Zeitgenössischer Feminismus Die Frau ist kein schwaches, sensibles Wesen

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Mitbegründerin der Initiative Liberaler Feminismus

Expertise:

Judith Sevinc Basad ist Mitgründerin der Initiative "Liberaler Feminismus" und engagiert sich im Verein "Frauen in der Literaturwissenschaft" (FrideL e.V). Sie studierte Germanistik und Philosophie in Stuttgart und studiert momentan Neuere Deutschen Literatur an der FU Berlin mit Schwerpunkt in der Geschlechterforschung.

Viele Feministen sehen Frauen immer noch als "schwaches Geschlecht". Damit werden Vorurteile reproduziert. Frauen müssen stark und selbstbewusst auftreten und sich nicht auf Gleichstellungsbeauftragte verlassen.

Was waren das für Zeiten! Damals, als Simone de Beauvoir und 343 andere Frauen zum Schlag ausholten: „Wir haben abgetrieben!“  ließen sie 1971 in einer Ausgabe des Pariser Magazins „Nouvel Observateur“ die Welt wissen. Ein riskanter Schritt, denn der Schwangerschaftsabbruch war nach französischem Recht in diesen Tagen illegal. Den Frauen drohte dabei nicht nur eine Haftstrafe, sondern im piefigen Frankreich der Nachkriegsjahre auch der Verlust ihres öffentlichen Ansehens, das Ende ihrer Karrieren und letztendlich die gesellschaftliche Isolation. Doch der Mut der Französinnen sollte sich auszahlen: Abtreibungen wurden wenig später vom Gesetzgeber legalisiert und die Kampagne zum Vorbild für eine ganz ähnliche Aktion im Nachbarland Deutschland.

Zeitgenössische Feministen lassen Kampfeslust und Mut vermissen.

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Beauvoirs Mut und Kampfeslust lassen die zeitgenössischen Feministen vermissen. Im Konfliktfall ballen sie nicht länger ihre Fäuste, sondern verstecken sich lieber im „Safe Space“. So geschah es etwa an der amerikanischen Brown University. Als eine Studentengruppe der Elite-Uni im Herbst 2014 eine Diskussionsrunde über sexuellen Missbrauch an US-Hochschulen plante, kam Widerstand von einer Gruppe feministischer Campus-Aktivisten. Denn eingeladen war auch eine Diskutantin, die die Existenz einer „Vergewaltigungskultur“ in Frage stellte. Die Debatte könne zartbesaitete Wesen verletzten warnten ihrerseits die feministischen Aktivisten deshalb. Die Aktivisten richteten daher einen Rückzugsraum für all jene ein, die sich nicht der bedrohlichen Debatte aussetzen wollten.

Die Einrichtung dieses „Safe Spaces“ sagt viel über das Frauenbild aus, dem die Aktivistengruppe offensichtlich anhängt: Die Studentinnen konnten sich dort in Decken und Kissen kuscheln, mit Knetmasse und Seifenblasen spielen und Videos mit „fröhlich herumtollenden Welpen“ ansehen.

Es braucht keine Telefonleitung ins Jenseits, um zu erahnen, dass die feministische Pionierin Beauvoir mit einer solchen Vorstellung von Weiblichkeit ihre Probleme gehabt hätte. Denn der Kampf der Französin galt nicht alleine Paragraphen, die der Gleichberechtigung im Wege standen und Frauen verwehrten, frei über ihren Körper, ihre Sexualität und ihr Berufsleben zu entscheiden. Beauvoir kämpfte auch gegen ein jahrhundertealtes, antiquiertes Frauenbild, das die Frau als passives, schüchternes und emotionales Wesen zeigte.

Zeitgenössische Feministen sehen Frauen als passive und schüchterne Wesen.

