Gesellschaftsvertrag statt Leitkultur Leitkultur verkommt zum Klischee des Deutschseins

Bild von Aydan Özoğuz
Integrationsbeauftragte des Bundes, SPD

Expertise:

Aydan Özoğuz sitzt seit 2009 für die SPD im Bundestag. Sie ist seit Dezember 2011 eine der sechs stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD. Im Juni 2013 wurde sie zur ersten Bundesvorsitzenden der SPD-Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt gewählt. Seit Dezember 2013 ist sie Integrationsbeauftragte der Bundesregierung.

Zur Präsentation von 15 Thesen zur Integration eine Frage: Was würden Frauen, Mütter oder Menschen mit Behinderungen wohl von der Festschreibung einer Leitkultur der 1950er Jahre halten, fragt Aydan Özoğuz, Integrationsbeauftragte des Bundes.

"Was macht gesellschaftlichen Zusammenhalt aus? Wie verändert sich unsere Gesellschaft? Was kann von wem verlangt werden, wenn es um kulturelle Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt geht? Die 28 Vertreterinnen und Vertreter der Initiative kulturelle Integration haben diese Fragen monatelang diskutiert. Wenn sie am Dienstag ihre 15 Thesen öffentlich vorstellen, wird man einen ideologisch beladenen Kampfbegriff allerdings nicht darin finden: die Leitkultur. Und das ist ein Befreiungsschlag.

Konkrete Leitkultur-Vorschläge verkommen zu lächerlichen Klischees übers Deutschsein

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Deutschland ist vielfältig und das ist manchen zu kompliziert. Im Wechsel der Jahreszeiten wird deshalb eine Leitkultur eingefordert, die für Ordnung und Orientierung sorgen soll. Sobald diese Leitkultur aber inhaltlich gefüllt wird, gleitet die Debatte ins Lächerliche und Absurde, die Vorschläge verkommen zum Klischee des Deutschsein. Kein Wunder, denn eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar. Schon historisch haben eher regionale Kulturen, haben Einwanderung und Vielfalt unsere Geschichte geprägt. Globalisierung und Pluralisierung von Lebenswelten führen zu einer weiteren Vervielfältigung von Vielfalt.

Kulturelle Vielfalt ist vielleicht anstrengend, macht aber die Stärke der Nation aus

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Diese kulturelle Vielfalt ist auch anstrengend, aber sie macht die Stärke unserer Nation als eine offene Gesellschaft aus. Die Beschwörung einer Leitkultur schafft dagegen nicht Gemeinsamkeit, sondern grenzt aus. Sie gießt Öl ins Feuer, um sich selbst daran zu wärmen.

Die Verfassungsnormen des Grundgesetzes liefern den Ordnungsrahmen für das Zusammenleben der Bürger. Innerhalb dieses Rahmens haben wir die Grundfreiheiten, nach der eigenen Fasson glücklich zu werden. Da darf es keine Rolle spielen, wer was glaubt, liest, hört oder anzieht. Kulturelle Regeln sind nicht ohne Grund ungeschrieben. Sie unterliegen einem steten Wandel, einer permanenten Aushandlung. Fragen Sie mal Frauen, Mütter, Jugendliche, Homosexuelle oder Menschen mit Behinderungen, was sie von einer rechtlichen Konservierung einer Leitkultur der 1950er Jahre halten würden!

Man kann Einwanderern keine Anpassung an eine Mehrheitskultur verordnen

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Auch Einwanderern kann man keine Anpassung an eine vermeintlich tradierte Mehrheitskultur per se verordnen, noch unterstellen, dass sie Nachhilfeunterricht benötigen, weil sie außerhalb unseres Wertesystems stünden. Oder wollten wir ernsthaft behaupten, das Leistungsprinzip gebe es nur in Deutschland, nur wir sähen Bildung als Wert?

Hat unsere Verfassung also keine Erwartungen, keine Zumutungen an ihre Bürgerinnen und Bürger, eingewandert oder einheimisch? Doch, aber sie liefert uns kein kulturelles, sondern ein politisches Leitbild. Sie gibt eine politische Kultur vor, die allen zugänglich ist und zugemutet werden kann und muss. In diesem Sinn können und müssen sich natürlich auch Eingewanderte in die politische Kultur einleben, ein geschichtliches Verständnis von der neuen Heimat und deren Verfassungsprinzipien entwickeln, Respekt haben vor einer lebendigen Streitkultur, die auf Widerspruch, Meinungsvielfalt und Verständigung setzt.

