Wie rassistisch ist die Debatte um die Nationalmannschaft? Die Unterstützungswelle kam - zum Glück!

Bild von Frank Asbrock
Sozialpsychologe Universität Chemnitz

Expertise:

Frank Asbrock ist Juniorprofessur für Sozialpsychologie an der TU Chemnitz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Ideologische Einstellungen (Autoritarismus, Soziale Dominanzorientierung) und Vorurteile, Intergruppenkonflikte und Emotionen gegenüber Gruppen.

Die Solidarität vieler Menschen mit Boateng nach der verbalen Ausgrenzungsattacke von AfD-Vize Gauland zeigte vor allem eins: dass dessen Vorstellung vom ererbten Deutschsein nicht mehrheitsfähig ist. Die ideale Haltung in multiethnischen Gesellschaften kann aber genausowenig "Colorblindness" sein.

Was ist da im Mai 2016 eigentlich passiert? Alexander Gauland hat in einem Interview geäußert, dass „die Leute“ Jerome Boateng „als Fußballspieler gut“ fänden, ihn aber „nicht als Nachbarn haben“ wollten. Die Reaktionen folgten umgehend, die Aussage wurde in den Medien diskutiert und das AfD-Klientel konnte gleichzeitig noch sein Weltbild von der „Lügenpresse“ pflegen – und somit hat die AfD mal wieder ein großes Medienecho bekommen. Eigentlich wäre es an dieser Stelle gut gewesen, jegliche Diskussion zu beenden, da es überhaupt nicht zu diskutieren ist, ob ein Mensch, der einen deutschen Pass besitzt, deutsch ist oder nicht. Es ist auch nicht zu diskutieren, ob Menschen mit dieser oder jener Hautfarbe deutsch sind oder nicht. Oder doch?

Studien belegen, dass die ethnische Vielfalt der National-Elf bei Traditionalisten Bedrohungsgefühle auslöst.

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In dieser Debatte geht es nur am Rande um Jerome Boateng. Es geht um die Frage: Wer gehört zu Deutschland? Dass eine Debatte zu diesem Thema auch 2016 notwendig ist, und es alles andere als klar ist, dass wir eine offene, Diversität und Multikulturalismus positiv gegenüberstehende Gesellschaft sind, zeigt die Äußerung von Herrn Gauland deutlich. Sonderlich originell ist seine Aussage nicht. Die NPD hatte 2006 einen WM-Planer veröffentlicht, der ebenfalls eindeutig war: Weiß sei mehr als eine Trikotfarbe. Und sozialpsychologische Studien zeigen überzeugend, dass die ethnische Vielfalt der Nationalmannschaft bei denjenigen Bedrohungsgefühle auslöst, die eher traditionell und konservativ sind.

Der Ruf nach Colorblindness ignoriert die Realität.

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Wie wollen wir mit der Tatsache umgehen, dass Deutschland im 21. Jahrhundert eine multikulturelle Gesellschaft ist? Dass auch Spieler der Nationalmannschaft Migrationshintergrund haben und damit die Gesellschaft abbilden? Der grüne Politiker Daniel Mack hat an dieser Stelle auch den Unterstützern von Jerome Boateng positiven Rassismus vorgeworfen - weil auch sie seine Herkunft hervorheben. Wollen wir diesen Umstand ignorieren und so eine Colorblind-Politik umsetzen, in der ethnische Kategorien nicht thematisiert werden? Das klingt nach einem erstrebenswerten Vorgehen – alle Menschen werden als Individuen gesehen und behandelt, unabhängig von ihrer Hautfarbe. Dies ignoriert aber, dass Menschen aufgrund ihre Hautfarbe oder ihrer vermeintlichen Herkunft diskriminiert, angegriffen und sogar getötet werden. Es ignoriert, dass diese Kategorien offenbar für verschiedene Menschen negativ besetzt sind und dass wir diese Kategorien schnell anwenden, wenn wir uns in der Welt orientieren wollen.

Es geht nicht darum, Unterschiede zu ignorieren - sie sollen aber nicht abwertend konnotiert werden.

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Daher sollte ein moderne Gesellschaft diese Kategorien nicht ignorieren, sondern ihre Vielfalt hervorheben: Seht her, wir sind alle Teil dieser Gesellschaft, ganz gleich, wie wir aussehen, wie wir sprechen, welche Vorlieben wir haben. Wir sind vielfältig. Und wir sind uns dessen bewusst.

