Leitkultur als Ausgrenzung Diese deutsche Händeschüttel-Manie!

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Konfliktmanagerin und Coach

Expertise:

Melek Henze ist Sozialwissenschaftlerin und interkulturelle Trainerin. Sie hat türkische Wurzeln, lebte lange im Ruhrgebiet und seit 2012 in Berlin.

„Wir geben uns zur Begrüßung die Hand“, stellt der Bundesinnenminister klar. Ach ja? Meinen türkischen Gastarbeiter-Eltern hat früher niemand die Hand gegeben. Und das ist noch nicht alles, was an diesem Satz nicht stimmt.

„Wir geben uns zur Begrüßung die Hand!“ Es ist nicht ohne Ironie, dass Thomas de Maiziere in seinen Thesen zur Leitkultur ausgerechnet ein Klischee ins Zentrum rückt, das jenseits der deutschen Grenzen oft negativ besetzt ist. Wo immer man sich eher mit Umarmung, Küsschen oder einem freundschaftlichen Schlag auf die Schultern begrüßt, gilt der Händedruck mit ausgestrecktem Arm als Symbol typisch deutscher Förmlichkeit und Steifheit. Kein Wunder, dass sich längst auch in Deutschland eine große Vielfalt an Begrüßungsgesten durchgesetzt hat – und das längst nicht nur in der Jugendkultur. Deutschland ist inzwischen sehr viel lockerer als sein Ruf – und außer dem Innenminister wollen sicher nur wenige die Uhr zurück stellen.

Wer wem die Hand zu schütteln gibt, ist auch eine Frage von Hierarchie

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Dabei geht es nicht nur um eine Geste. Sozialgeschichtlich ist der Händedruck in vielen Fällen Ausdruck einer hierachischen Ordnung. Bauern haben ihren Knechten wohl nur selten die Hand gegeben, ebenso wie Fabrikbesitzer ihren Arbeitern – gar nicht zu reden vom Salutieren beim Militär. Und auch heute weiß wohl niemand besser um die asymmetrische Struktur vieler Begrüßungen, als ein Minister: Wenn Thomas de Maiziere auf eine Konferenz oder zum Besuch in die Provinz kommt, gilt selbst für Spitzenbeamte und Honoratioren ein (möglichst im Foto festgehaltener) Händedruck als ultimative Trophäe – wobei es allein am Minister ist zu entscheiden, wem und wie vielen er diese Gunst erweist.

Verweigerte Wertschätzung für die „Gastarbeiter“

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Für die Frage, was unsere Gesellschaft zusammenhält, ist aber noch eine andere historische Erfahrung entscheidend: Der Satz „Wir geben uns zur Begrüßung die Hand“ muss für Millionen von Menschen in Deutschland wie blanker Hohn erscheinen. Als meine Eltern Anfang der 70er Jahre aus der Türkei nach Deutschland kamen, hat ihnen niemand die Hand gereicht: nicht zur Begrüßung und – was ich noch schmerzlicher finde – auch später nicht als Dank für all das, was sie für dieses Land geleistet haben. Meine Eltern und viele andere in ihrer Generation haben sehr viel auf sich genommen, um ihren Kindern gegen viele Widerstände und Zurückweisungen einen Weg in diese Gesellschaft zu ermöglichen. Das hätte längst weit mehr als einen Händedruck des Innenministers oder des Bundespräsidenten verdient gehabt.

Handschlag und Burka - das ist eine fatale Verknüpfung

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Für eine weltoffene Kultur gegenseitiger Wertschätzung ist der Handschlag also ein denkbar ungeeignetes Symbol – aber darum geht es dem Innenminister ja auch gar nicht. Sein apodiktischer Satz steht in Wirklichkeit als Chiffre für etwas sehr Partielles: Wir Deutsche dulden nicht, dass muslimische Männer deutschen Frauen nicht die Hand geben! Durch die unmittelbare Verknüpfung mit dem Satz „Wir sind nicht Burka!“ wird diese Botschaft auch für Begriffsstutzige völlig unmissverständlich.

Die Leitkulturdebatte soll den muslimischen Mann bändigen

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In den medialen Reaktionen machen sich nun viele über die Banalität dieser Aussage lustig. In Wirklichkeit zielt der Minister aber auf einen großen Resonanzraum der Verunsicherung. In meiner Tätigkeit als interkulturelle Beraterin gibt es wohl keine Veranstaltung, in der nicht genau diese Unsicherheit thematisiert wird: Was mache ich als Erzieherin, Lehrerin, Arzthelferin oder Behördenmitarbeiterin, wenn sich ein muslimischer Mann weigert, mir die Hand zu geben?

Für mich kann es dabei keinen Zweifel geben: Ich halte es für völlig unakzeptabel, anderen Menschen seine Missachtung auszudrücken – egal mit welchen Gesten und aus welchen Motiven. Nicht selten bekommt diese Frage selbst ohne konkreten Anlass eine solche Dominanz, dass es kaum noch möglich ist, zu den vielen konkreten Themen eines gelingenden gesellschaftlichen Zusammenlebens vorzudringen. Ehe man sich versieht, verengt sich der weite Horizont der Gestaltung des interkulturellen Zusammenlebens zur Frage nach dem Umgang mit religiöser Engstirnigkeit einer Minderheit.