Wir brauchen einen Gesellschaftsvertrag auf Basis des Grundrechts

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Natürlich bleibt die Frage, wie wir Vielfalt gestalten und ein gemeinsames Wir schaffen. Diese Frage betrifft alle, die hier leben. Mein Vorschlag: Ein Gesellschaftsvertrag mit den Werten des Grundgesetzes als Fundament und gleichen Chancen auf Teilhabe als Ziel. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat unter meinem Vorsitz und breiter gesellschaftlicher Beteiligung konkrete Vorschläge dafür gemacht: ein Einwanderungsgesetz mit klaren Regeln, interkulturelle Öffnung in allen Bereichen, faire Zugänge zu Ausbildung und Arbeitsmarkt für alle, Integrationskurse massiv ausbauen, Einbürgerungen erleichtern. Genauso erwarten wir aber auch von jeder und jedem die klar erkennbare Anstrengung, teilhaben zu wollen und sich einzubringen. So betrachtet müssen wir uns dann nicht über eine kulturelle, sondern über eine politische Handlungslinie verständigen. Damit wir unser gemeinsames Ziel erreichen, dass sich jeder und jede zugehörig fühlen kann, unabhängig von der Herkunft.

15 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Kurt August
    Diese Aussage empfinde ich als deutscher Staatsbürger beleidigend und zudem untragbar für eine Staatsministerin für Integration. Wenn es keine spezifisch deutsche Kultur außer der deutschen Sprache gibt, dann brauchen wir wohl eher eine Staatsministerin für Deutschunterricht als eine für Integration. Denn worin soll sich integriert werden?
    Leider zeigt Frau Özoguz meiner Meinung nach damit, daß Sie selbst offensichtlich in der deutschen Kultur nicht angekommen ist, wenn Sie im folgenden zeigt, daß Sie die deutsche Sprache nicht beherrscht und von der "Vervielfältigung von Vielfalt" spricht. Was ist denn der Plural von Vielfalt könnte man sich da fragen…
    Ich denke, daß es sehr wohl eine deutsche Kultur, genauso wie eine deutsche Sprache, Geschichte oder Mentalität gibt. Auch im 21.Jahrhundert brauchen Menschen einen Bezug zu Ihren Wurzeln und Traditionen und diese sind Teil des Zusammenlebens in einer Gesellschaft. Dazu gehört ein Sonntag, an dem die Geschäfte geschlossen sind ebenso wie unser Sozialstaat, unsere Geschichte und Musik, Literatur .
    Menschen sind keine Heuschrecken.

    Und da Sie nach der Meinung von Homosexuellen fragt:
    Hier geht es nicht um Leitkultur der 50er Jahre. Diese sind über 60 Jahren vorbei- und haben sich geändert. Heutzutage kommen Menschen aus Staaten nach Deutschland, in denen die Situation für Homosexuelle heutzutage (2017) schlimmer ist als im Deutschland der 50er Jahre – und damit leider auch Meinungen und Verhaltensweisen gegenüber Homosexuellen, die mit dem Erwerb der Landessprache allein sich leider nicht ändern. Deutsche Kultur ist nämlich auch Toleranz gegenüber sexueller Orientierung.
    Und das ist identifizierbar.
  2. von Julia Meier
    "Kulturelle Vielfalt macht die Stärke einer Nation aus"- wie begründet sie eigentlich diese Behauptung? Es gibt genug Beispiele, die diese Aussage widerlegen: Gesellschaften mit vielen Kulturen führen häufig entweder Konflikte (meist sogar bis zum Bürgerkrieg) oder bilden eine neue, einheitlichere Kultur.
    Siehe Syrien, Balkanländer oder nahezu jedes Land mit islamischer Bevölkerungsmehrheit.
    Länder mit wenig Einwanderung und einheitlicher Kultur wie Japan zeichnen sich dagegen häufig durch wenige innere Konflikte, niedrige Kriminalität und hohen Wohlstand aus.
  3. von Wolfgang Richter
    Was soll eigentlich eine deutsche Leitkultur sein?
    Für mich eigentlich nur das GG. und die Charta der Menschenrechte aus der Charta der EU!

    Wir Leben in der EU, einen Nationalstaat hatten wir vor 1945 in Deutschland!
    Nun dessen Tugenden zur Leitkultur zu Erklären ist doch an den Haaren herbeigezogen.
    Wer möchte eine solche Leitkultur zurückhaben?

    Eigentlich, wollen diese Leitkultur, nur die ewigen Gestrigen zurück haben!

