Bestimmt das Geschlecht das Verhalten? Beim Thema Geschlecht, lässt sich die Wissenschaft von gesellschaftlichen Vorurteilen leiten

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Mitbegründerin der Initiative Liberaler Feminismus

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Judith Sevinc Basad ist Mitgründerin der Initiative "Liberaler Feminismus" und engagiert sich im Verein "Frauen in der Literaturwissenschaft" (FrideL e.V). Sie studierte Germanistik und Philosophie in Stuttgart und studiert momentan Neuere Deutschen Literatur an der FU Berlin mit Schwerpunkt in der Geschlechterforschung.

Immer noch vertreten viele die These, das männliche oder weibliche Verhalten sei angeboren. Dafür gibt es aber bisher keine wissenschaftlichen Beweise. Vielmehr wird der Diskurs durch Vorurteile und verdrehte Fakten dominiert. 

FDP-Chefchauvinist Wolfgang Kubicki vergleicht sich mit einem pinkelnden Rüden, Journalistin Birgit Kelle will als „Muttertier“ die „Brut hüten“ und Evolutionsbiologen der Freien Universität Berlin erkennen hinter grillenden Männern jagende Neandertaler. Biologismen sind voll im Trend, vor allem dann, wenn man eine Erklärung für das unterschiedliche Verhalten zwischen Frauen und Männern finden möchte.

Zu Unrecht. Denn bis heute scheitert die Wissenschaft daran, die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau in eine kausale Beziehung zu deren Interessen und Neigungen zu setzen. Mehr noch: Die biologistische Forschung scheint sich bei ihren Studien mehr von Mythen und Vorurteilen leiten zu lassen, als von objektiven Fakten.

Es gibt keine Beweise dafür, dass Interessen und Neigungen geschlechtsspezifisch sind

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Nehmen wir etwa die Annahme, dass Frauen und Männer verschiedene Gehirne besitzen. So galt die Entdeckung des Psychologen Simon Baron-Cohen von der Universität Cambridge lange Zeit als sicherer Beweis für eine angeborene Differenz: Frauen besitzen einen „empathischen“ und Männer einen „strukturierten“ Denkapparat. Das behauptete der Brite nach einer Versuchsreihe mit Neugeborenen.

Stimmt aber gar nicht, hat jetzt ein Forscherteam aus Israel, der Schweiz und Deutschland herausgefunden. Die Wissenschaftler untersuchten vor zwei Jahren 1.400 Gehirne auf Differenzen in der Gehirnsubstanz und auf Verknüpfungen zwischen verschiedenen Hirnarealen. Das Ergebnis: Ein geschlechtsspezifisches Gehirn lässt sich nicht definieren. Vielmehr ist unser Gehirn ein Mosaik aus beiden Anteilen.

Ein geschlechtsspezifisches Gehirn lässt sich nicht definieren

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Doch damit nicht genug. Auch die Wirkung, die landläufig dem männlichen Sexualhormon Testosteron zugeschrieben wird, wurde widerlegt. Der Botenstoff mag zwar Bartwuchs, Stimmbruch und Muskelaufbau begünstigen. Dass das Hormon die Männer aggressiv, egoistisch und gewalttätig werden lässt, ist jedoch falsch.

Das bewies eine Studie von der Universität Zürich. Hier verabreichte man Frauen Testosteron und beobachtete daraufhin deren Verhalten bei einem Spiel, in dem mit Geld gehandelt wurde. Die Auswertung verblüfft: Frauen mit dem Sexualhormon im Blut agierten nicht etwa aggressiver und egoistischer, sondern fairer und sozialer.

Nachdem man dann den Frauen bei einem zweiten Test entweder ein Hormon oder ein Placebo verabreichte, sollten die Probandinnen nach dem Spiel selbst entscheiden, welche Dosis sie bekommen hatten. Das Resultat: Frauen verhandelten gerechter, wenn sie an das Placebo glaubten. Waren sie hingegen davon überzeugt, den Botenstoff geschluckt zu haben, verhielten sie sich rücksichtsloser. „Es scheint, dass nicht Testosteron selbst zur Aggressivität verleitet, sondern vielmehr der Mythos rund um das Hormon“ resümierte einer der Forscher.

Der Mythos rund um das Hormon ist deutlich entscheidender als das Hormon selbst

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Doch nicht nur der testosterongesteuerte Mann entzieht sich der wissenschaftlichen Beweisführung. Auch das Bild der Frau, die vor der Menstruation zum zickigen und verstimmten Wesen mutiert, scheint eher einem Mythos als einer medizinischen Tatsache zu entsprechen.

