Leitkultur? Ja bitte! Schluss mit der Vielfaltseuphorie!

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Grundsatzreferent SPD

Expertise:

Nils Heisterhagen ist Grundsatzreferent der SPD-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz. Zuvor war er Grundsatzreferent und Redenschreiber der letzten beiden IG Metall-Vorsitzenden.

Aus Toleranz ist längst das Diktat geworden, alles ertragen zu müssen. Das beschädigt die Gesellschaft - und ermöglicht Gauland. Wir sollten uns auf das Gemeinsame besinnen, lasst uns nach einer Leitkultur streben

 

Die Postmoderne ist Realität. Das "Anything goes" und der Dissens wurden zum neuen Konsens. Keine gemeinsame Wahrheit, keine gemeinsame Identität, keine Einheit haben die postmodernen Denker des Partikularen und Besonderen mehr gelten lassen. Und sie haben gewonnen. 

Heute ist alles erlaubt und (fast) alles sagbar

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Ein radikaler Relativismus und Pluralismus ist Realität geworden. Alles ist nun erlaubt, (fast) alles sagbar. Es gibt keine Grenzen mehr, weil es keine Wahrheit mehr gibt. 

Wie ist es dazu bloß gekommen? Am Anfang war auch da das Wort.

Worte beweisen sich in der Lebenswelt. Daraus folgt, dass sie viele Bedeutungen haben können

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Die Bedeutung eines Wortes erweist sich in dessen Gebrauch in der Sprache, hat Ludwig Wittgenstein gesagt, er nannte das „Sprachspiele“. Woraus folgt, dass verschiedene Lebenswelten verschiedene Worte verschieden gebrauchen. Hölzern gesprochen: der Arzt, der Bauarbeiter und der Manager vollziehen unterschiedliche Sprachspiele. Oder um in begrifflicher Anlehnung an Karl Marx zu sprechen: Sprache schafft Bewusstsein - und das Sein und die Sprache der eigenen Lebenswelt bestimmen das Bewusstsein. 

Bei zu viel Heterogenität ist Konsens nicht mehr zu erwarten

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Nun werden aber Werte grundsätzlich in Sprachspielen erzeugt, haben postmoderne Denker daraus gefolgert. Und wenn die als konstitutiv heterogen angenommen werden, dann erzeugen sie über heterogene Diskurse auch heterogene Werte. Denn es fehlt an einer universellen Urteilsregel. Konsens ist also nicht zu erwarten. 

Es geht in der Postmoderne vor allem um das Aushalten von Unterschieden. Das ist problematisch

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Nach dem französischen Postmoderne-Theoretiker Jean-Francois Lyotard komme es nun darauf an, das Heterogene zu ertragen und Feingefühl für die Differenzen zu entwickeln. Das Nebeneinanderbestehen dieser Diskurse wird hier vor allem als Befreiung gefeiert. Man müsse es halt nur aushalten, dass eine Vielheit von verschiedensten Perspektiven unauflösbar nebeneinander bestehen. Toleranz wird hier so zur demokratischen Kerntugend erklärt. 

Auf eine diffuse und keineswegs idealtypische Art ist dieses idealpostmoderne Denken Realität geworden. Kurzum: Es ist eine diffuse Realpostmoderne entstanden.

Aus dem Relativismus ist ein Toleranzextrem geworden

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Nun ist es aber so gekommen, dass der postmoderne Relativismus sich in ein Extrem bewegt hat. Und spätestens seit der Denkfigur der „Dialektik der Aufklärung“ – geprägt von den Philosophen Theodor Adorno und Max Horkheimer – wissen wir, dass etwas, was in sein Extrem gebracht wird, auch in sein Gegenteil umschlagen kann. 

Was bedeutet das?

Die fatale Konsequenz der Toleranz: nichts wird mehr als wahr akzeptiert

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Führen wir uns die Bedeutung von Relativismus zunächst vor Augen: Relativismus heißt, dass es keine Meinung gibt, die behaupten kann gerechtfertigter zu sein als eine andere Meinung. Keine Position könne „die Wahrheit“ für sich behaupten beziehungsweise keine Position könne eine höhere Legitimität oder Richtigkeit beanspruchen als eine andere Position. Relativismus heißt schlicht: Keine Position ist besser oder richtiger als eine andere Position.

Der extreme Relativismus muss auch Verschwörungstheorien gelten lassen 

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Wenn dieser Relativismus nun in sein Extrem gebracht wird, können Menschen selbst irre Verschwörungstheorien und Lügen als ihre Wahrheit annehmen, wenn sie auf Fakten und auf die Meinung des Anderen keinen Wert mehr legen, sondern nur noch ihr Weltbild sehen und das grundsätzlich als legitim erachten können – egal wie viel ein anderer dies kritisieren mag.