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Die Französin fasste diese weibliche Identität unter dem Begriff „das Andere“ zusammen und bezog sich damit auf einen bekannten Mechanismus der Identitätsfindung: Damit sich „das Eine“ als Subjekt überhaupt definieren kann, grenzt es „das Andere“ als Objekt aus. Mit anderen Worten: Rationalität und Stärke können erst dann als männliche Eigenschaften definiert werden, wenn ihnen weibliche Charakteristika wie Emotionalität und Passivität entgegengesetzt werden.

„Die Frau wird nicht als Frau geboren, sie wird zur Frau gemacht“ folgerte Beauvoir daher und verurteilte soziale Prozesse und patriarchale Strukturen, die Frauen in Geschlechterstereotype wie Schwäche, Passivität und Zurückhaltung zwängen – und ihnen damit den zweiten Platz in der Gesellschaft zuweisen.

Beauvoirs Beobachtung über Geschlechteridentitäten war einerseits revolutionär – warf andererseits aber neue Fragen auf. Denn wenn die weibliche Identität nur das Resultat einer männlichen Zuschreibung wäre, wie es die Französin beschreibt, wie ließe sich dann Weiblichkeit definieren? Viel wichtiger: Gibt es überhaupt so etwas wie eine genuine Weiblichkeit? Beauvoirs Erben wurden sich in beiden Fragen nicht einig.

So gründeten etwa in den 70er Jahren Vertreterinnen des französischen Poststrukturalismus die literarische Bewegung „Écriture féminine“ - ein „weibliches Schreiben“, durch das Frauen ihre verlorene Weiblichkeit zurückerobern wollten. Die männliche Norm der Literatur, also das rationale und geordnete Erzählen, sollte durch die „weibliche“ Polyphonie, Sensibilität und Emotionalität subvertiert werden. Die Feministinnen schufen aus den Eigenschaften des „Anderen“ eine neue Geschlechtsidentität und hofften darauf, damit die patriarchale Ordnung zerstören zu können.

Kritik an diesem Modell wurde Ende der 80er Jahre durch die aufkommenden Gender Studies formuliert. Der Vorwurf der Geschlechterforscher: Durch die Reproduktion von weiblichen Stereotypen bestätigten die Frauen genau die Machthierarchien, die für ihre Diskriminierung verantwortlich sind.

Zurück in der Zukunft: Obwohl auch die junge Generation der Feministen gerne gendertheoretisch argumentiert, begeht sie den gleichen Fehler, wie vor ihr schon die Gruppe der französischen Theoretikerinnen. Sie sind so sehr damit beschäftigt, sich von der männlichen Norm abzugrenzen, dass sie weibliche Stereotype wie Schwäche und Hypersensibilität reproduzieren – und Frauen daran hindern, sich in der Leistungsgesellschaft zu behaupten.

Frauen müssen stark und selbstbewusst auftreten.

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Und das nicht länger nur an amerikanischen Eliteuniversitäten, sondern mittlerweile auch hierzulande. So diskutierten im vergangenen Jahr an der FU Berlin Studenten und Professoren in offizieller Runde über mögliche Maßnahmen, um das „Redeverhalten von dominanten Männern“ in Lehrveranstaltungen zu „bremsen“. Das gleiche Bild von weiblicher Identität also auch hier: Die Frau als schwaches, sensibles Wesen, das sich mit eigenen Argumenten nicht zu wehren vermag. Selbst Männer, die Sympathien mit dem feministischen Kampf erkennen lassen, müssen neuerdings mit Sprech- und Denkverboten rechnen. So forderte unlängst eine Autorin von „Mädchenmanschaft.net“, dem Zentralorgan der jungen deutschen Feministen, feministische Männer sollten „öfter mal die Klappe“ halten und Frauen lieber durch „die eigene Unsichtbarmachung“ unterstützen. Die Vorstellung von der Frau als hilfsbedürftigem Wesen ist mittlerweile derart tief ins politische Bewusstsein der Nation eingesickert, dass jede Behörde mit mehr als 200 Beschäftigten gesetzlich dazu verpflichtet ist, eine Frauenbeauftragte einzustellen.

