Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt Frauen stecken in der Sorgearbeit-Falle

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Dekanin an der Juristischen Fakultät Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

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Eva Kocher ist Professorin an der Juristischen Fakultät der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (oder). Sie ist die Vorsitzende der Sachverständigenkommission zum Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung.

Frauen werden in Deutschland schlechter bezahlt als Männer. Zum einen, weil Sorgearbeiten größenteils von Frauen ausgeführt werden, diese aber gesellschaftlich entwertet sind. Aber auch weil es immer noch tief sitzende Vorurteile über Geschlechterrollen gibt.

Wer genau hin sieht, erkennt es schnell: Das Geschlecht einer Person spielt in der Arbeitswelt eine große Rolle. Dies ist unter anderem ökonomisch messbar: Im Durchschnitt erhalten Arbeit­nehme­rinnen pro Stunde ungefähr ein Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen.

Diese Entgeltdifferenz ("Gender Pay Gap") hat viele Gründe. Der Wunsch nach Teilzeitarbeit, oder einer Aus­zeit, um sich auf Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen zu konzentrieren, wirkt sich im Erwerbsleben immer noch negativ aus. Viele Unternehmen sehen es immer noch als "normal" an, dass Beschäftigte dem Betrieb ohne Unterbrechung mindestens 40 Stunden in der Woche zur Ver­fügung stehen. Der Wunsch, in der Erwerbsarbeit etwas kürzer zu treten, wird dann als "Ausnahme" oder "Sonderfall" gewertet, und als Zeichen dafür, dass der oder die Betreffende wohl kein großes Interesse an Karriere und Engagement für den Beruf habe.

Sorgearbeiten sind in Deutschland unsichtbar und entwertet - und werden vor allem Frauen zugeordnet.

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Das heißt: Die Erwerbsarbeit ist für die Beschäftigten so organisiert, als gebe es so etwas wie den Haushalt, die Sorge für Kinder oder pflegebedürftige Personen nicht. Diese Sorge­arbeiten sind unsichtbar und entwertet – und sie werden mehr oder weniger explizit Frauen zugeordnet und sehr häufig von Frauen übernommen. Frauen übernehmen in Deutschland im Durchschnitt ca. 50 Prozent mehr an unbezahlter Arbeit als Männer ("Gender Care Gap"). Selbst Arbeitgeber, die flexible Arbeitszeiten nach den Bedürfnissen der Beschäftigten ermöglichen, gehen oft davon aus, dass dies etwas für Frauen sei; Männer, die gerne eine längere Elternzeit nehmen wollen als zwei Monate oder die im Anschluss an die Elternzeit in Teilzeit gehen möchten, machen nicht selten die Erfahrung, dass dies Überraschung, Ablehnung oder Benach­teili­gungen nach sich zieht.

Diese Erfahrungen machen aber auch deutlich, dass es keineswegs eine freie Entscheidung jeder Person ist, wie Familien- und Sorgearbeit aufgeteilt wird, und dass die Aufteilung in Ehe oder Lebensgemeinschaft keineswegs unbeeinflusst von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ausgehandelt wird. Das Gutachten zum Zweiten Gleichstellungsbericht zeigt auf: Bei der Entscheidung, welches Elternteil einen größeren Anteil an der Kindererziehung übernimmt und welches Elternteil sich auf die Karriere konzentriert, spielt es natürlich eine Rolle, wer im Betrieb und an der Arbeitsstelle mit weniger Problemen zu rechnen hat, falls er oder sie zeitweilig kürzer treten oder bei Krankheit des Kindes zu Hause bleiben möchte. Und es spielt eine noch größere Rolle, wer mehr verdient und deshalb durch den Job mehr zum Haushaltseinkommen beitragen kann.

Die Aufteilung der Arbeit im Haushalt auf Mann und Frau wird gesellschaftlich nicht gefördert.

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Aber könnte man die Arbeit zu Hause nicht auch gleich aufteilen – so dass alle Familien­angehörigen die Chance bekommen, sowohl am Erwerbsleben als auch am Leben der Kinder teilzuhaben? Im Prinzip ja; dies wird aber gesellschaftlich nicht gefördert. Paare, die sich dies vornehmen, müsse es gegen vielerlei Widerstände von außen mühsam durchsetzen. Wer diese Kraft nicht aufbringen will, scheitert oft am Arbeitsmarkt, der für Männer mit Kindern einen Voll­zeitjob und für Frauen mit Kindern eine Teilzeitbeschäftigung vorsieht. Auch vom Steuer­recht kommen klare Anreize, die Arbeit möglichst ungleich aufzuteilen: Nur wenn Ehe­leute oder eingetragene Partnerinnen und Partner große Einkommensunterschiede haben, bringt ihnen das Ehegattensplitting finanzielle Vorteile. Und die Steuerklassen­kombination III/V lässt es zu allem Überfluss auch noch so aussehen, als hätte der oder die Mehrverdiener/in den Steuervorteil "verdient", obwohl er doch beiden gemeinsam zusteht.