    Mir ist nicht Bewußt, das eine Kleiderverordnung, oder das Christentum zur deutschen Leitkultur gehören!

    Auch Kunst, Wissenschaft, oder Literatur sind in Deutschland keine Leitkultur!
    Man kan diese Lesen, sich diese Anschauen, sich aber nicht daran halten!
    1. von Julia Meier
      Antwort auf den Beitrag von Wolfgang Richter 19.05.2017, 15:30:26
      Wirklich? Nach einer Woche Durchfall in Indien fällt Ihnen bspw. auf, dass im GG nichts von überpenibler deutscher Lebensmittel-HYGIENE steht!
      Sie wollen bestimmt nicht ohne die ewig gestrige deutsche Leitkultur leben!
    2. von Wolfgang Richter
      Antwort auf den Beitrag von Julia Meier 22.05.2017, 08:04:43
      Doch, ich Will ohne diese, ewig Gestrige Leitkultur leben!

      Da ich diese noch persönlich kennengelernt habe!

      Wie kommen Sie auf Indien?
      Ich lebe seid 14 Jahren in Thailand!
  4. von Daniel Revermann
    Einer Deutschen die türkische Wurzeln hat aber hier bereits seit Jahrzehnten lebt spricht den Deutschen Ihre Kultur ab welche jedoch mehr als vielfältig ist (Kunst, Literatur, Wissenschaft, uva) spreche ich ihre Integrationsfähigkeit ab! Diese Frau folgt strikt der Islamischen Agenda.

    ich übernehme mal einen Textteil aus dem Netz:

    "Die Ausrottung und Vertreibung der Mehrheit der Nichttürken war konstitutiv für die Gründung der türkischen Nation.

    Die türkische Nation ist auf dem Blut von mehrheitlich Christen, Armeniern, Aramäern, Pontosgriechen u.a. erbaut.

    Der türkische Nationalgedanke schloß - wie heute auch unter Erdogan - alles Nichttürkische aus.

    Aydan Özoğuz hält sich offensichtlich - auch im Umkehrschluß - an diese Definition von Nation.

    Was nicht ethnisch rein ist, ist keine Nation ... also in unserem Fall nicht mehr Deutschland, sondern "DeutschPlus", die "Initiative für eine plurale Republik"."/Zitatende
  5. von Stephen Mares
    Eine Türkin schreibt, dass es keine deutsche Kultur gibt. Allein das ist schon der Knaller. Selten habe ich so gelacht!

    Dass es falsch ist, was diese Frau von sich gibt, steht ausser Frage. Mir und jedem anderem fallen spontan 10 kulturelle Dinge ein, die deutsch sind. Angefangen vom Essen über Sitten, bis zur christlichen Religion…da wäre so einiges.

    Natürlich ist es sehr bezeichnend, dass ausgerechnet eine Frau, die aus einer Gesellschaft stammt,in der sie dank des Islams noch immer unterdrückt wird, solche Worte äußert.
    Ansonsten würde der Spruch: "Unterstelle nie Bösartigkeit, wo Dummheit als Erklärung reicht!" nicht nur auf diesen Beitrag, sondern eigentlich auf alle Wortmeldungen dieser Frau aus den letzten Jahren, voll und ganz zutreffen.
  6. von Peter Kammer
    Die Diskussion um die "Leitkultur" leidet doch in erster Linie darunter, dass der Begriff "Kultur" viel zu umfangreich und wenig exakt ist, als dass er ernsthaft für ein Leitbild einer Gesellschaft geeignet wäre.
    "Leitkultur" kann man in einer Organisation den Mitgliedern verordnen, weil Organisationskulturen sich auf die Interaktionen innerhalb der Organisation und als Vertreter der Organisation nach außen beschränken. Ansonsten ist es eben völlig unerheblich, ob jemand Beethoven oder lieber Baaba Maal hört, ob er Steckrüben mit der Gabel oder Sushi mit Stäbchen isst, ob er Goethe oder Gabriel Garcia Marquez liest, ob er im Bauhaus-Stil wohnt oder lieber bei Bauhaus einkauft, ob er am Karneval der Kulturen oder am Karneval in Köln teilnimmt.
    Hinzu kommt die Fluktuation innerhalb der Gesellschaft:
    Wir sind seit Jahr und Tag eine Durchwanderungsgesellschaft, wir sind von Durchwanderung geprägt, weshalb eine statische "Leit"-Kultur ohnehin keine Chance hätte, weshalb aber auch andere auf ein Nationalkollektiv verengte Ideen kaum mehr Chancen haben. Selbst die Nationalisten haben sich doch längst internationalisiert.
    Wenn wir aber unbedingt an nationalen Beschreibungen und Erzählungen festhalten wollen, so sollten wir sinnvoller Weise schauen, welcher Narrativ die Wanderungsgesellschaft prägen kann:
    Bisher heißt er immer noch:
    "Wir haben aus Auschwitz gelernt."
    Nur wie will man Zugewanderten eine auf den düstersten Punkt der Geschichte reduzierte Erzählung vermitteln?
    Gleichzeitig feiert man in diesem Jahr schließlich den Antisemiten Martin Luther...
    Vielleicht hätte man sich eher auf Preußen und Friedrich II. konzentrieren sollen und die Zuwanderung der De Maiziêres und der Sarrazins, (dabei natürlich wieder den Militarismus Preußens ausblendend) der frazösischsprachigen Gerichte für die Zugewanderten, von der Selbstverständlichkeit der Suche nach besseren Lebensbedingungen.
    Aber all das braucht man eben nur, wenn man am "Deutschland"-Begriff klebt.
  7. von Franz Fuchser
    Kultur zu haben, Teil einer Kultur zu sein, bedeutet, dass jemand sich so verhält, wie das von ihm in den Zusammenhängen, in denen er sich bewegt, erwartet wird. Gesetzestreue gehört im Allgemeinen dazu, ist aber keineswegs ausreichend.

