Wie gelingt die Integration? Wie Flüchtlinge bei der Integration ausgebremst werden

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Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln SPD

Expertise:

Dr. Franziska Giffey ist seit April 2014 Bezirksbürgermeisterin des Berliner Bezirks Neukölln.

Die meisten Flüchtlinge, die sie vor Ort trifft, schreibt die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey, wollen sich schnell integrieren. Doch oft werden sie ausgebremst.

Über 80.000 Menschen sind im letzten Jahr als Flüchtlinge nach Berlin gekommen – der Großteil ist geblieben mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in Frieden. Wie kann es gelingen, dass es gelingt?

Ein ganz normaler Deutschkurs in der Neuköllner Volkshochschule: eine Innenarchitektin aus Kroatien - zurzeit Reinigungskraft im Adlon, eine Musiklehrerin aus Argentinien, ein Bauingenieur aus Rumänien, ein Zahnarzt aus Syrien, ein Barkeeper aus Bulgarien, ein Umweltingenieur aus Syrien, ein Sommelier aus Italien, ein Trockenbauer aus Bulgarien, eine Physiotherapeutin aus Polen, ein BWL-Student aus Syrien. Sie alle sind auf Deutsch-Niveau A 2, können Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke zur Person, zur Familie, zum Einkaufen, zur Arbeit und zur näheren Umgebung verstehen und sich in einfachen, routinemäßigen Situationen verständigen. Und sie haben einen festen Willen: Deutsch lernen, Ankommen, Arbeit haben und auf eigenen Füßen stehen.

Aber für Arbeit und Ausbildung braucht es erst einmal gute Sprachkenntnisse, die über die reinen Basics hinausgehen – Niveau B 2 ist auf dem Arbeitsmarkt gewünscht – eigenständige Sprachanwendung, Verständnis komplexer Texte, Verstehen von Fachdiskussionen, klarer und detaillierter Ausdruck. Bis dahin ist es ein weiter Weg, zumal die Integrationskurse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge nur bis maximal zum Level B 1 führen. Und es haben nur diejenigen Zugang, die aus Ländern mit einer Bleibeperspektive von über 50 % kommen. Afghanistan zum Beispiel gehört nicht dazu und deshalb sind die Integrationskurse für Afghanen auch verschlossen. Regelmäßig führt das zu Streit und Unverständnis in den Flüchtlingsnotunterkünften, wenn die einen Deutsch lernen dürfen und die anderen nicht.

Sinnlos ist an dieser Stelle die Diskussion über Sanktionen bei der Integrationsverweigerung. Was wir vor Ort erleben, ist bei den allermeisten der unbedingte Wille, schnell Deutsch zu lernen, um dieses Land zu verstehen und selbständig zu werden. Tausende Ehrenamtliche und berlinweit mehr als 660 Deutschkursleiter an den Volkshochschulen versuchen, einen Beitrag dazu zu leisten. Frei nach dem Motto: Und selbst wenn jemand doch wieder zurück in sein Heimatland gehen muss, das Erlernen der deutschen Sprache hat noch nie jemandem geschadet.

Bei der Frage, wie Integration gelingen kann, geht es eigentlich immer wieder um drei Dinge: Zugang, Perspektiven und Sicherheit.

1. Zugang

Sprachkurse müssten regulär bis zu einem Niveau führen, das für Ausbildung und Arbeit Tätigkeiten benötigt wird.

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Es braucht einen schnelleren Zugang zu Beratung und Unterstützung. Wartezeit ist verlorene Zeit.

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Damit Integration gelingt, kommt es auf den schnellen Zugang zu Sprache, Bildung und Arbeit an. Integrierte und ganzheitliche Ansätze sind hier notwendig, um parallele Strukturen nicht zu verfestigen. Es kommt auf die Durchmischung der sozialen und ethnischen Gruppen an – in Wohnsiedlungen, in Schulklassen, in sozialen Projekten. Wir alle reden davon, wie wichtig die Sprache und die schnelle Eingliederung in das Arbeitsleben ist, und dann gibt es aber doch Hürden. Sprachkurse müssten regulär bis zu einem Niveau führen, das für Ausbildung und Arbeit jenseits der einfachen Tätigkeiten benötigt wird. Es braucht einen schnelleren Zugang zu Beratung und Unterstützung, denn die Wartezeit ist verlorene, verschenkte Zeit, die besser genutzt werden könnte.

Alle Kraft richtet sich derzeit auf die Notunterbringung. Entscheidend ist aber die Integrationsphase.

