Antisemitismus und Israelkritik Es gelten Doppelstandards

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Verleger, Buchautor, Übersetzer

Expertise:

Abraham Melzer ist ein deutsch-jüdischer Verleger, Buchautor, Übersetzer und Herausgeber der Internet-Zeitschrift Der Semit. 2017 erschien von ihm "Die Antisemitenmacher. Deutschland, Israel und die neue Rechte" (Westend Verlag).

Antisemitismus darf in unserem Land nie wieder geduldet werden. Wenn aber heute jegliche Kritik an der staatlichen Politik Israels als Antisemitismus diffamiert wird, haben wir ein Problem

Um es vorwegzunehmen: Nein, die Bundesregierung ist selbstverständlich nicht antisemitisch. Dennoch will Innenminister Thomas de Maiziere einen „Antisemitismus-Beauftragten“ einsetzen. Derselbe de Maiziere, der geflüchtete Pakistanis in den sicheren Tod zurückschicken will, erhebt sich hier als der Beschützer der Juden.

Ein Antisemtismusbeauftragter macht aus Juden wieder etwas Besonderes - und schafft Ressentiments

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Ein solches Vorhaben ist eine antisemitische Handlung, denn sie macht aus Juden wieder etwas Besonderes, gibt ihnen Sonderrechte und schafft damit Ressentiments in der Bevölkerung. Darüber hinaus gilt es richtigerweise als antisemitisch, Israel mit Doppelstandarts zu belegen, wie uns unermüdlich die Wächter des Antisemitismus einzutrichtern versuchen. Diesen kleinen Denkfehler scheinen sie nicht zu sehen und de Maiziere wohl auch nicht. Wir Juden haben es schon einmal erlebt, dass wir in Deutschland sonderbehandelt wurden. Das Ergebnis ist bekannt.

Der Oberbegriff von Antisemitismus ist Rassismus

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Antisemitismus ist das Gerücht über Juden, nur weil sie Juden sind. Der Oberbegriff ist Rassismus. Antisemitismus ist nicht mehr und nicht weniger als eine der vielen Arten von Rassismus. Wenn die Bundesregierung einen Rassismus-Beauftragten einsetzen würde, der sich auch um die Probleme von Türken, Sinti und Roma, Schwarzen und Obdachlosen kümmern würde, dann wäre ich als erster dafür. Von all diesen Gruppen sind doch die Juden heute die am wenigsten Betroffenen und Diskriminierten. Oder ist ein Jude auf einer Sitzbank verbrannt oder sind etwa zehn Juden in einer Mordserie getötet worden?

Es gibt Antisemiten in Deutschland, aber deshalb hat nicht gleich das ganze Land ein Antisemitismusproblem

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Andererseits wissen wir, dass es noch Antisemiten in Deutschland gibt. Ich halte sie aber nicht für gefährlich, und ich glaube nicht, dass sie die Existenz der jüdischen Gemeinden in Deutschland oder gar des Staates Israel gefährden. Und wenn in unserer verrohten Gesellschaft auch der eine oder andere Jude geschädigt wird, dann soll und muss es verurteilt werden, aber man sollte nicht gleich ganz Deutschland Antisemitismus vorwerfen. Für solche Straftaten ist die Polizei zuständig.

Glaubt irgendwer, dass ein Antisemitismus-Beauftragter dafür sorgen wird, dass es weniger Antisemitismus gibt?

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Juden leben in diesem Land sicher, frei und gleichberechtigt wie alle Bürger. Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist zwar die Vertretung der Juden in Deutschland (warum nicht der „Deutschen Juden“?), er verhält sich aber leider wie eine Außenstelle der israelischen Botschaft und vertritt, päpstlicher als der Papst, israelische-zionistische-rassistische Positionen. Sämtliche Zentralrats Vorsitzende, von Heinz Galinski  über Charlotte Knobloch bis zum heutigen Vorsitzenden Josef Schuster, waren nicht müde zu behaupten, wie sehr ihr Herz für Israel schlägt und sie ohne Wenn und Aber hinter Israels völkerrechtswidrige Politik stehen. Wozu brauchen wir einen Antisemitismus-Beauftragten? Was, bitte schön, soll er konkret machen? Glaubt denn irgendwer, dass es dadurch weniger Antisemitismus geben wird? Glaubt denn irgendwer, dass ein solcher Beauftragter es schaffen könnte, dass Juden weniger geschmäht oder gar angegriffen werden? Und wenn eine Jude sagt: „Mir muss niemand erklären was Antisemitismus ist oder nicht ist. Ich erkenne ihn, wenn er mir begegnet“, könnte er mit dieser Nummer in einem Zirkus auftreten, denn das ist genauso scheußlich wie die Aussage von Nazis oder Neonazis oder echten Antisemiten, dass sie einen Juden erkennen, wenn sie ihn begegnen. Im Gegenteil, dadurch wird es mehr Antisemitismus geben, weil es viele Menschen empören wird.