    Frau Özoğuz, Sie können das doch in ihrer eigenen Familie am besten beobachten. Sie selbst sind als SPD-Politikerin und Ehefrau eines Politikers Teil der deutschen Kultur, denn Sie gestalten Ihr Leben so, wie man das auch von einer Deutschen nicht anders erwarten würde. Wenn Sie religiös sein sollten, leben Sie das privat oder in der Gemeinde und tragen es nicht offensiv vor sich her. Ihr Bruder Yavuz hatte einen ähnlichen Weg beschritten. Er studierte und war an der evangelischen Hochschulgemeinde aktiv. Dann aber wandte er sich einem extremistischen Islam zu. Das ist etwas, was man von einem Deutschen nicht erwarten würde. Wenn eine solche, für die deutsche Kultur untypische Entscheidung nicht, wie bei Pierre Vogel, als persönlicher Willkürakt, sondern überzeugender als Konsequenz von Herkunft und Abstammung erklärt werden kann, stellt sich die betreffende Person außerhalb des kulturellen Zusammenhangs Deutschlands, indem sie sich für ein Verhalten entscheidet, das in der Herkunftskultur üblich ist.

    Kultur ist ein feines Geflecht von Do's and Don'ts. Sie ist sicherlich nichts mythisch-Geheimnisvolles. Sie kann von Kulturwissenschaftlern oder Ethnologen in ihren wesentlichen Bestandteilen und in Abgrenzung von anderen Kulturen beschrieben werden. Sie kann jedoch nicht als Ganzes in Form von ein paar knappen, lehr- und lernbaren Leitsätzen handhabbar gemacht werden, denn sie ist stets im Wandel und besteht aus ganz vielen Teilkulturen, zu denen so unterschiedliche Dinge wie die Begrüßungs- und die Esskultur, ein kulturtypisches Reinlichkeitsempfinden, die Streitkultur und die Musik gehören, und vieles Andere mehr, das man unwillkürlich tut oder nicht tut. Kultur hat immer eine Leitfunktion für die, die dazugehören.
  8. von Lilo Start
    Nun, die Gesellschafts-Studien und Konferenzen der Friedrich-Ebert-Stiftung sind nicht gerade untendenziös, um es zu umschreiben. Es galt oft in der Vergangenheit mit einseitigen nicht gegengeprüften Fragestellungen in Studien den Deutsch-Deutschen eine "zunehmenden Rassismus, Homophobie und Islamfeindlichkeit zu unterstellen und in diese Richtung hat sich auch die SPD entwickelt. Das nur am Rande!
    Der lange Artikel von Fr. Özoguz enthält letztendlich die Aufforderung diese Leitkultur-Debatte zu unterlassen. Das spaltet die Gesellschaft und wird den Groll weiter wachsen lassen, denn diese Debatte wird bereits auf allen Ebenen geführt und das muß so weitergehen und das ist gut so.
    Sie muss tiefer werden und auf die Entwicklung der letzten beiden Jahrhunderte zurückgehen, denn Kultur hat Wurzeln, einerseits, andererseits muss Sie von allen derzeit Bürgern dieses Landes geführt werden. An den Diskussionstisch gehören selbstverständlich alle Generationen an Einwanderern und auch, darauf bestehe ich, die so verächtlich ausgegrenzten besorgten Bürger, viele davon in der DDR sozialisiert.
    Man kann vielleicht einen anderen Begriff finden und mehr Inhalt.
    Mir kommen in der Debatte auch Diejenigen zu kurz, die aus eigenen Erfahrungen sagen, wir als Eingewanderte wären froh gewesen, wenn es irgend so etwas gegeben hätte. Und das sind nicht nur A.H. Samadhi und Bassam Tibi, dem Erfinder dieses Begriffs.
    Das höre ich von vielen meiner Kollegen, einfache Leute mit ausländischen Wurzeln.
  9. von Misha Schoeneberg
    Leitkultur ist ein unglücklicher Terminus. "Deutsch" gleichfalls.