Religiöse Engstirnigkeit ist lästig, aber keinesfalls nur muslimisch

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Um sich davon zu befreien, hilft es, sich klarzumachen, dass es solche Engstirnigkeit nicht nur im Islam gibt. Fundamentalisten in vielen Religionen verweigern den Handschlag und gerade im Jahr des Reformationsjubiläums wird deutlich, dass auch das Christentum leider bis heute nicht nur Kitt, sondern immer noch Keil bedeutet.

Ein Beispiel: Offiziell dürfen ökumenische Ehepaare immer noch nicht gemeinsam an der Eucharistie teilnehmen. Wenn der katholische Partner zum Altar geht, muss der evangelische in der Bank bleiben – oder er riskiert, vom Priester vor der versammelten Gemeinde übergangen zu werden. Noch vor 50 Jahren wurden interkonfessionelle Paare vielerorts auch gesellschaftlich isoliert – vor allem dort, wo sich Dorfgemeinschaften oder Stadtteile stark über die Konfession definiert hatten. Die zivilgesellschaftliche Entwicklung hat sich viel früher von solchen religiösen Abgrenzungen befreit – die Säkularisierung des Alltags und die reale Lebenswirklichkeit der Menschen sind der abstrakten ökumenischen Diskussion weit voraus gegangen. Sie haben dadurch auch das Bemühen der Konfessionen erzwungen, solche Themen zumindest zu entschärfen. Das Skandalöse solcher theologisch begründeten Ausgrenzungen wird inzwischen selbst an den Spitzen der Kirchen empfunden.

Die Leitkulturdebatte wird obsessiv mit religiöser Symbolik überfrachtet

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Dieses Beispiel einer erfolgreichen Entkonfessionalisierung der Lebenswirklichkeit könnte auch Vorbild für einen selbstbewussten Umgang mit dem Islam sein. Statt die Debatte mit einer Obsession für religiöse Symbolik zu überfrachten, braucht es eine Verständigung, wie sich Menschen höchst unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Herkunft in konkreten Situationen mit Respekt begegnen können.

Um es persönlich zu sagen: in meinem beruflichen und persönlichen Leben hat sich noch nie ein Mann geweigert, mir die Hand zu geben. Ich habe es noch nie dazu kommen lassen. Wenn ich spüre, dass es hier eine religiöse Barriere gibt, vermeide ich die Konfrontation an diesem Punkt und lenke stattdessen die Aufmerksamkeit konsequent auf die zu klärenden Themen. Weil diese konkreten Fragen in der Regel auch für mein Gegenüber wichtig sind, spüre ich oft sogar eine Erleichterung, wenn ich ihm die Chance gebe, sich nicht über seine religiösen Tabus zu definieren. So mancher, der bei der Begrüßung noch verunsichert auf den Boden schaut, verabschiedet sich am Ende mit einer Verbeugung oder einer anderen respektvollen Geste. Diese Erfahrung lässt sich auch auf all die Lebensbereiche übertragen, in denen der Handschlag nicht Kitt, sondern Keil in der persönlichen Begegnung sein könnte.

„Wir geben uns zur Begrüßung die Hand“ ist deshalb ein Satz, an dem so ziemlich alles falsch ist: Er ist falsch in seinem empirischen Befund. Er ist falsch in seinem normativen Anspruch. Und er ist falsch, weil er sich auf das Niveau derer begibt, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht als säkulare Gestaltungsaufgabe, sondern als religiöse Auseinandersetzung definieren wollen. Sollte ich aber Thomas de Maiziere demnächst begegnen, freue ich mich sehr darauf, ihm zur Begrüßung die Hand zu geben.

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. Bild von Ruprecht  Polenz
    Autor
    Ruprecht Polenz, Ruprecht Polenz ist ein deutscher Politiker der CDU und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde. Er war von 2005 bis 2013 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages und von April bis November 2000 Generalsekretär der CDU.
    So kann´s gehen. Da benennt der Innenminister mal etwas, von dem er ausgeht, dass es zu einer Leitkultur gehöre, und prompt gibt´s auch dafür dicke Fragezeichen. Auch dieses Beispiel zeigt: in der freiheitlichen, pluralistischen Demokratie des Grundgesetzes kann es Kultur nur im Plural geben. Verbindlich leitend sind nur die Werte, die ins Grundgesetz gegossen wurden. Und natürlich Recht und Gesetz, die darauf gründen. Darüber hinausgehende verbindliche Anleitungen würden unsere verfassungsmäßig garantierte Freiheit einschränken, alles tun zu dürfen, was einem anderen nicht schadet. Wie man sich benimmt, regeln die Menschen für sich und untereinander. Das bekommt jeder zu spüren, der sich in einer Warteschlange nach vorn drängeln will.
  2. von Bernhard Gollas
    Ich hatte bisher wirklich nichts gegen Kopftücher muslimischer Frauen und andere "Förmlichkeiten" von Migranten jedweder Herkunft. Wenn mir aber jetzt meine Begrüßungs"förmlichkeit" des Händedrucks und vielleicht andere "typisch deutschen" "Steifheiten" madig gemacht werden, muss ich meine "typisch deutsche" Toleranz und Offenheit nochmal überdenken.
  3. von Bernhard Gollas
    Kann es sein, dass das Tragen von Kopftüchern "Symbol typisch islamisch-türkischer Förmlichkeit und Steifheit" ist, oder täusche ich mich da?