Das Wahrnehmen in Kategorien hat durchaus einen Sinn.

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Dass Menschen sich selbst und andere (zum Teil) in Kategorien wahrnehmen, erfüllt einen Zweck. Es dient der kognitiven Entlastung und ist aus dieser Perspektive eine sehr sinnvolle Funktion. Wir identifizieren uns mit diesen Kategorien auch mehr oder weniger stark, sie sind ein Teil unseres Selbstbildes (z.B. unser Beruf, unser Geschlecht, unser Fußballverein). Diese Kategorien können aber auch dazu dienen, andere auszuschließen, die nicht dazugehören sollen. Wenn wir die Kategorie Deutschland nach biologischen Kriterien definieren, so wie es einige Menschen in Deutschland eben tun (was z.B. in einer Debatte um die Frage, ob Boateng integriert sei oder nicht, deutlich wird), schließen wir damit diejenigen aus, die nicht dieser Kategorie entsprechen – und zwar endgültig.

Eine vielfältige Gesellschaft wird in guten Zeiten akzeptiert, in Krisen kann sich das schnell ändern.

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Wenn wir aber Deutschland als offene, multikulturelle Gesellschaft begreifen, dann können viele dazugehören, und das Selbstbild von Deutschland entspricht damit auch der Realität: Eine Gesellschaft, in der sich ihre Mitglieder als Deutsche verstehen, aber auch gleichzeitig die Möglichkeit haben, andere Identitäten zu pflegen, seien sie regional oder aus einer anderen Kultur. Nur, wenn diese Unterschiede auch sichtbar sind, können sie als Teil der Gesellschaft verstanden werden, und nur dann kann Kontakt mit Angehörigen einer anderen Gruppe dazu führen, dass sich eine positivere Einstellung gegenüber dieser Gruppe insgesamt entwickelt. Eine solche Gesellschaft ist aber auch eine stetige Herausforderung: eine vielfältige Gesellschaft wird in guten Zeiten akzeptiert, aber in Krisen kann sich dies schnell ändern und diejenigen, die „anders“ sind, können als Ursache für die Probleme ausgemacht werden. Daher benötigen wir eine aktive Debatte darüber, in welcher Gesellschaft wir leben möchten und müssen rassistischen Äußerungen entschieden entgegentreten.

Toleriert werden "Fremde" am ehesten, wenn sie nützlich sind.

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In der Aussage von Herrn Gauland wird noch ein wichtiger Punkt in der Debatte um den Umgang mit Vielfalt in Deutschland deutlich: „die Fremden“ gehören nur dazu, wenn sie etwas nützen. Jerome Boateng ist ein sehr guter Fußballspieler und wird möglicherweise einen Beitrag zum EM-Titelgewinn leisten, daher wird er akzeptiert. Aber andere Deutsche, die sich zufällig durch die Hautfarbe von der Mehrheit unterscheiden, sind nicht zu tolerieren. Diese Nutzenbetrachtung ist gefährlich, weil sie keine Offenheit ausdrückt, sondern nur eine temporäre Akzeptanz von Vielfalt. Und sie kann umschlagen: Werden die Nützlichkeitserwartungen nicht erfüllt, kann es zu Enttäuschung und noch stärkerer Ablehnung kommen.

Wenn es aber um die Frage geht, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, darf es nicht um die Beurteilung von Menschen nach Nützlichkeit gehen – eine multikulturelle Gesellschaft akzeptiert Vielfalt in den Ansichten, den Bräuchen und Sprachen. Die Identifikation mit Deutschland bedeutet auch, dass wir uns mit der Vielfalt in Deutschland identifizieren. Und es ist daher sehr beruhigend zu sehen, wie deutlich die Äußerungen von Herrn Gauland zurückgewiesen wurden und wie deutlich es gemacht wurde, dass Boateng als Nachbar natürlich willkommen sei – das ist kein positiver Rassismus, sondern Ausdruck der Akzeptanz von Vielfalt in einer modernen Gesellschaft.

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- Ganz anderer Meinung ist Daniel Mack von den Grünen, der den Boateng-Unterstützern positiven Rassismus vorhält.

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