    Jedoch ist der Beitrag von Frau Özoğuz nicht tief durchdacht, im Grunde eine unlautere Scheindebatte, die durch Begrifflichkeiten wie "Vervielfältigung von Vielfalt" das wesentliche Unbehagen vieler verschleiert und die tatsächlichen Konliktfelder unvereinbarer Werte im Diffusen lässt.

    Wenn ein Prinz Harry in Nazi-Uniform mit Hakenkreuzbinde zu einer Party erscheint, dann ist das eine Provokation eines dummen Jungen über die man hinwegsehen kann. Wenn aber viele dumme Jungen hier in den Straßen geichermaßen gekleidet herumliefen und solche Uniformierung als Ausdruck ihrer Gesinnung verstanden haben wollen, dann wäre es Zeit, dagegen vorzugehen. Gut, dass wir Gesetze dafür haben.

    Religiös determinierte Kleidung ist etwas anderes als eine witzige (oder lächerliche) meist "Jugend"mode. Insbesondere die damit zum Ausdruck gebrachten Werte. Will letzteres meist nur provozieren um des Aufsehens willen (oder hatte gar Freiheitsideale im Sinn - wie "lange Haare" etc.), bringt ersteres ein restriktives Weltbild, das auf den Müllhaufen der Geschichte gehört, zum Ausdruck.

    Es ist in keiner Weise eine Bereicherung, wenn eine ganz gewisse Religion den öffentlichen Raum (sowie den "Kultur"-Diskurs) belegt, um ihre Werte - sexuelle Unterdrückung, Frauendiskrimienierung, Machismo-Ehrenkodex etc. - offensiv und oft auch aggressiv zu präsentieren und sich selbstbestätigend (gerade auch als bewusster Kontrast zu einer vermeintlichen Mehrheit) zu leben.

    Hexenverbrennung, Judenvernichtung und all die Verbrechen
    der Menschheit waren keine Meinungsfreiheit - quasi unter dem Motto "na ja, war halt eine andere Zeit damals" -, sondern sie waren und sind: Verbrechen am Menschsein.

    Um das zu wissen, brauchen wir einen Wertebezug. Die Menschenrechte, die Aufklärung, die Säkularisierung des Staatswesens und der Gesellschaft sind ein Anfang. Dieser Prozess dauert erst 250 Jahre. Wir stecken mitten drin.

  10. von John Huston
    Ich denke in Bezug auf die türkischen Einwanderer ist die Problematik sehr klar:
    Endlich konsequent handeln und denken - wer bereits in der 3ten oder 4ten Generation in Deutschland lebt, sollte wissen, was sein Land ist - nein es ist nicht die Türkei - es ist Deutschland!
    Es ist dann weiterhin normal, von der Arbeit nach Hause zu kommen und deutsches Fernsehen zu schauen - und nicht türkisches! Es ist weiterhin kein Frevel, wenn der Sohn oder die Tochter eine Deutsche oder einen Deutschen heiratet (die türkische Community heiratet bis heute zu 90% unter sich). In Bezug auf die Industrie- und Wissenskultur ist es außerdem normal, offen für neue Erkenntnisse zu sein und sie in die Denk- und Lebenswelt einzubauen, daraus wiederum ergibt sich eine Art und Weise, die hierzulande gemocht und geschätzt wird... und es ist dann auch relativ wahrscheinlich, dass man ein wenig Bewunderung und Wertschätzung für dieses Land entwickeln kann, was wiederum das eigene Lebensgefühl hier verbessert...

    Dies sind sehr naheliegende Erwartungen, die nicht mit diesem tendenziösen Bild vom Bad in deutschen Nationalflaggen veralbert werden sollten!