Jede Weltsicht gilt - das ist ein riesiges Problem. Der Relativismus ist aus dem Ruder gelaufen 

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Genau das ist alles passiert. Die Stichworte des „postfaktischen Zeitalters“ und der „Posttruth-Zeit“ sprechen diesen Umstand schon länger aus. Das ist ein großes Problem. Und Donald Trump ist quasi die Personifizierung dieser Entwicklung, der „alternative Fakten“ bietet, oft lügt, seine eigene Weltsicht konstruiert, in der alles „great“ ist, und der die „anderen Meinungen“ nur noch als „Fake News“ und einfach falsch betrachten kann. Man darf sagen: Da ist etwas mit dem Relativismus aus dem Ruder gelaufen. Und man darf sagen: Mit dem postmodernen Denken hat das alles angefangen. 

Gauland äußert sich rassistisch - und es wird geduldet. Das geht nicht 

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Die Postmoderne ist eine große Gefahr. Nirgends sieht man es deutlicher als im momentanen Fall Alexander Gaulands, der die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz in „Anatolien entsorgen“ will. Ich neige nicht zu liberalen Moralismus, ich finde es sogar falsch immer und überall mit der Moralkeule zu schwingen und „Rassismus“ zu unterstellen. Das wurde zu inflationär gemacht zuletzt und trug dazu bei, dem Rassismus-Vorwurf seine moralische Kraft zu nehmen. Nichtsdestotrotz ist Rassismus manchmal einfach Rassismus. Wie im Fall von Gauland. 

Im Fall Gauland erweist sich die Toleranz als schwach

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Aber unsere postmoderne Gesellschaft duldet Gaulands Relativierungen. Die Toleranz erweist sich hier als schwach. Toleranz will immer nur ertragen. Und viele Linke tun selbst momentan so, als wollen sie die Rechtspopulisten eigentlich nicht ertragen, verkaufen das aber als höhere Einsicht und sind folglich auch entsprechend moralistisch unterwegs. Aber diese postmodernen Linken, sind, wie Gauland, Teil desselben Problems. Das Problem heißt „Postmoderne“. Unsere Gesellschaft lässt das alles zu: Die Überheblichkeit der postmodernen Linken und den Rassismus vieler Rechtspopulisten.

Die Linken haben "anything goes" gepredigt, die Rechten haben das ausgenutzt

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Man darf sagen: Die linken Postmodernisten haben das Problem geschaffen, in dem sie ein wildes anything goes und ein diffuses Differenzdenken gepredigt haben. Die Rechten nutzen nun diese neue Toleranz schamlos aus und bringen unsere Demokratie so in ein Stadium des moralischen Verfalls. 

Postmoderne Linke und neue Rechte kritisieren das Gemeinsame - da sind sie sich ähnlich

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Die neuen Rechten sind paradoxerweise wie die postmodernen Linken. Denn sie loben die Differenz. Bei den neuen Rechten heißt das dann zum Beispiel „Ethnopluralismus“. Bei den postmodernen Linken geht es um die Andersheit des Anderen, die wertgeschätzt werden solle. Postmoderne Linke und neue Rechte sind sich einig in ihrer Kritik am Universalismus und dem Gemeinsamen. Daher sind sie beide Wahrheitskritiker. 

Wir müssen zur Suche nach dem Gemeinsamen zurück 

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Aber die Menschheit und eine moderne Gesellschaft brauchen Wahrheit. Deswegen müssen wir zur Wahrheit – also zur Suche nach einem Gemeinsamen – zurückfinden. 

Es gibt falsche Meinungen, das muss wieder klar werden

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Es geht nämlich einfach nicht um Toleranz, sondern um Wahrheit. Und zur Wahrheit gehört hier zum Beispiel: Herr Gauland hat hier Rassismus betrieben. Das kann man nicht mehr schönreden oder relativieren. In der Gesellschaft muss man noch zwischen „wahr“ und „unwahr“ und „richtig“ und „falsch“ unterscheiden können. Und Rassismus ist eben falsch. Es gibt Meinungen, die falsch sein können. 

Der Relativismus muss überwunden werden

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Die Postmoderne und der Relativismus, das muss überwunden werden. Das ist noch nicht das Ende allen Nachdenkens. Das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) ist weder mit dem Sieg des Liberalismus noch mit der Postmoderne erreicht. Das war alles eine schreckliche Illusion. Es ist Zeit das nun zu erkennen. Es ist Zeit nun die Moderne zu retten – nichts mehr und nichts weniger. 

Es gilt den fundamentalen Glauben der Moderne zurückzugewinnen. Dieser fundamentale Glaube der Moderne ist in der Postmoderne nämlich erodiert. Dieser Glaube der Moderne meint, dass man in der Lage ist, rational einsichtig etwas ein für alle Mal als unantastbar zu beweisen. Und dieser Glaube ist erodiert, weil es in der Moderne nie gelang diese Einsichtigkeit zu erreichen. Die Postmoderne ist daher das Resultat einer Ernüchterung und nicht einer fortschrittlichen Erkenntnis. 

