Antisemitismus und Israelkritik Niemand will ein Antisemit sein

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Rechtsanwältin und Aktivistin gegen Antisemitismus

Expertise:

Stefanie Galla ist Rechtsanwältin und seit weit über einem Jahrzehnt engagiert in der Bekämpfung von Antisemitismus. Sie hat in verschiedenen Medien zum Antisemitismus und Antiisraelismus publiziert.

Antisemitische Ressentiments haben wir alle in unserem kulturellen Gepäck. Es gilt endlich damit anzufangen, diese ehrlich aufzuarbeiten, auch wenn es schmerzhaft ist.

Die mediale Aufregung war groß, als im Dezember überwiegend arabische Demonstranten vor dem Brandenburger-Tor israelische Flaggen verbrannten und „Allahu akbar“ riefen. Anlass für die aggressiven Proteste war die Äußerung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, die US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Eine Mehrheit erkannte, dass es sich hierbei nicht mehr nur um Israelkritik, sondern um blanken Antisemitismus handelte. Wenig später kursierte ein Video durchs Internet, in dem ein offensichtlich Deutschstämmiger einen Betreiber eines israelischen Restaurants antisemitisch anging. Der Mann gab, vor Judenhass außer sich, derart nationalsozialistische Parolen von sich, dass auch hier kaum jemandem verborgen blieb, das ist Antisemitismus. Man war empört. Aber was ist mit dem Antisemitismus, der nicht derart offensichtlich daherkommt?

Antisemitimus wurde geächtet, aber ohne zu erklären, was Antisemitismus genau ist

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Den in Deutschland lebenden Menschen ist seit dem Zweiten Weltkrieg beigebracht worden, Krieg ist böse und Judenhass pfui. Es wurde immer wieder gebetsmühlenartig erklärt, was die Deutschen unter den Nazis Juden antaten, darf sich nie wieder wiederholen. Nie wieder! Das haben die meisten von uns verinnerlicht und das ist per se etwas sehr Positives, ein Fortschritt in der Bekämpfung des seit Jahrtausenden währenden Judenhasses. Was aber bei der Aufarbeitung versäumt wurde, beizubringen, was ist Antisemitismus eigentlich. Die meisten denken, Antisemitismus ist eine Spielart des Rassismus. Antisemitismus sei mit Hitler irgendwie vom Himmel auf die Deutschen gefallen und bestenfalls wissen die Menschen noch, dass ganz Europa damals latent antisemitisch war.

Judenhass hat sich immer wieder geändert und den jeweils aktuellen Gegebenheiten angepasst

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Antisemitismus hat über die Jahrtausende immer wieder seine Erscheinungsform gewandelt. Judenhass hat sich den jeweils aktuellen Gegebenheiten angepasst. Den rassistischen Judenhass gibt es erst mit dem Aufkommen der Rassentheorien im 19. Jahrhundert. Der Judenhass sprang also sozusagen auf das Pferd des Rassismus. Er bediente sich des Glaubens an unterschiedliche Rassen, der damals modisch wurde. Religion war etwas, das immer unwichtiger wurde und damit konnte man mit religiösen Begründungen für Judenhass die Massen nicht mehr bewegen. 

Das Rassendenken war passé, es brauchte eine neue Begründung für Judenhass - und die ist politisch

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Heute haben wir alle dank der Aufarbeitung unseres dunkelsten Kapitels in der Geschichte begriffen, es gibt keine unterschiedlichen Rassen von Menschen. In der Konsequenz bedeutet dies für den Antisemitismus, dass angebliche Rassenunterschiede zwischen Juden und Nichtjuden kaum jemanden mehr von der Berechtigung des Judenhasses überzeugt. Es musste also eine neue Herleitung für Antisemitismus her und diese ist heute eine politische.

Bis 1945 waren viele Menschen davon überzeugt, Juden seien eine minderwertige Rasse. Sie waren sich ganz sicher, das sind keine Vorurteile oder Ressentiments gegen Juden. Man meinte zu wissen, die Abneigung gegen Juden hat rationale Wurzel, beruht auf Rassenfakten. So wie man heute glaubt zu wissen, Israel ist ein Unrechtsstaat.

