Big Data im Wahlkampf Big Data ist keine Ausrede dafür, unpolitisch zu sein

Bild von Yannick Haan
Netzpolitiker SPD

Expertise:

Yannick Haan ist Sprecher des Forums Netzpolitik der Berliner SPD und Mitglied in der Netz- und Medienpolitischen Kommission beim SPD Parteivorstand.

Ich war naiv, sagt unser Autor Yannick Haan, der einst zu jenen gehörte, die mit dem Internet eine neue Blütezeit der Demokratie anbrechen sahen - und erklärt, warum Big Data Politik trotzdem nicht ersetzen wird.

Mit dem Wahlsieg von Donald Trump schließt sich für mich persönlich auf traurige Weise ein Kreis. Als ich vor acht Jahren ein Praktikum in den USA absolviert habe, tobte dort gerade der Vorwahlkampf zwischen Hillary Clinton und Barack Obama. Dieser Aufenthalt in den USA hat mich wie kaum eine andere Erfahrung politisiert und war auch der Anfang meines politischen Engagements. Diese Erfahrung hat mir aber auch vor Augen geführt, welche demokratischen Chancen das Internet bietet. Es schien auf einmal ganz einfach zu sein, sich politisch zu engagieren und sich mit anderen Menschen zu vernetzen: Eine ganze Generation fing an, sich für demokratische Werte einzusetzen. Mit dieser Erfahrung im Rücken war ich der festen Überzeugung, dass uns durch das Internet ein neues Zeitalter der weltweiten Demokratie bevorstehen würde. Ich dachte, das Internet wäre die 68er Revolution meiner Generation - mit Bytes statt Blumen.

Die Vorstellung, das Internet würde eine neue Blütezeit der Demokratie einläuten, war falsch.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Acht Jahre später stellt sich die politische Situation anders dar. In den USA wurde mit Donald Trump ein Anti-Politiker gewählt, der die Demokratie nur noch als lästiges Übel sieht. In der Türkei, in Polen und Ungarn sind wir gerade dabei, die demokratischen Grundsätze nach und nach abzuschaffen. In Frankreich könnte nächstes Jahr Marine Le Pen die Wahlen gewinnen. Und auch in Deutschland können wir ein Erstarken des Rechtspopulismus beobachten. Rückblickend betrachtet waren meine Annahmen grundfalsch und reichlich naiv. Von einem Zeitalter der Demokratie kann man selbst als absoluter Optimist nun wahrlich nicht (mehr) sprechen. 

Einen Schuldigen für die aktuelle Situation haben mittlerweile viele gefunden: das Internet. Erst waren es Social Bots, die Filterblasen und Fake News. Mittlerweile wird der Einsatz von Big Data als Buhmann durch den medialen Ring geschleppt. Dem Unternehmen Cambridge Analytica soll es (laut Eigenaussage) gelungen sein, die Mechanismen der gezielten Wähleransprache über Social Media anhand von Facebook-Likes und anderer Daten so zu verbessern, dass einzelne Menschen in politischen Entscheidungen beeinflusst werden konnten. Big Data, so heißt es nun in vielen Kommentaren, sei gefährlich und habe für Donald Trump die Wahlen gewonnen.

Die Wahrheit sieht allerdings anders aus. Alle Berichte über die neue große Macht der Daten speisen sich auf den Aussagen des Unternehmens. Also eine Agentur, die in den Vorwahlen für Ted Cruz gearbeitet hat und damit auch gegen Donald Trump die Vorwahlen verloren hat. Und eine Agentur die zuvor für die Brexit Kampagne gearbeitet hat, denen aber noch während der Kampagne der Auftrag entzogen wurde. Ob die Agentur also der beste Kronzeuge in eigener Sache ist, darf doch sehr angezweifelt werden.

Menschen sind komplexer als ihre Facebook-Likes. Sie können nicht allein anhand dieser Daten kategorisiert werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Selbst wenn man allerdings größtes Vertrauen in die Aussagen des Unternehmens hat: die Idee, unsere menschliche Psyche, unsere Überzeugungen und unsere Werte würden sich in einigen Facebook Likes ausdrücken, ist dabei auch nicht gerade überzeugend. Das menschliche Wesen ist auch im digitalen Zeitalter mehr als die Summe seiner Facebook Likes. Ich habe den Selbsttest bei der Agentur gemacht: kaum Aussagen über mich haben wirklich gestimmt und mein Daumen hoch für Barack Obama und zeitgleich (aus Beobachtungszwecken) für den konservativen US-Sender Fox News hat den angeblich so klugen Algorithmus gänzlich aus dem Konzept gebracht.