Wir müssen mit der Vielfaltseuphorie aufhören

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Nun regiert jedenfalls der Glaube an den strukturell unüberwindbaren Dissens die realgewordene Postmoderne. Die Suche nach der gemeinsamen Wahrheit wurde aufgegeben – an ihre Stelle trat die Akzeptanz der strukturell unüberwindbaren Uneinigkeit. Die Postmoderne darf aber nicht das Ende der (Philosophie-)Geschichte sein. Es muss weiter gehen. Der Relativismus darf nicht das Ende sein. Wir müssen uns gegen den Relativismus wenden. 

"Celebrate diversity"? Nein! Differenzen sind nicht großartig

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Wir müssen so mit der Vielfaltseuphorie und dem nahezu ausufernden Differenzfetischismus und Toleranzfetischismus aufhören. Differenzen sind nicht großartig. Differenzen müssen wir nicht ständig abfeiern. Unterschiede nicht ständig hervorheben. Und vor allem nicht ständig zum Anderssein aufrufen. „Celebrate diversity“ hieß dieses postmoderne Plädoyer für das Anerkennen der Differenzen beim Eurovision Song Contest dieses Jahr. Das ist aber falsch. 

Wichtiger als Toleranz gegenüber dem Falschen ist die Suche nach dem Wahren

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Denn es geht einfach nicht um Toleranz. Es geht um Wahrheit. Es geht um Konsens. „Celebrate unity“ also. Es geht nicht darum, uns gegenseitig unsere eigenen subjektiven Wahrheiten zu dulden und zu ertragen, sondern es geht um Übereinkunft und Einigung. Wir müssen miteinander in einen liebenden Kampf um die gemeinsame Wahrheit. Denn wo nur noch Desinteresse füreinander ist, da ist bald oft auch viel Häme und Verachtung. Irgendwann kann man nur noch übereinander sprechen und nicht mehr miteinander. Bald gibt es nur noch ein Denken in „Wir und die“ – und das auf allen Seiten. In so eine Situation sind wir mit der Postmoderne bereits sehr stark geraten. Wenn wir aber nun dagegen nicht aufbegehren und wenn wir sogar noch die letzten Rudimente der Moderne verschwinden lassen, dann wird das nicht gut gehen. 

Wir sollten nach einer Leitkultur streben

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Wir sollten also wieder nach gemeinsamer Wahrheit suchen. Wir sollten im Gespräch bleiben. Wir sollten miteinander ringen, anstatt uns nur noch zu beschuldigen und das eigene Weltbild gegen ein anderes zu setzen. Wir sollten nach einer Leitkultur streben. Eine Gesellschaft verträgt Gleichgültigkeit nicht. Diese Gleichgültigkeit bringt Toleranz aber mit sich. Toleranz ist doch eine Form von Egoismus. Wer den Anderen nur toleriert, dem ist der Andere doch vielleicht auch egal. So eine Gleichgültigkeitsgesellschaft ist aber ein brodelndes Fass, weil irgendwann der Punkt kommt, wo alle sich so sehr in ihre Ansichten geflüchtet haben, dass sie nicht mehr in der Lage sind für Kompromisse und für Veränderung ihrer selbst. Darum ist Toleranz das falsche Konzept für die Demokratie und der Streit um den Konsens das richtige Konzept. 

Forderungen nach Toleranz unterstützen den moralischen Verfall

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Den Wertekonflikt dieser Tage löst man auch nicht dadurch, dass man den Rechtspopulisten sagt: Ihr müsst jetzt tolerant sein. Denn im Namen der Toleranz und der Meinungsfreiheit sind diese doch sehr provokativ und zum Teil rassistisch. Mit Forderungen nach mehr Toleranz – ihrer Form der Toleranz – wird der liberale Mainstream der deutschen Politik also eher den moralischen Verfall unterstützen, als ihn wieder einzufangen. 

Die Linke muss lernen, über Werte nicht nur zu reden, sie muss sie durchsetzen wollen

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Darum geht es darum in einen neuen Verständigungsprozess über die ethischen Werte und die ökonomische Grundstruktur der Gesellschaft zu kommen. Das wird nicht ohne Streit gehen. Die Linken sind nun also aufgefordert, ihren Fokus auf Kulturkampf für mehr Toleranz zu beenden, und stattdessen einerseits die „soziale Frage“ wieder auf die politische Agenda zu setzen, um nicht hauptsächlich nur über „Werte“ zu reden, und andererseits diese „Werte“ so zu behandeln, dass man um sie kämpfen und für sie überzeugen muss. Letztere Haltung nannte man mal sokratisch. Das brauchen wir: Eine Rückkehr des politischen Sokratismus. 

- Dieser Text basiert zum Teil auf dem Anfang Juli im Transcript-Verlag erschienenen Buch von Nils Heisterhagen über den „Existenziellen Republikanismus. Ein Plädoyer für Freiheit“ (http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4029-8/existenzieller-republikanismus), sowie auf dem Ende Juli im Springer VS Verlag von Nils Heisterhagen erschienenen Buch: „Kritik der Postmoderne. Warum der Relativismus nicht das letzte Wort hat (http://www.springer.com/de/book/9783658187910 )

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