Gleichheit unter den Geschlechtern Quoten zementieren die Herrschaft der Männer

Bild von Meike Lobo
Biologin und Bloggerin

Expertise:

Meike Lobo ist studierte Biologin. Sie lebt als Bloggerin und Autorin in Berlin und schreibt auf www.fraumeike.de über gesellschaftspolitische Themen.

Männer sind - und Frauen auch. Was Loriot schon immer wusste: Der Umgang der Geschlechter miteinander ist kompliziert. Er ist außerdem reflexhaft, was dazu führt, dass die Gerechtigkeitsbewegung gegen das Modell der männerdominierten Gesellschaft nicht ankommt

Über kaum ein Thema wird in der Geschlechterdebatte so verbissen gestritten wie über die Frage, ob es biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. Die beteiligten Lager sind dabei klar umrissen: der klassische Feminismus lehnt das Konzept angeborener Unterschiede ab, konservative, rechte und maskulistische Lager befürworten es. Zuletzt ließ sich die harsche Gegnerschaft im Internet beobachten, als das interne Schreiben eines Google-Mitarbeiters öffentlich wurde, in dem er die unterschiedliche Verteilung der Geschlechter auf bestimmte Branchen mit ihrer angeborenen Verschiedenheit begründete. Das Papier wurde in den sozialen Medien verrissen, der Mitarbeiter fristlos entlassen.

Der Grund für die starke Ablehnung biologischer Geschlechtsunterschiede liegt in der unrühmlichen Geschichte des Themas. In der Vergangenheit wurden Unterschiede überwiegend dazu genutzt, Frauen aus vielen Bereichen des öffentlichen Lebens herauszuhalten. Oft wurden sie dahingehend interpretiert, dass Frauen für große Teile der Arbeitswelt intellektuell ungeeignet sind, weshalb ihnen diese Bereiche von vorneherein verschlossen wurden. Im Grunde hat die männlich geprägte Zivilisation die biologischen Geschlechtsunterschiede immer nur dazu genutzt, rekursiv zu rechtfertigen, warum die Welt männlich geprägt ist. Dieser langjährige Missbrauch biologischer Gegebenheiten, der letztlich nur dazu diente, Frauen und ihre Leistungen und Fähigkeiten als minderwertig zu diskreditieren, hat zu einer reflexartigen Abwehrhaltung unter vielen Feministinnen und Feministen geführt.

Die männlich geprägte Zivilisation nutzt Geschlechterunterschiede zur Selbstlegitimierung

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Das ganze Thema ist durch die Lager, die die jeweiligen Positionen vertreten, heute so stark moralisch aufgeladen, dass es schwer möglich ist, sich ihm wertfrei und ergebnisoffen zu nähern. Doch so nachvollziehbar die Abwehrhaltung auch ist, erschwert sie auch eine fruchtbare Debatte über die für eine gerechte Gesellschaft notwendigen Schritte, weil sie das Fundament leugnet, auf dem die Schritte erfolgen.

Die anatomischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen in den primären (Hoden, Eierstöcke) und sekundären (Brüste) Geschlechtsmerkmalen lassen sich natürlich kaum leugnen. Doch darüber hinaus gibt es noch weitere Merkmale, die nicht gleich auf den ersten Blick sichtbar sind. Ursache dieser Unterschiede sind häufig die Geschlechtshormone, also Androgene bei Männern und Östrogene bei Frauen. Die Geschlechtshormone beeinflussen oft schon im Mutterleib die Entwicklung des Embryos und seiner Organe, was unter anderem Unterschiede in der Gehirnanatomie, der Muskelleistung, dem Stoffwechsel und dem Sexualtrieb der Geschlechter zur Folge hat. So funktioniert Evolution eben: Sie konstruiert die Organismen so, dass sie die evolutionäre Funktion der Fortpflanzung bestmöglich erfüllen können, und da Männchen und Weibchen bei der Fortpflanzung unterschiedliche Rollen haben, wurden sie auch etwas unterschiedlich konstruiert. Die Hormone bewirken neben der Anatomie auch unterschiedliche Eigenschaften ihrer Träger; Testosteron etwa ist mit höherer Aggressivität und Risikobereitschaft assoziiert, Östrogen eher mit Neugier und kommunikativen Fähigkeiten. Beide Hormone kommen bei beiden Geschlechtern vor, doch unterscheidet sich ihre jeweilige Höhe im Schnitt.

