Integration von Flüchtlingen: Wie kann sie gelingen? Sollen alle Flüchtlinge bleiben? Müssen alle gehen? Beides wäre dumm.

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Direktor Abteilung Migration, Integration, Transnationalisierung Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Expertise:

Prof. Dr. Ruud Koopmans ist Leiter der Abteilung Migration, Integration und Transnationalisierung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Professor an der Humboldt Universität Berlin. Der Migrationsforscher stammt aus den Niederlanden und hat an der Universität Amsterdam promoviert. Er forscht unter anderem zu den rechtlichen Rahmenbedingungen von Migration und zu sozialen Bewegungen in den Aufnahmegesellschaften, oft in transnationaler Perspektive.

Nur mit Selektivität wird Deutschland es schaffen, sagt der niederländische Migrationsforscher Ruud Koopmans - nämlich die Einwanderung nicht nur zu verwalten, sondern auch davon zu profitieren. Eine Bleibeperspektive muss an eine erfolgreiche Integration geknüpft werden.

„Deutschland braucht Einwanderung!“ – Experten und arbeitgebernahe Stiftungen riefen es schon lange und schließlich brach das Bewusstsein auch in der Politik durch. Zuerst bei den Grünen, dann bei der SPD unter Schröder und letztlich auch bei Angela Merkel und ihrer CDU. Nur ein Paar bayerische Hinterwäldler und die Unbelehrbaren von Pegida und AfD wagten es noch, die Segen der Zuwanderung in Zweifel zu ziehen. 

Aus dieser sonnigen Perspektive musste die Flüchtlingswelle, die im letzten Jahr auf Europa zurollte wohl fast wie ein Gottesgeschenk erscheinen. Trotz green und blue cards und anderer Liberalisierungen des Zuwanderungsrechts, war Deutschland bis dahin nämlich nur mäßig erfolgreich dabei gewesen, indische Informatiker und andere Arbeitskräfte, für die dringenden Bedarf auf dem hiesigen Arbeitsmarkt besteht, anzulocken. Nun waren sie endlich da, die ersehnten Zuwanderer: „Kommt bitte rein, wir schaffen das!“, winkte die Bundeskanzlerin und öffnete die Tore. Nicht einmal ein halbes Jahr später, nachdem die Ereignisse von Köln die Kehrseite der Zuwanderung ins Blickfeld gerückt hatten, war das Merkel'sche Herbstmärchen schon wieder vorbei. Nun verkündete die Bundeskanzlerin, dass die Flüchtlinge,sobald es die Situation in ihren Herkunftsländer das wieder zulassen würde, bitte schön wieder das Land verlassen sollten.

Deutschland braucht Zuwanderer, doch schlecht qualifizierte verschärfen das Problem des demographischen Wandels. 

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Innerhalb weniger Monate schwenkte die Bundeskanzlerin so von dem einem ins andere Extrem, aber kam zu keinem Zeitpunkt auch nur in der Nähe einer klugen und durchdachten Zuwanderungspolitik. „Deutschland braucht Zuwanderer“ ist nämlich eine Halbwahrheit, oder wenn man so will, eine halbe Lüge. Wahr ist, dass es auf den deutschen Arbeitsmarkt in vielen Bereichen an qualifizierte Arbeitskräfte mangelt. Ohne Zuwanderung würden diese Mängel durch die starke Alterung der deutschen Wohnbevölkerung ein Ausmaß annehmen, das der deutschen Wirtschaft ernsthaft schaden würde. Wahr ist auch, dass Zuwanderung helfen kann um den Sozialstaat bezahlbar zu halten und die Renten zu sichern. Ohne Zuwanderung müsste die Last der Sozial- und Steuerabgaben von immer weniger arbeitenden Schultern getragen werden. All das ist aber nur wahr, insofern Zuwanderer auch tatsächlich über die Qualifikationen verfügen  an denen es auf dem deutschen Arbeitsmarkt mangelt. Es ist nur wahr, wenn Zuwanderer tatsächlich arbeiten und am besten nicht im Niedriglohnbereich, weil sie nur dann mehr in die Sozial- und Steuerkassen einzahlen als sie herausbekommen. Schlecht qualifizierte und arbeitslose Zuwanderer braucht Deutschland keinesfalls – im Gegenteil, sie würden die Probleme des demographischen Wandels nur verschärfen.

Gelungene Zuwanderungspolitik ist immer selektiv.