Zielgerichtete Social Media-Nachrichten können Stimmungen verstärken, die Menschen aber nicht umstimmen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Zielgerichtete Nachrichten, wie sie wohl Donald Trump und Barack Obama in ihren Wahlkampagnen eingesetzt haben, sind keine gefährlichen Monsterwerkzeuge. Sie sind Werkzeuge, die Stimmungen bei Menschen verstärken können. So wie das auch jede Wahlkampagne tun kann. Und wenn wir bei Barack Obama den Einsatz von Daten bejubeln können wir nicht zeitgleich das Gleiche bei Donald Trump bedauern.

So wie ich damals die Chancen des Internets überhöht habe, so überhöhen heute auch die Kritiker die Risiken des Internets auf die Demokratie. Mein Technikoptimismus hat uns nicht weitergebracht und der heutige Technikdefätismus wird es leider genau so wenig tun. 

Was in der Debatte um Big Data, Fake News, Social Bots und dem Rechtsruck gerne ausgeblendet wird: Technik erfindet diese Einstellungen und Weltanschauungen nicht. Im besten Fall macht die Technik die Einstellungen sicht- und nutzbar. Im schlechtesten Fall macht die Technik diese Einstellungen ökonomisier- und ausnutzbar. Um es ganz klar zu sagen: was wir gerade politisch erleben ist nicht das Werk von Programmierern im Silicon Valley, von gefährlichen Algorithmen oder von Technik: Es ist unser aller menschliches Handeln.

Nicht Facebook lässt den Rechtspopulismus entstehen, sondern die Chancenungleichheit der westlichen Gesellschaften.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Es geht also nicht um Big Data, sondern um Konzepte, um Werte, um politische Fragen. Wenn wir den Kampf gegen den Rechtspopulismus gewinnen wollen, dann müssen wir das Problem an der Wurzel packen. Und die Wurzel ist eine immer weitergehende Chancenungleichheit in den „westlichen“ Gesellschaften. Leider sind die politischen und gesellschaftlichen Antworten auf diese Diagnose komplex, nicht schnell zu lösen und für viele unbequem. Da ist der Schuldige Daten schon deutlich gemütlicher für uns. Nur leider bringt uns dieser Schuldige politisch nicht weiter.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.

  1. von Stefan Herwig
    Das Internet hat den Rechtspopulismus genauso beflügelt, wie das Radio den Nazis geholfen hat an die Macht zu kommen, und vor allem auch an der Macht zu bleiben.

    Das macht das Radio als Informationskanal nicht "böse", aber es zeigt, dass Informationskanäle - und das sollten wir deutschen am besten wissen - sinnvoll reguliert gehören.

    Yannick Hahn als Netzpolitiker hat zwar seinen fehler erkannt, will aber seine positivistische trotzdem Ideologie nicht ablegen. Das ist schade, denn nur so kann die Lösung gelingen:

    Wir müssen uns genau fragen, welche Erfordernisse der gesellschaftliche Raum Internet benötigt, und dazu gehören leider auch so unpopuläre Sachen wir Rechtsdurchsetzung, Verbindlichkeit und Regulation.

    Mittlerweile ist die Politik beim Thema Hate Speech nach jahrelangem Nichtstun fast direkt zum übereilten Aktionismus übergegangen. Die reflektierte Auseinandersetzung mit dem Thema hat sie leider dabei irgendwie "übersprungen".

    Wir brauchen eine unaufgeregte Auseindersetzung mit den Fragen, wie wir Verantwortung und Anonymität austarieren, denn das sind die Grundlagen, auf denen man überhaupt erst sinnvolle (Medien-)Strukturen schaffen kann.

    Aber hier wählt der Autor leider nur die Auseinandersetzung mit dem Symptom, statt mit der grundlegenden Ursache.

    Wie gesagt, das Internet macht genausowenig Nazis wie das Radio. Nur damit das Internet wirklich der Gesellschadft dient, braucht es Leitplanken und Rahmenbedingungen. Und wir scheinen trotz der zwei Dekaden von Wildwuchs immer noch nicht an der Stelle angelangt zu sein, an der wir das Problem unideologisch diskutieren können.

    Also: Wann fangen Netzpolitiker endlich an, Netzpolitik zu machen, und keine Netzideologie?