Viele Geschlechtermerkmale haben keine absoluten Wert

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Das Zauberwort heißt hier „im Schnitt“, denn viele Geschlechtermerkmale haben nicht absolute Werte, sondern verteilen sich in einem Größenbereich. Es gibt in der Regel einen Überschneidungsbereich zwischen den Geschlechtern, in dem sowohl Männer als auch Frauen vorkommen, während an den Randbereichen der Messwerte eher nur noch eines der Geschlechter vertreten ist. Für beide Verteilungswolken lassen sich Durchschnittswerte ermitteln, die sich bei vielen körperlichen Aspekten zwischen den Geschlechtern signifikant unterscheiden. Im Durchschnitt dieser Werte liegt der Testosteronspiegel der Männer etwa zehnmal höher als der der Frauen. Folglich sind auch die mit dem Testosteron assoziierten Wirkungen bei Männern im Durchschnitt stärker ausgeprägt. Im Überschneidungsbereich, wo Frauen mit hohem Testosteron und Männer mit niedrigem liegen, sind Unterschiede dagegen weniger ausgeprägt, je weiter die Messwerte voneinander abweichen, desto deutlicher werden auch Unterschiede. Ähnliche Verteilungsmuster finden sich z.B. für die Muskelleistung und die Körpergröße.

Der Gruppendurchschnitt verrät wenig über das Individuum

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Solche statistischen Betrachtungen sind für die Analyse von Gesellschaften notwendig, weil sie Trends und Muster sichtbar machen. Man kann durch Populationsansätze wertvolle Erkenntnisse über Gruppen von Menschen gewinnen. Zum Beispiel finden in einer Gruppe von 100 Menschen 83 Sonnenschein gut und 17 nicht so gut (acht haben Hautkrebs, drei eine Sonnenallergie und sechs sind Schleswig-Holsteiner). Die inhaltlich vollkommen korrekte Aussage über die Gesamtgruppe lautet „Die Mehrzahl der befragten Menschen mag Sonnenschein“. Diese Information könnte wichtig sein für die Abschätzung des Hautkrebsrisikos der Bevölkerung. Individuelle Eigenschaften treten bei statistischen Betrachtungen dagegen in den Hintergrund. Die obige Aussage lässt die 17 Personen, die keine Sonne mögen, einfach aus. Liest nun eine von ihnen die verallgemeinernde Gruppenaussage, fühlt sie sich für sie falsch und diskriminierend an, weil sie auf sie nicht zutrifft. Aussagen über Populationen führen in Debatten oft zu unnötigen Missverständnissen, wenn sie nicht klar genug kommuniziert werden.

Vergleichbar ist dieses Spiel mit den Perspektiven mit dem Foto einer Landschaft, das einmal aus der Vogelperspektive aufgenommen wurde und einmal auf ebener Erde. Beide Bilder zeigen die Realität, jedes allerdings einen völlig anderen Aspekt von ihr. Das Foto, das auf der Erde entstand, ist nicht richtiger und jenes aus der Vogelperspektive nicht falscher, es sind nur unterschiedliche Blickwinkel. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass sich Gruppenwahrheiten und Einzelwahrheiten widersprechen und trotzdem beide vollkommen korrekt sein können. Individuelles Erleben kann stark vom Gruppendurchschnitt abweichen, aber das heißt nicht, dass die Gruppenaussage deshalb ungültig oder falsch ist.

Die "Minderwertigkeit" eines weiblichen Merkmals ensteht erst durch Interpretation

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Es ist natürlich leichter, diese Diskussionsprämisse zu berücksichtigen, solange es um unverfängliche Daten wie Körpergröße und Sonnenaffinität geht. Viel schwerer ist es, wenn von Fähigkeiten gesprochen wird, wie „Frauen haben ein schlechteres räumliches Vorstellungsvermögen“ oder ähnliches. Doch hierbei ist es besonders wichtig zu bedenken, dass die „Minderwertigkeit“ eines weiblichen Merkmals erst durch die Interpretation und den Vergleich entsteht, nicht durch seine Existenz. Und die Interpretation richtet sich in der Arbeitswelt häufig nach einem männlichen Standard, mit dem weibliche Eigenschaften verglichen und dann als weniger wertvoll abgetan werden. Der Grund für die Existenz eines solchen männlichen Standards liegt in unserer androzentrischen Zivilisation.

Wie leben in einer männerfokussierten Zivilisation

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Androzentrismus beschreibt, vereinfacht gesagt, eine Gesellschaft, in der das alltägliche Leben entlang männlicher Bedürfnisse, Fähigkeiten, Werte, Prioritäten und Eigenschaften organisiert ist. Das Männliche wird als Norm aufgefasst, das Weibliche als Abweichung von dieser Norm. Die Grundsteinlegung für diese einseitige Gesellschaft erfolgte vor sehr langer Zeit, am Beginn der Jungsteinzeit nämlich. Mit der Sesshaftwerdung (in Mitteleuropa vor gut 6000 Jahren) schälte sich eine Form von Gesellschaft aus der vorherigen Nomadenhorde, die die unterschiedlichen Rollen von Männern und Frauen bei der Fortpflanzung widerspiegelte. Da die Frau für das Großziehen eines Säuglings unverzichtbar war, waren ihre Kapazitäten, auch anderen Tätigkeiten als der Versorgung eines Babys nachzugehen, extrem limitiert. Sie blieb eng an das Haus und die Kinder gebunden. Der Mann hingegen war für die unmittelbare Betreuung des Säuglings entbehrlich und konnte sich deshalb in der nicht-häuslichen Gesellschaft austoben. Die Welt spaltete sich auf in eine äußere Hälfte mit Handel, Lohnarbeit und Innovation und eine innere mit Pflege, Erziehung und Haushaltsorganisation. Die äußere Welt war eher offen und intellektuell fordernd, die innere eher begrenzt und mit überwiegend intuitiven Tätigkeiten.