Palästinenser werden als Antisemiten diffamiert, wenn sie gegen Israels Politik demonstrieren. Das kann nicht sein 

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Es kann doch nicht sein, dass man Deutsche, die mit den Palästinensern Empathie haben, als Antisemiten brandmarkt. Es kann doch nicht sein, dass man Palästinenser, die in Deutschland Zuflucht vor der israelischen Willkür gefunden haben, als Antisemiten diffamiert, weil sie, aus Wut, Zorn und Empörung über die Missachtung ihrer Rechte und Verachtung ihrer Würde, eine israelische Fahne verbrennen. Und eine israelische Fahne ist nicht mehr als eine israelische Fahne und keine „jüdische Flagge“ bzw. ein Symbol des Judentums, wie es von manchen zu hören war. Das Judentum hat keine Fahne, sein Symbol ist die Thora.

Avi Primor sagte: "Nicht der Antisemitismus nimmt zu, sondern die Sympathien für Israel nehmen ab." Recht hat er

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Richtig, hier brannte eine selbstgebastelte israelische Fahne, das ist nicht schön und sollte verurteilt werden. Was aber ist eine Fahne gegenüber drei toten jungen Palästinensern, die nach Trumps Entscheidung zu beklagen sind? Diese Ungleichheit empört viele.
Ich bin nicht der Meinung von Schuster und de Maizière, dass der Antisemitismus in Deutschland wächst. Ich teile eher die Meinung des ehemaligen israelischen Botschafters Avi Primor, der gesagt hat: "Nicht der Antisemitismus nimmt zu, sondern die Sympathien für Israel nehmen ab." Alle statistischen Erhebungen, die von der Bundesregierung bisher erhoben wurden, sprechen eine andere Sprache, zumal fast alles, was als Antisemitismus gebrandmarkt wird, nichts anderes als Kritik an der Politik des Staates Israel ist.

Der Antisemitismus ist im Eimer, wenn sogar ich Antisemit genannt werde

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Schon längst ist der Antisemitismus im Eimer, auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Wenn Juden wie Moshe Zuckermann, Rolf Verleger und ich Antisemiten sind, und in meinem Fall sogar ein „berüchtigter Antisemit“, wie mich die Jüdin Charlotte Knobloch bezeichnete, dann ist doch etwas faul in diesem Staat.

Israel unterhält mit lauter ultrarechten Parteien gute Beziehungen - das muss man ablehnen

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Wenn der Staat Israel mit allen rechten- und ultrarechten Parteien in Europa gute, enge und sogar herzliche Beziehungen unterhält, darunter auch die AfD, und die Linken als Antisemiten diffamiert und ablehnt, dann hat man keine andere Wahl, als sich von diesem Staat zu distanzieren und seine Politik abzulehnen.

Es mag Vorbehalte gegen Juden geben, aber das ist nicht der Antisemitismus, vor dem wir Juden uns fürchten müssen

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Wir brauchen keinen Antisemitismus-Beauftragten, der uns wie ein Kosher-Beauftragter überwacht. Es würde ja nicht bei einem „Beauftragten“ bleiben, sondern es müsste eine Behörde werden und erinnert es dann nicht an das „Judenreferat“ der Nazis? Ein solches parasitäres Organ wird den Antisemitismus endgültig begraben, aber nicht beseitigen. Ich lebe schon lange genug in diesem Land um festzustellen, dass es hier zwar Antisemiten, und „Antisemitismus“ gibt, nicht aber in den Parteien, Behörden, Kirchen und Organisationen und am aller wenigsten in der Gesellschaft, es sei denn an manchen Stammtischen und Kegelklubs. Es mag noch da und dort Vorbehalte und Vorurteile geben, aber das ist nicht der Antisemitismus vor dem wir Juden uns fürchten müssen, das ist nicht die Gefahr, die Juden wie Schuster und Broder heraufbeschwören, wenn sie behaupten, dass sich in Deutschland die Shoa wiederholen könnte.