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2. Perspektiven

Wir leben in der Metropole Berlin, einer Stadt die ständig wächst und sich erneuert, in der Menschen aus unterschiedlichsten kulturellen und ethnischen Hintergründen leben. Damit dies friedlich geschehen kann, müssen Menschen mit sich und ihrem Leben zufrieden sein, sie brauchen einen Plan und ein Ziel - eine Perspektive. Eine Stadt kann nicht gesund wachsen, wenn nicht genügend Perspektiven, nicht genügend Arbeits- und Ausbildungsplätze vorhanden sind. Dies ist problematisch für diejenigen, die schon in der Stadt sind, aber auch für diejenigen, die neu hinzukommen. Deshalb braucht es eine starke Wirtschaft, aber auch eine aktive Zivilgesellschaft, die Perspektiven bieten und vermitteln kann. Ein großer Teil der Kraft richtet sich derzeit immer noch auf die Notunterbringung und Erstversorgung zugewanderter Menschen. Doch das ist nur die Phase 1. Entscheidend wird das, was danach kommt - Phase 2 - die Integration. Dafür brauchen wir einen Plan und konkrete Maßnahmen. Wir müssen Menschen nicht nur betreuen, sondern vor allem auch befähigen.

Klarheit über den Aufenthaltsstatus ist Voraussetzung für Integration. Die Verfahren müssen beschleunigt werden.

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3. Sicherheit

Menschen haben ein großes Bedürfnis nach Sicherheit, sowohl die angestammte Bevölkerung, als auch die Neuzuwanderer. Diejenigen, deren Aufenthaltsstatus nicht entschieden ist und die nicht wissen, ob und wann sie Klarheit darüber haben, verfügen über keine guten Voraussetzungen für die Integration. Diese Verfahren müssen beschleunigt und schneller zum Abschluss gebracht werden. Zur Sicherheit gehört aber auch, dass der Staat dafür einsteht, dass bei aller Zuwanderung und Willkommenskultur einige grundsätzliche Werte unserer freiheitlich, demokratischen Grundordnung nicht verhandelbar sind. Sie stehen alle in unserem Grundgesetz. Das Grundgesetz sichert die Freiheit des Glaubens, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und die Rechte von Minderheiten. Es setzt aber auch klare Grenzen und gibt Orientierung und bildet so die Grundlage unseres Zusammenlebens. Wenn sich alle, die hier leben, daran halten, dann ist schon viel gewonnen.

Damit die Integration gelingt, müssen erhebliche finanzielle Ressourcen eingesetzt werden.

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Fazit

Um Zugang, Perspektiven und Sicherheit zu realisieren, braucht es schnelles Handeln und Geduld, es braucht starke staatliche Strukturen und zivilgesellschaftliches Engagement, es braucht erhebliche finanzielle Ressourcen, aber auch die Menschen, die es machen – vor allem vor Ort in den Kommunen, die die Aufgabe nicht mehr weiter reichen können. In den Berliner Bezirken berührt das Thema Integration nahezu alle Verwaltungsbereiche – ob die Organisation der Willkommensklassen in Schulen, Deutschkurse an der Volkshochschule, Impfungen und Untersuchungen im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, Kinderschutz, Vormundschaften, die medizinische Versorgung und der Brandschutz in den Notunterkünften, soziale Wohnhilfe, Anmeldungen in den Bürgerämtern, standesamtliche Beurkundungen, Frauenprojekte für Geflüchtete, die Unterstützung von Familien durch die Stadtteilmütter, Anwohnerveranstaltungen im Umkreis von Notunterkünften, Projekte zur Integration in den Arbeitsmarkt.

Im Neuköllner Rathaus haben wir seit September letzten Jahres die Neuköllner Koordinierungsstelle für Flüchtlingsfragen aufgebaut – drei Kolleginnen kümmern sich um die Koordination all dieser großen Aufgabenfelder, sind Ansprechpartnerinnen für Bürgerinnen und Bürger, für Ehrenamtliche, für Spender, für den Senat. Ohne solche Strukturen geht es nicht. Die Frage ist dabei nicht, ob wir es schaffen, sondern, wie wir es schaffen. Die Menschen sind da – und wir müssen dafür arbeiten, dass die Integrationsfehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden.

--- Dieser Text ist Teil unserer Debatte zu der Frage: Wie gelingt die Integration? Weitere Beiträge, etwa von dem Nürnberger Bürgermeister Ulrich Maly, den Migrationsforschern Ruud Koopmans und Klaus Jürgen Bade und der CDU-Abgeordneten Erika Steinbach finden Sie hier.

--- Die Redaktion empfiehlt außerdem: "Frauen können Männern mehr zutrauen". WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger über den Wandel der Wünsche von Männern und Frauen.

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