Man muss kein Feminist sein, um zu verstehen, dass den Frauen in ihrer begrenzten Häuslichkeit irgendwann die Decke auf den Kopf fiel und sie den Wunsch spürten, diese Welt zu erweitern. Doch als ihnen das vor rund 100 Jahren dank des Fortschritts allmählich möglich wurde, stießen sie auf eine äußere Welt voller Widerstände. Diese Welt war, da sie hauptsächlich von Männern gestaltet worden war, auch in erster Linie für Männer gestaltet worden. Alle Strukturen waren an Männern ausgerichtet, die Arbeitswelt spiegelte durchschnittlich eher männliche Eigenschaften wie Konkurrenzdenken, Durchsetzungsfähigkeit und Aggressivität wider. Weichere „weibliche“ Eigenschaften waren, da Konkurrenten sie sofort zu ihrem Vorteil ausgenutzt hätten, komplett aus den äußeren Bereichen verbannt. Es war eine harte, gnadenlose Welt, die auf einer dauerhaft hohen Leistungsbereitschaft und -fähigkeit basierte. Frauen konnten bisher in dieser männlichen Welt, wenn überhaupt, nur dann eine hohe Position erreichen, wenn sie dem männlichen Wertesystem weitgehend entsprachen. Es ist kein Zufall, dass hochstehende Frauen - Managerinnen, Sportlerinnen, Politikerinnen - oft tough und, gemessen an der weiblichen Populationsnorm, eher „unweiblich“ wirken.

Die Arbeit in der äußeren Welt ist das Kriterium, nach dem die Gesellschaft Menschen bewertet, und das hohe männliche Leistungsniveau schafft dabei die Referenzgröße. Als respektable Leistung zählt somit eher produktive und intellektuelle (historisch eher männliche) Arbeit, weniger erhaltende und intuitive (historisch eher weibliche). In dieser sehr eingeschränkten androzentrischen Sicht liegt die Begründung für den geringen gesellschaftlichen Einfluss und die schlechte Bezahlung der Pflege- und Erziehungsbranche. Aber kommunikative und soziale Fähigkeiten können nur da als unwichtig weggetätschelt werden, wo eine der Grundvoraussetzungen für gesellschaftlichen Status Durchsetzungsvermögen ist, also eine Art von Einzelkämpfertum. Statt also zu leugnen, dass Frauen im Schnitt eher kommunikative und soziale Fähigkeiten haben, brauchen wir ein neues Referenzsystem, von dem diese Fähigkeiten nicht als minderwertig interpretiert werden.

Quoten zementieren die androzentrische Weltordnung

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Der reflexartige Umgang mit den Geschlechtsunterschieden offenbart im Grunde die ganze Sprach- und Hilflosigkeit, der auch die Gerechtigkeitsbewegung der androzentrischen Gesellschaft gegenübersteht. Woran es mangelt, sind alternative Zivilisationskonzepte, die offene Gesellschaften ermöglichen, in denen die Geschlechter unterschiedlich sein dürfen, ohne dass diese Unterschiede automatisch zu einem Besser und Schlechter gedeutet werden. Es fehlen Ideen für eine Welt, die auf anderen Werten basiert als auf produktiver Lohnarbeit. Wir brauchen Ideen für eine Welt, in der ehrenamtliche Tätigkeiten nicht weniger Anerkennung bekommen als bezahlte Arbeit, und Pflegeberufe nicht das Schlusslicht der Gesellschaft bilden, die sie überhaupt erst zusammenhalten. Eine Welt, in der niemand auf die Idee kommt, einer schwangeren Frau oder jungen Mutter die Leistungsfähigkeit abzusprechen, weil einfach selbstverständlich ist, dass auch das Meistern der Strapazen von Schwangerschaft und Geburt sowie die Kinderbetreuung ungeheure Leistungen sind, die Wertschätzung verdienen.

Was wir brauchen, sind nicht etwa Quoten, die Frauen in männliche Strukturen bringen und so letztlich die androzentrische Weltordnung bestätigen. Wir brauchen nicht weniger als eine neue Zivilisation, in der beide Geschlechter den gleichen Wert haben. Fangen wir an, darüber nachzudenken, wie eine solche Zivilisation aussehen kann. 

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.