Judenhass ist seit 1945 verpönt. Niemand bzw. kaum jemand möchte ein Antisemit sein. Der Hinweis, dass antisemitische Ressentiments transportiert werden, löst Empörung und auch Verletzung aus bei denen, die Adressat dieses Vorwurfs sind. Das ist grundsätzlich etwas Gutes, aber auch nichts ganz Neues. Nach Pogromen gegen Juden haben sich die Menschen oft geschämt. Heute allerdings gilt Judenhass per se als No-Go.

Die Menschen wollen keine Antisemiten sein und sind sich deshalb sicher, keine antisemitischen Ressentiments zu pflegen

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Auch wenn dies ein Meilenstein im Kampf gegen Antisemitismus ist, es hat auch wie jede Medaille seine Kehrseite. Die Menschen wollen keine Antisemiten sein und sind sich deshalb sicher, keine antisemitischen Ressentiments zu pflegen. Deshalb ist es sehr schwer bis unmöglich, darauf aufmerksam zu machen, Leute, das ist keine Meinung mehr, das ist Antisemitismus. Der Überbringer der schlechten Botschaft, dass nicht mehr nur eine Ansicht geäußert wurde, sondern antisemitische Stereotype bedient wurden, ist oftmals dann der Böse. Weil es beleidigend ist, Antisemitismus vorgeworfen zu bekommen.

Antisemitismus ist nicht mit dem Nationalsozialismus verschwunden.

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Antisemitismus gab es über Jahrtausende. Wenn man sich das klarmacht, drängt sich auf, dass dieser nicht plötzlich mit den Nazis verschwunden sein kann. Wenn man sich dann bewusstmacht, dass Antisemitismus immer wieder seine Erscheinungsformen geändert hat, stellt sich die Frage, welches Ventil sucht sich Judenhass heute?

Früher waren Juden Störenfriede, heute ist Israel der Störenfried

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Heute ist es der politische israelbezogene Antisemitismus. Kritik an einem Staat kann doch nicht antisemitisch sein? Doch kann sie und ist sie ziemlich oft auch, zumindest antisemitisch angehaucht. Israel der Jude unter den Staaten. Viele Menschen haben ein völlig verzerrtes Bild von Israel und sind sich dabei aber sicher, ihr Blick beruht auf Fakten. Die Menschen bis 1945 waren aus rassistischen Gründen davon überzeugt, Juden sind Störenfriede, schaden den anderen Menschen und manipulieren. Heute glauben die Menschen, Israel ist ein Störenfried, Israel ist eine Gefahr für andere Staaten, und man darf nichts gegen Israel sagen. Im Mittelalter waren es die Juden, die Brunnen vergiften. Man war sich ganz sicher. Wieso sonst starben prozentual weniger Juden an der Pest? Die einfache Erklärung, dass Juden strengere Hygienevorschriften hatten, wollte man nicht sehen. Heute nehmen die Juden den Palästinensern das Wasser weg. Auch jetzt möchten viele die Realität nicht sehen und dieses Gerücht glauben.

Judenhass ist grell und wird verurteilt, Antisemitismus tritt weniger deutlich zu Tage

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Der Judenhass auf den Demonstrationen neulich und in dem Video vor dem Restaurant wird einhellig verurteilt. Bei Antisemitismus, der weniger deutlicher zu Tage tritt, gibt es keine Welle der Empörung. Zu viele teilen die Ressentiments oder sehen sie nicht. Lehrer, die es als normale Rangelei abtun, wenn jüdische Kinder von arabischen Mitschülern gemobbt werden. Man müsse doch irgendwie wegen des Nahostkonfliktes Verständnis aufbringen. Journalisten, die einen Kollegen gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigten, als dieser schrieb, Israel sei die größte Gefahr für den Weltfrieden. Medien, die immer wieder titeln, Israel hat Gaza angegriffen, wenn Israel dort Raketenbasen zerstört, von denen aus Israel beschossen wird. Politiker, die beschließen, dass Produkte aus dem Westjordanland gekennzeichnet werden müssen, ohne Vergleichbares bei anderen Staaten zu fordern, die umstrittene Gebiete besetzen. Politiker, die behaupten können, dass es nur eine Meinung sei, Israel als Apartheidstaat zu bezeichnen. Die Liste ist endlos und jede Gruppierung unserer Gesellschaft davon infiziert. Und über die verzerrte Wahrnehmung Israels hinaus, dass es bei der „Israelkritik“ eben um Juden und nicht um Israel geht, zeigt sich allein daran, dass deutsche Juden sich für die Politik Israel immer und immer wieder rechtfertigen müssen.