Wenn eine Mutter oder ein Vater sich nach einer Phase der Teilzeit so langsam wieder dem Beruf zuwenden will, zahlt die Familie also oft zunächst einmal drauf, vor allem wenn die Betreffenden aus einem Minijob kommen: Das Familieneinkommen sinkt erst einmal mit jeder Stunde Mehrarbeit der Minijobberin, denn nun müssen volle Steuern und Sozial­ver­siche­rung einschließlich Krankenversicherung bezahlt werden, während gleichzeitig die Förde­rung durch das Ehegattensplitting immer geringer wird.

Zuletzt dürfen wir nicht vergessen: Wer eine qualitativ gute und zuverlässige Kinderbetreuung auch an Nachmittagen oder zu Randzeiten sucht, wer pflegebedürftige Angehörige hat, der oder die kann sich in anderen Ländern Europas auf öffentliche und private Dienstleistungen verlassen. In Deutschland hingegen wird immer noch erwartet, dass die Familien viel an Organisations- und Sorgearbeit unbezahlt selbst erledigen. Wer meint, Schuldgefühle, schlechtes Gewissen und das Aushandeln von Arbeitsaufteilungen innerhalb der Beziehung seien rein persönliche Angelegenheiten, irrt. Denn auch diese privaten Angelegenheiten sind stark von rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie öffentlicher Infrastruktur beeinflusst und geprägt.

Wie sehr die wichtigen Aufgaben in der Erziehung, Betreuung, Pflege und Haushalt gering schätzt werden, ja unsichtbar gemacht und entwertet werden, wird deutlich, wenn man sich die geringen Verdienste und fehlenden beruflichen Ent­wicklungsmöglichkeiten in diesen Bereichen anschaut: Wer sich für einen solchen Beruf entscheidet, landet häufig in beruflichen Sackgassen. Dies fängt schon beim Berufsstart an: Während man im Fall einer Ausbildung in der Industrie mit einer Ausbildungsvergütung rechnen kann, muss für die Ausbildung im Gesund­heits­sektor umgekehrt (Schul-)Geld bezahlt werden (der aktuelle Entwurf für ein Gesetz zur Reform der Pflegeberufe plant hier zwar erste Verbesserungen, kommt aber leider nicht vom Fleck).

An vielen Stellen sind Schritte möglich, um eine größere Autonomie in der Organisation des Lebens zu ermöglichen.

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Es hängt also viel zusammen, was nicht immer zusammen gedacht wird: Nachteile in der Erwerbsarbeit entstehen auch dadurch, wie unbezahlte Arbeit gesellschaftlich organisiert und anerkannt ist. Die gute Nachricht dabei ist: An sehr vielen Stellen sind Schritte möglich, den Menschen größere Autonomie in der Organisation ihres Lebens und gleiche Ver­wirk­lichungsmöglichkeiten in der Erwerbsarbeit zu schaffen. Arbeitgeber können dafür sorgen, dass es im Betrieb zur Selbstverständlichkeit wird, Familie zu haben und für sie da sein zu können – und zwar auch für Väter und auch für Führungskräfte! Der Gesetzgeber könnte diese Prozesse mit einem Wahl­arbeits­zeitgesetz unterstützen und gleichzeitig für ein neutrales Steuer- und Sozial­versiche­rungs­recht sowie für zugängliche Infrastrukturen und Dienstleistungen sorgen.

Ausreichen wird dies allerdings nicht. Das Geschlecht ist eben auch ein Faktor der Benach­teili­gung, wo die unbezahlte Arbeit gar nicht im Wege steht. Der "Gender Pay Gap", die Entgeltdifferenz der durchschnittlichen Bruttostundenlöhne von Männern und Frauen (21 Prozent), enthält bis heute einen nicht geringen Anteil, der mit Teil­zeit­arbeit, Wieder­ein­stiegs­problemen und ähnlichem nichts zu tun hat. Frauen verdienen auch deshalb weniger als Männer, weil ihre Arbeit weniger wert­geschätzt wird. Diskri­minie­rung wegen des Geschlechts gibt es auf vielen Ebenen.

Tief sitzende Vorurteile spielen bei der Bezahlung von Frauen nach wie vor eine Rolle.

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In den Niederlanden beispielsweise verdienen Transsexuelle nach der Transition zum weiblichen Geschlecht durchschnittlich 20 Prozent weniger als vorher. Der Unterschied zwischen dem Einkommen von Migran­tinnen und Migranten ist im Durchschnitt nach dem Zuzug nach Deutschland größer als vorher. Die Migration und das Leben in Deutschland verstärken also anscheinend Geschlechterungleichheiten. Oder, noch ein anderer Bereich: Bei der dienstlichen Bewertung von Beamtinnen und Beamten werden Männer nicht selten auch deshalb besser bewertet als Frauen, weil sie dem Bild besser entsprechen, das die Vorgesetzten von einer "durch­setzungsstarken Führungskraft" haben – tief sitzende Vorurteile, die mit der tatsäch­lichen Leistung nicht viel zu tun haben, und die nicht nur im öffentlichen Dienst, sondern auch in der Privatwirtschaft wirken. Wen wundert‘s da, dass weibliche Führungskräfte nach wie vor Ausnahmeerscheinungen sind.

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