Gemäß der Definition des „Prämenstruellen Syndroms“ (PMS) sollen Frauen in den Tagen vor ihrer Periode an Stimmungsschwankungen, Depressionen und einem verminderten Selbstwertgefühl leiden. Auch hier hält eine Übersichtsarbeit von Kanadiern und Neuseeländern dagegen, die die Daten von über 4000 Frauen ausgewertet haben. Das Resultat: In den wenigsten Fällen waren die Frauen in den Tagen vor der Menstruation deutlich häufiger niedergeschlagen. Bei mehr als einem Drittel der Studien ließ sich überhaupt kein Zusammenhang zwischen Stimmungsschwankungen und Zyklusphase entdecken.

Fakten, Kausalitäten und Studien sprechen also nicht für den Menschen, den sich Kubicki und Kelle herbeifantasieren. Trotzdem suchen Neurologen seit Dekaden nach Unterschieden: Allein zum geschlechterspezifischen Gehirn zählt die Hirnforschung über 5000 Untersuchungen.

Doch woher kommt diese Obsession? Ein Blick auf die Medizingeschichte legt den Verdacht nahe, dass sich die Wissenschaft bei diesem Thema weniger von objektiver Erkenntnis, als von gesellschaftlichen Vorurteilen leiten lässt.

Beim Thema Geschlecht, lässt sich die Wissenschaft von gesellschaftlichen Vorurteilen leiten

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Nehmen wir etwa das „Verbrecher-Gen“, mit dem Gen-Forscher Anfang der 60er Jahre Männer mit einem zusätzlichen Y-Chromosom zu testosterongesteuerten Intensivtätern erklärten. Grund für die Annahme, dass das Syndrom zu barbarischen Verbrechen führte, waren tendenziöse Studien in den 60er Jahren: Durch Zufall entdeckten schottische Forscher bei einer Gruppe von hochgewachsenen Häftlingen damals die Gen-Anomalie.

Dass man keine Kausalität zwischen dem Y-Chromosom und dem aggressiven Verhalten feststellen konnte, störte die Forscher wenig. Sie waren davon überzeugt, ein „Super-Masculinity-Gen“ gefunden zu haben – nicht weil die Fakten dafür sprachen, sondern weil die Wissenschaftler unbedingt eine biologische Erklärung für ein soziales Phänomen finden wollten.

Ein anderes Beispiel ist der Mythos um die Hysterie kranke Frau: Seit der Antike bringt die Medizin die weibliche Biologie mit krankhaften Zuständen in Verbindung. So war Hippokrates davon überzeugt, dass die Gebärmutter im Körper der Frau herumwandert und eine „hysterische Erstickung“ verursacht. Der Psychologe Phillipe Pinel diagnostizierte seinen Patientinnen daraufhin eine „Genitalneurose“: „Exzessiv sinnliche Lektüre“ und „gewohnheitsmäßige Masturbationspraktiken“ würden Frauen zu hysterischen Tobsuchtanfällen verleiten, wusste der Franzose. Im 19. Jahrhundert schnallte der Nervenarzt Jean-Martin Charcot dann hysterische Frauen an Krankenbetten fest und führte sie Studenten, Ärzten und Journalisten als neurologisches Wunder vor.

Eines ist sicher: Biologismen haben in der Kulturgeschichte nicht gerade zu Freiheit, Aufklärung oder Emanzipation geführt. Dennoch halten Wissenschaft und Popkultur an dem Trend fest.

Biologismen haben in der Kulturgeschichte nicht gerade zu Freiheit oder Emanzipation geführt

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Besonders obskur verhalten sich dabei die Evolutionsbiologen. Nach deren Theorie haben wir das Verhalten von unseren Vorfahren aus der Steinzeit geerbt. Frauen sind also kommunikativ und einfühlsam, weil sie in prähistorischen Zeiten auf die Kinder aufpassten, während sich die Männer durch die Jagd Aggression und Dominanz aneignen mussten. „Was sind schon die paar Jahre Emanzipation, verglichen mit Jahrmillionen menschlicher Evolution“, findet beispielsweise der Biopsychologe Peter Walschburger.

Der Glaube an einen ultimativen Ursprung, der die gesamte Menschheitsgeschichte überwacht, erinnert eher an einen christlichen Heilsplan, als an Wissenschaft. Die Evolution fungiert hier außerdem als natürliche und daher unanfechtbaren Wahrheit – die Schlüsse über das menschliche Verhalten sind somit absoluter als ein totalitäres Regime.

Aber vielleicht ist das Bedürfnis nach Einheit, Unterwerfung und Sicherheit auch irgendwo verständlich. Vielleicht sind die Vertreter solcher Biologismen einfach nur die Opfer der Postmoderne, die von Diversität, Freiheit und Globalisierung so eingeschüchtert sind, dass sie sich verzweifelt an archaische Ursprungsfantasien und verstaubte Ordnungssysteme klammern.

Vielleicht können Kelle, Kubicki und Co. ja die Mythen irgendwann überwinden. Und anfangen, Menschen wie Menschen zu behandeln.

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