Wir müssen uns alle mit unseren Ressentiments auseinandersetzen - auch wenn es weh tut

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Antisemitische Ressentiments haben wir alle in unserem kulturellen Gepäck. Es gilt endlich damit anzufangen, diese ehrlich aufzuarbeiten, auch wenn es schmerzhaft ist. Und zwar in allen gesellschaftlichen Gruppierungen. Sich selbst auf die Schulter zu klopfen, weil man bei krassen antisemitischen Vorfällen Stellung bezog, ist kein Kosher-Siegel, dass man selbst kein – latenter - Antisemit ist. Auch wenn man das gerne wäre und davon überzeugt ist, kein Antisemit zu sein.

7 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Uwe R.
    "Antisemitische Ressentiments haben wir alle in unserem kulturellen Gepäck."

    Eine Allaussage wie die angeführte wird durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegt.

    Gibt es in Deutschland also mindestens eine Person, die als "Gerechter unter den Völkern" geehrt wurde, ist die obige Ausage nicht haltbar.

    "Antisemitimus wurde geächtet, aber ohne zu erklären, was Antisemitismus genau ist."

    Der Artikel ist in dieser Hinsicht leider nicht sehr hiflreich. Übrigens verhält es sich mit dem Faschismus genauso, er wurde geächtet, ohne zu erklären, was Faschismus ist.

    Das brachte einen hilflosen Antifaschismus hervor, der in seiner radikalen, rabiaten und aggressiven Form das genaue Gegenteil von dem ist, was er behauptet zu sein.

    Mein Eindruck ist, dass es sich bei manchen Aktivisten gegen Antisemitismus ähnlich verhält.
    1. von Sandra Kreisler
      Antwort auf den Beitrag von Uwe R. 06.01.2018, 14:03:24
      Nein, das ist unrichtig. Natürlich kann man damals Juden geholfen haben, und dennoch antisemitische Ressentiments in einem Hinterstübchen gehabt haben. Vergessen Sie nicht: auch Philosemitismus entsteht aus Antisemitischen Ressentiments. zB wenn man meint, Juden seien stärker, klüger, humorvoller, reicher - und es POSITIV sieht, ist es dennoch ein antisemitisches Vorurteil. Ihr Kommentar zeigt nur, dass die Autorin Recht hat: die wenigsten Leute WISSEN, wo und was antisemitische Ressentiments sind...
  2. von Sandra Kreisler
    Tatsächlich ist es so, dass die Menschen "zu wissen meinen" wie es mit dem Wasser, mit Gaza etc so abläuft - aber zu wenig wird in dem Artikel deutlich, dass das zu einem nicht unbedeutenden Teil auch Schuld der staatlichen Strukturen (zB Richter, die Anschläge auf Synagogen in Deutschland als "legitime Israelkritik" beurteilen, Beschneidungsdebatten etc) und nicht zuletzt auch der Medien ist: Die dpa, die hunderte tendenziöse, halbwahre bis hin zu grob verzerrende Nachrichten bringt, die dann mehrfach von Zeitungen genau so abgeschrieben werden, der Spiegel, die Süddeutsche, die sich freuen, wenn man sich selbst exkulpieren kann, indem man "den Juden" auch Böses unterstellt, Arte, ARD (ich erinnere an den unsäglichen "Faktencheck" der Antisemitismusdoku, der voll von Unwahrheiten war, einfach zu demaskieren und dennoch sendefähig) auch das ZDF (gerade kürzlich Herr Lanz - der sogar unfähig war, ein Pentagramm von einem Davidstern zu unterscheiden, aber die Schuld für den Konflikt ausschliesslich Israel zuschob) täglich kann man in Deutschlands A und B-Medien die tendenziösesten Berichte sehen, die straflos gesendet werden, einfach weil sie damit dem vermeintlichen Mainstream genüge tun - mit einem Wort: es scheint schlicht allen angenehm zu sein, Israel zu dämonisieren, zu delegitimieren, mit doppelten Standards zu beurteilen und damit dem Antisemitismus Vorschub zu leisten. Wenn ein "Herr" Gabriel straflos wiederholen kann, Israel sei ein Apartheid-Staat, wo es doch die ARABISCHEN Staaten sind, in denen Juden unerwünscht sind (in Israel leben 25% Araber mit absolut gleichen Rechten wie alle Staatsbürger, auch mehr als in Deutschland nebenbei, denn niemand denkt daran Burka oder Kopftuch in Frage zu stellen) - Wenn sogar so etwas hier "einfach so durchgeht" beschleicht einen der Verdacht, es sei doch allgemein ganz angenehm, sich seiner Vergangenheit zu entledigen, indem man die einstigen Opfer zu Tätern stilisiert.
    1. von Manuela Eder
      Antwort auf den Beitrag von Sandra Kreisler 05.01.2018, 20:18:22
      Israelkritik ist deutsche Pflicht !
      Rassismus auf Regierungsebene, wie in Israel darf NIE WIEDER ignoriert oder beschönigt werden.