Israel schlägt gegen Kritik mit dem Vorwurf des Antisemitismus zurück

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Nach meiner Beobachtung handelt es sich in den meisten Fällen um Kritik an der Politik des Staates Israel, und Israel schlägt zurück, indem es uns alle, Deutsche und deutsche Juden als Antisemiten brandmarkt. Es handelt nach dem Motto eines ehemaligen israelischen Botschafter in den USA, der, als man ihn fragte, was sein größter Erfolg während seiner Zeit in Washington war, geantwortet hat: „Es ist mir gelungen die amerikanische Administration davon zu überzeugen, dass Anti-Zionismus gleich Antisemitismus ist.“

Deutsche Städträte vermieten ungern Räume für Veranstaltungen, in denen Israel kritisiert wird

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Es scheint als ob es der israelischen Propaganda auch gelungen ist, deutsche Politiker, und nicht zuletzt die Presse, davon zu überzeugen. Und so handeln heute viele Stadträte in deutschen Städten in einer Art von vorauseilendem Gehorsam und mit der Absicht, Israel zu gefallen, wenn sie Veranstaltungen, in denen die israelische Politik kritisiert wird, die Räume vorenthalten. Denn es tut ja so gut, sich auf der vermeintlich richtigen Seite zu wähnen, in dem man sich einbildet irgendwelchen Anfängen zu wehren, inzwischen wird aber woanders das Völkerrecht gebrochen, werden Menschen vertrieben und ein ganzes Volk seiner Zukunft beraubt.

Wenn jegliche Kritik an der staatlichen Politik Israels als Antisemitismus diffamiert wird,  haben wir ein Problem

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Antisemitismus darf in unserem Land nie wieder geduldet werden. Wenn aber heute jegliche Kritik an der staatlichen Politik Israels als Antisemitismus diffamiert wird, dann haben wir ein Problem. Es darf doch nicht sein, dass Menschen, die sich kritisch mit der israelischen Politik auseinandersetzen, keine Räume mehr bekommen, wie es immer mehr Stadtverwaltungen beschließen wollen, und wie es mir während der Frankfurter Buchmesse erging, als ich mein Buch vorstellen wollte.

Da stellt sich die Frage, ob ein Antisemitismus-Beauftragter hier hilfreich sein wird, oder nicht. Wenn es aber dazu führen wird, dass noch strikter jegliche Kritik unterbunden wird, dann brauchen wir diesen Beauftragten nicht. Meine Befürchtungen hier sind groß, denn eine kritische Meinungsbildung wird schon jetzt behindert.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Johannes Feest
    "Ein Antisemtismusbeauftragter macht aus Juden wieder etwas Besonderes - und schafft Ressentiments"
    Ich halte den Antisemitismus-Beauftragten für eine schlechte Idee, weil es sinnvollerweise ein Antirassismus-Beauftragter sein müsste.Der These von Melzer stimme ich zu, auch wenn ich seiner Begründung nicht rundherum folge.
  2. von Uwe R.
    "Nicht der Antisemitismus nimmt zu, sondern die Sympathien für Israel nehmen ab."

    Das ist in der Tat so, was man seit den 1970er beobachten kann. Einerseits gab es 1972 die Morde an israelischen Sportlern in München durch arabische Terroristen und andererseits pflegten politische Parteien Kontakte mit Arafat und der Fatah und in den Medien gibt es seitdem eine erstaunlich freundliche Haltung gegenüber den Palästinensern.

    Für mich stellt sich aber bei der hier angeführten Aussage, dass mit dem Vorwurf des Antisemitismus die Kritik an der Politik Israels unterdrückt würde, die Frage, warum hier überhaupt jemand die Politik Israels oder auch anderer Staaten kritisieren solle?

    Fühlen sich denn so viele Leute zu Westentaschendiplomaten berufen, dass sie zu einer sachlichen Kritik der Politik anderer Länder überhaupt in der Lage wären?

    Einen Antisemitismusbeauftragten und ein entsprechendes Amt benötigen wir tatsächlich nicht. Denn anstelle dass Probleme gelöst werden, schafft man neue Ämter; es gibt eine regelrechte Inflation von Beaufragten für irgendwas, anstelle einer Politik, die das jeweils überflüssig machte.

    Eines der Probleme hat man sich durch die Aufnahme von Personen aus dem Gaza-Streifen und dem Westjordanland geschaffen. Damit wurden die dortigen Konflikte hierhergeholt. Das machte man auch mit einigen anderen Problemen aus der islamischen Welt.

    Bis in die 1980er war übrigens wie im übrigen Westen auch bei uns die Religionszugehörigkeit keine der primären Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Unterscheidungskategorien mehr. Man wurde also nicht als Katholik, Jude oder Muslim wahrgenommen, sondern als Deutscher, Israeli oder bspw. Türke, der jeweils möglicherweise einer Religion angehört.

    Kehrte man dahin zurück, würde sich womöglich auch das Problem mit dem im Land noch latent vorhandenen Antisemitismus lösen, aber vor allem auch mit dem seit 50 Jahren und dann neuerlich massenhaft importierten Antisemitismus.