Sexistische Vorurteile werden nicht durch Gleichstellungsbeauftragte gelöst.

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Doch sexistischen Vorurteile werden nicht von Gleichstellungsbeauftragten gelöst und wir werden sie auch nicht im „Safe Space“ verschwinden lassen können. Simone de Beauvoir hat Frauen dazu ermutigt aufzustehen und männliche Dominanz zu überwinden. Es ist an der Zeit, diesen Kampf weiterzukämpfen.

8 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Michael Graw
    Die Frau ist doch das eigentlich starke Geschlecht. Denn um Kinder austragen und gebären zu können, ist schon eine Mindesrrobustheit erforderlich. Der Mann steuert eh nur etwas Genanreicherung hinzu. Die Kräfteverhältnisse werden allein durch Größenvergleich Eizelle und Spermium deutlich. Durch sexuelle Selektion haben Frauen genau die Männer selektiert, aufgezogen und erzogen, die sie heute vorfinden. Vielleicht hat sich das Patriarchat angesichts der Erkenntnis der Männer dieser basalen Schwäche des Mannes heraus gebildet? Und diese haben dann ihre körperliche Überlegenheit gegen die Frauen gewendet und das Bild der unterlegenen Frau in die Welt gesetzt! Also etwas mehr Selbstbewustsein, liebe Frauen, und Verständnis für die gekränkten Männer. Diese müssen nur sinnvoll (!) beschäftigt werden.
    1. von Zacha Zachowski
      Antwort auf den Beitrag von Michael Graw vor 2 Stunden
      Die Gene sind zu 50% von der Frau und 50% vom Mann. Da gibt es kein überwiegendes Geschlecht. Dass Ei ist größer, dafür gibt es mehr Spermien - es ist unterschiedlich, aber weder das eine oder das andere besser oder "stärker". Genau so generell bei Mann und Frau, sie sind unterschiedlich, aber nicht das eine besser oder schlechter.
      Die Männer haben dann für die Versorgung und Schutz gesorgt, insbesondere während die Frau durch Schwangerschaft oder Kinder gehandicapped war. Spezialisierung. Das ist alles.

      Ich fühle mich im übrigen überhaupt nicht gekränkt. Wovon auch. Diese arrogante Attitüde die Hälfte der Menschheit als "gekränkt" zu sehen, die man nur "sinnvoll" beschäftigen müsste, ist genau so arrogant wie wenn man Frauen generell als passiv oder unfähig für sinnvolle Beschäftigungen sieht. Dieser ganze Geschlechterkampf durch Feminismus (in der Schwarzer'schen Ausprägung) oder Genderismus ist für mich totaler Unsinn - statt die Realität mit den Unterschieden wertfrei anzuerkennen und diese Unterschiede kooperativ zu nutzen, wird hier ein Kampf beschworen der rein destruktiv ist.
  2. von Focus Turnier
    Die Bezeichnung "liberaler Feminismus" ist ein Oxymoron. Sowas gibt es nicht. Entweder jemand ist liberal, oder die Person ist Feminist/in.
  3. von Heinrich Mueller
    Leider habe ich an Berliner Universitäten ähnliche Erfahrungen gemacht.
    Wenn ich als Mann etwas in eienr Debatte, der auch solche Menschen beiwohnten, sagen wollte, musste ich mich ganz genau überlegen, wie ich mioch ausdrücke. Jedes falsche Wort wird mit entweder Schweigen oder Wutreden missbiligt.

    Als Mann muss man sich sowieso zurückhalten, denn man ist ja eh der Mächtigere, der die armen Frauen unterdrückt. Die Meinung eines Mannes zählt deswegen nichts.

