschmeldung unterscheiden. 

In der aktuellen Debatte zu den Filterbubbles und ihren Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und Politik wird in meinen Augen die Perspektive der normalen Nutzerinnen und Nutzer zu sehr ausgeblendet. Dadurch wird übersehen, dass die Nutzungssituation für politische Informationen auf Facebook, als dem von der breiten Bevölkerung genutzten sozialen Netzwerk, eine in vielerlei Hinsicht andere ist, als wenn der Zugriff über die Webseiten traditioneller Nachrichtenanbieter erfolgt. Die Nutzungsmotive sind andere, und dies hat Auswirkungen auf Auswahl, Rezeption und wahrscheinlich auch Wirkung der politischen Informationen.

Der Nutzer sozialer Netzwerke sucht dort keine Kontroverse sondern Kompatibilität.

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Hauptmotiv für die Nutzung sozialer Netzwerke ist das Bedürfnis sich selbst zu präsentieren und Teil einer Gruppe zu sein. Informationsmotive können sicherlich auch vorliegen, sind aber – stärker als bei Nachrichtenwebseiten – verknüpft mit Motiven der Identitätsarbeit. Dies verändert Auswahlprozesse für politische Nachrichten: Soziale Empfehlungen aus dem eigenen Freundeskreis oder die Beliebtheit im Gesamtnetzwerk spielen nun (verstärkt und verzerrt durch den berüchtigten Algorithmus) eine ähnlich große, wenn nicht gar größere Rolle für die Auswahl eines Beitrags wie dessen ursprüngliche Quelle. In anderen Worten, die Auswahl- und Bewertungskriterien für Informationsbeiträge verschieben sich: Wenn mein Hauptmotiv nicht die Informationssuche sondern die Identitätsarbeit ist, so ist es für mich möglicherweise wichtiger, ob der Beitrag „zu mir passt“, meine politischen Ansichten und die meiner Gruppe widerspiegelt, als die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit der darin enthaltenen Informationen und Positionen.

Dies gilt wahrscheinlich umso stärker für die Entscheidung, auf einen Beitrag zu reagieren, ihn zu liken, zu kommentieren oder zu teilen. Das Hauptmotiv für die Form von Interaktionen mit den Beiträgen ist wieder, sich in der eigenen Gruppe zu präsentieren. Wenn ich einen Beitrag in den sozialen Netzwerken teile, zeige ich meinen Freunden (und Bekannten), wer ich bin, und letztlich welcher Gruppe ich mich zugehörig fühle. Es ist zu befürchten, dass auch hier die Glaubwürdigkeit der Informationen schlicht als weniger relevant wahrgenommen wird als die Frage, wie mich der Beitrag gegenüber meinem Netzwerk aussehen lässt. Der Konkurrenzdruck als Erster oder Erste neue und zur Gruppe passende Informationen zu verbreiten geht dann zu Lasten einer kritischen Prüfung der Inhalte.

Viele Nutzer sind damit überfordert Satire oder Fake-News zu erkennen.

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Diese kritische Prüfung wird wiederum durch die Oberfläche der sozialen Netzwerke erschwert: Innerhalb des persönlichen Nachrichten-Feeds sind die Beiträge klassischer Nachrichtenanbieter für unerfahrene Nutzerinnen und Nutzer nicht leicht von den Beiträgen von Satire-Seiten oder denen der sogenannten Fake-News-Anbieter zu unterscheiden. Für regelmäßige Leserinnen und Leser der Satire-Angebote mögen die empörten Kommentare derjenigen, die den Beitrag nicht als Satire decodiert haben, teil des Vergnügens sein – aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive offenbart sich hier ein großes Problem: die offensichtliche Überforderung vieler Nutzerinnen und Nutzer, wenn sie allein entscheiden müssen, ob eine Information erstens relevant und zweitens wahr ist. Oder aber diese Entscheidung statt ausgebildeten Journalistinnen und Journalisten allein ihrem Freundeskreis überlassen.

Das Misstrauen gegen die klassischen Medien erleichtert die Verbreitung politisch motivierter Falschinformation.

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Zugleich fördert die Plattform Facebook so nicht nur das Angebot an politischer Satire, sondern hat eine ganze Armada von Fake-News-Anbietern mit entweder rein wirtschaftlichen Motiven (z.B. die Link-Fabriken in Mazedonien und anderswo) oder aber politischen Motiven (z.B. populistische und russische Propaganda) erblühen lassen. Damit verschiebt sich das Gesamt-Informationsangebot auf Facebook deutlich zu Ungunsten traditioneller journalistischer Informationsanbieter. Und selbst bei journalistischen Anbietern verdrängt die Anreizstruktur der Reaktionsmessungen auf Facebook die Bedeutung professioneller Qualitätsnormen für die Nachrichtenproduktion.

All dies mag weitgehend unproblematisch sein für den Großteil der Nutzerinnen und Nutzer, die neben Facebook auch klassische Informationsmedien nutzen. Anders sieht es bei dem langsam, aber stetig wachsenden Teil der Bevölkerung aus, die sich politischen Informationsmedien aus Desinteresse oder auch Misstrauen verweigern und für die das soziale Netzwerk eine der wenigen Kontaktmöglichkeiten zu politischen Informationen darstellen kann.

Filterbubbles sind nicht neu, aber online erfordern sie eine größere Medienkompetenz. 

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Wer die soziale Netzwerke als lange überfällige Emanzipation von der Meinungsdiktatur journalistischer Gatekeeper feiert, sollte daher dringend dafür Sorge tragen, dass die derart emanzipierten Nutzerinnen und Nutzer über ausreichend Medienkompetenz zu verfügen, um Glaubwürdigkeit und Relevanz der Informationen selbst bewerten zu können. Den jüngsten Studienergebnissen zufolge sind nicht einmal junge Menschen in der Lage, gefälschte von echten Nachrichten zu unterscheiden. Wie geht es dann erst den älteren Nutzerinnen und Nutzern, denen es insgesamt an Erfahrungen in der digitalen Medienwelt und mit deren kulturellen Codes fehlt?

Filterbubbles an sich sind kein neues Phänomen. Menschen haben sich schon immer lieber mit Gleichgesinnten umgeben. Und vom Informationsangebot her bieten soziale Netzwerke eine deutlich breitere Auswahl als Einzeitungskreise, allerdings nur wenn die Nutzerinnen und Nutzer die ihnen angebotenen Informationen auch kompetent bewerten können.

 

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