      Jeder Deutsche, jeder Israelunterstützer und jeder Jude muss sich der „INDOKTRINATION“ des instrumentalisierten Antisemitismus gewahr werden.
      Noch vor 1900 wurde dieser Term bewusst und planvoll (Theodor Herzl) verwendet um einen jüdischen Staat zu ermöglichen.
      Auch wenn dies schwer verdaulich ist, kann wohl niemand leugnen, dass gerade Juden von einem „Hass gegen Juden“ selbst indoktriniert sind und diesen projektieren.

      Nein, es gibt keine Unterscheidung von Rassismus.
      Antisemitismus ist tatsächlich nichts anderes, als Rassismus gegen Juden.
      Nichts anderes.
      Rassismus ist falsch und muss bekämpft werden.
      Genauso falsch ist es aber, eine ethnische Gruppe MEHR zu beschützen, als eine andere ethnische Gruppe.
      Warum sollte man Juden bevorzugt behandeln ?
      Weil Sie einmal Opfer waren ?
      Weil Sie die „AUSERWÄHLTEN“ sind ?
      Weil Sie besser sind als andere oder mehr Schutz brauchen (auch wenn Sie Täter sind) ?
      Das dreijährige palästinensische Kind, das letzte Woche in den Kopf geschossen wurde, während einer Trainingseinheit der Besatzungsmacht Israel in besetztem Gebiet Palästina wurde nicht beschützt, weil palästinensische Christen und Muslime im Heiligen Land beraubt, verletzt, vertrieben, inhaftiert, gefoltert und getötet werden können.
      Israel ist ein rechtsfreier Taum für Nicht-Juden, auch wenn er als scheinbare Demokratie daherkommt.
      Gut nur, dass immer mehr Juden und jüdische Organisationen die BDS Bewegung unterstützen, die friedlich und gewaltlos nichts weiter fordert, als ein Ende der Besatzung und die Implementierung von Völkerrecht und Menschenrechten.
    2. von Sandra Kreisler
      Antwort auf den Beitrag von Manuela Eder 14.01.2018, 18:28:25
      Genau Ihr Kommentar zeigt, wo überall Antisemitismus sich versteckt. Israel ist von Rassismus so weit entfernt wie jedes andere westliche Land - sogar noch weiter: eine Burkini Diskussion gibt es in Israel nicht, in Deutschland gibt es nicht einen einzigen Muslimischen Richter am obersten Gericht, es gibt kaum muslimische Polizisten, Militärs etc, es haben gemessen an der Bevölkerungszahl viel zu wenige Menschen mit Migrationshintergrund Oberschichtjobs haben Akademikergrade etc, - all das ist in Israel normal. Sie reden und plustern Ihrer Antisemischen Ressentiments raus, und haben - wie ich es genau oben sagte: KEI-NE Ahnung.
    3. von Sandra Kreisler
      Antwort auf den Beitrag von Sandra Kreisler 14.01.2018, 18:44:48
      (die Tippfehler und dadurch Deutschfehler bitte ich zu entschuldigen)
    4. von Manuela Eder
      Antwort auf den Beitrag von Sandra Kreisler 14.01.2018, 18:44:48
      Wie Sie meinen.
      Ich empfehle Ihnen ebenfalls, sich zu informieren.