    Absolut absurd, wenn einem, aus der Unterschicht kommend und im Studentenwohnheim wohnend, von einer Oberschichts-Frau mit Autochen und in der von den Eltern gekauften Eigentumswohnung wohnend, gesagt wird, man sei gegenüber ihr ja privilegiert.
  4. von Zacha Zachowski
    Abtreibung ist doch kein Feminismus. Es geht hier um die Frage, ob der Fötus bereits als Mensch anzusehen ist und daher den gesellschaftlichen Schutz ebenso verdient wie ein geborenes Baby (den die Eltern ja auch schützen müssen).
    Aus feministischer Sicht wäre allenfalls zu fordern, dass die Väter wenn sie auf eine Abtreibung drängen gesellschaftlich gleich behandelt werden wie die abtreibende Mutter.

    Den Feminismus auf eine moralisch so schwierige Frage wie Abtreibung (und damit je nach sichtweise eben den Mord am ungeborenen Leben) zu basieren halte ich für höchst zweifelhaft. Simone de Beauvoir lag hier falsch.

    Auch ihre Theorie des "Anderen" und des "Ichs", die ja grundsätzlich Sinn macht, ist doch logisch kein Argument aus der man ableiten könne das die Frau erst zum "Anderen" von den männlichen "Ichs" gemacht wird. Das Tier wird ja auch nicht von den Menschen zum Tier gemacht, sondern es ist eben ein Tier (die Analogie "Frau" und "Tier" ist hier durchaus kritisch und sollte nicht missverstanden werden, es dient nur als Analogie und nicht als Vergleich!).

    Da der Feminismus in der Breite nie die (Chancen-)Gleichheit sondern nur die "Gleichberechtigung" forderte, war er nie wirklich fundiert. Und Feministinnen die diese Chancengleichhait fordern, fanden nie viel Wiederhall auch im eigenen Geschlecht. Außerdem ist die Chancengleichheit längst gegeben. Das es statistisch signifikante Unterschiede in den Lebenssituationen gibt, liegt an der Freiheit der Menschen. Aber jede Frau kann, wenn sie sich dafür entscheidet und entsprechend handelt, genau dasselbe erreichen wie jeder Mann
  5. von Ines Eck
    Im Anmeldeformular muss(!) angekreuzt werden, ob Mensch "Frau" oder "Herr" ist -

    Anreden funktionieren auch ohne Hinweis auf Geschlechtsorgane und Herrschaftsstrukturen -

    Sprache reproduziert Denkmuster.
    1. von Zacha Zachowski
      Antwort auf den Beitrag von Ines Eck 20.03.2017, 17:53:41
      Trockener Ultrafeminismus/Genderismus. Es wird ein Problem gesucht, wo keines ist. Diese Form der Gleichmacherei reduziert den Menschen auf ein indifferentes Wesen ohne Individualität. Natürlich können Sie solche Konzepte gerne in irgendwelchen Gruppen ausprobieren, Sie werden sehen, dass es keineswegs zu Harmonie und Gleichberechtigung führt, sondern zu Verbissenheit und Stillstand.
  6. von Gabriele Flüchter
    "Die Frau ist kein schwaches sensibles Wesen"
    Simone de Beauvoir und ihre Mitstreiterinnen bekannten sich dazu, abgetrieben zu haben. Ein mutiger Schritt, der weder etwas damit zu tun hat, ob ein Mensch schwach, stark, sensibel oder weniger sensibel ist.
    Es war ein mutiger Akt der Selbstbehauptung und eine politische Aktion die eine veränderte Gesetzeslage nach sich zog.

    Wenn ich sage "ich wurde vergewaltigt", dann ist das mutig, es hat nicht damit zu tun, ob ich schwach, stark, sensibel oder weniger sensibel bin. Es ist mutig, aber es ist keine politische Aktion, denn ich wollte ja nicht vergewaltigt werden, nicht wahr? Es ist eine politische Reaktion auf Unrecht, so gesehen eben eine andere Situation als bei de Beauvoir.

    Nach meiner Meinung ist die Abtreibungsdebatte ganz klar ein frauenpolitisches Thema gewesen, denn nur Frauen treiben ja faktisch ab.

    Die Vergewaltigung sehe ich nicht als frauenspezifisch an, ich kann das so einseitig nicht sehen.