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Gelungene Zuwanderungspolitik ist immer selektiv. Das ist es, was wir von klassischen Einwanderungsländern wie Kanada und Australien lernen können, die keinesfalls jeden reinlassen, sondern sich ihre Zuwanderer ganz genau aussuchen. Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Flüchtlingswelle der jüngsten Zeit eher skeptisch zu betrachten. Viele der Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland kamen, verfügen nämlich nicht über die Qualifikationen, die eine erfolgreiche Integration erwarten lassen. Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkts- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zeigen, dass fast die meisten Flüchtlinge keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Ein Viertel hat nur die Grundschule besucht und acht Prozent haben überhaupt keine Schulbildung genossen. Dem steht gegenüber, dass manche Flüchtlinge durchaus hochgebildet sind: etwa zehn Prozent haben sogar einen Hochschulabschluss.

In allen europäischen Einwanderungsgesellschaften sind Muslime die Schlusslichter, wenn es um Integration geht.

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Dass unter den 1,1 Millionen, die letztes Jahr nach Deutschland kamen, viele sind, dir wir sehr gut gebrauchen können, steht deshalb außer Zweifel. Aber es gibt auch eine größere Gruppe bei der sich die Integration schwierig gestalten wird und die den Sozialstaat noch über Jahre belasten statt entlasten wird. Dies gilt umso mehr, da die große Mehrheit der Flüchtlinge aus islamischen Ländern stammt. In allen europäischen Einwanderungsländern sind muslimische Zuwanderer die Schlusslichter, wenn es um erfolgreiche Integration geht, ganz gleich ob es die Türken in Deutschland, die Nordafrikaner in Frankreich, die Somalier und Iraker in Schweden, oder die Pakistani und Bangladeschi in Großbritannien sind. Traditionelle Rollenverständnisse sind dafür verantwortlich, dass die Arbeitsmarktpartizipation muslimischer Frauen weit unterdurchschnittlich ist, auch im Vergleich zu anderen Migrantengruppen.

Muslime leben wegen ihrer oft ausgeprägten Religiosität stärker segregriert als andere Migrantengruppen.

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Auch muslimische Männer haben Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, nicht nur wegen Diskriminierung sondern auch weil Muslime durch ihre oft ausgeprägte Religiosität über wenig Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft verfügen und stärker segregiert leben als andere Migrantengruppen.

Aber dürfen wir Flüchtlinge überhaupt aus der Perspektive unserer eigenen Interessen betrachten? Ist es nicht unsere humanitäre Pflicht, jeder, der vor Krieg und politischer Verfolgung flüchtet, Schutz zu bieten? Kurzfristig sollte das gewiss im Vordergrund stehen. Gleichzeitig dürfen und müssen wir aber darüber nachdenken, wie es weiter geht, wenn die Situation in den Herkunftsregionen irgendwann mal wieder so ist, dass eine sichere Rückkehr möglich ist. Sollten dann alle zurückgehen, wie es die Bundeskanzlerin will? Sollten alle bleiben dürfen, weil nur eine solche Bleibeperspektive es für Flüchtlinge attraktiv macht, sich zu integrieren, wie andere Stimmen meinen? Es ist schwer zu sagen, welches der beiden Signale das dümmere ist. Beide verkennen nämlich die Notwendigkeit der Selektivität.

Allen Flüchtlinge zu sagen, sie müssten wieder gehen, würde es für keinen Flüchtling attraktiv machen Integration in Deutschland zu investieren. Auch nicht für die, die wir dringend brauchen. Es würde das Gleiche passieren, was schon in den 1990er Jahre mit den Jugoslawischen Bürgerkriegsflüchtlingen passierte, die auch nur eine befristete Bleibeperspektive in Aussicht bekamen. Viele der am besten qualifizierten Flüchtlinge zogen es damals vor, in andere Einwanderungsländer wie Großbritannien und Kanada weiter zu ziehen, wo man ihnen wohl eine längerfristige Perspektive bot. Viele gingen auch zurück in die Herkunftsregion, weil sie dort gute Perspektiven für sich sahen. Andere blieben letztendlich doch in Deutschland, aber es waren nicht immer die, die Deutschland am meisten gebraucht hätte, sondern eher die weniger erfolgreichen, die Deutschland brauchten.

Die Bleibeperspektive sollte an eine gelungene Integration gekoppelt werden.

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Ein solches Szenario lässt sich für die Zukunft nur dann vermeiden, wenn man für die jetzigen Flüchtlinge klare Anreize schafft, die die Bleibeperspektive an gelungene Integration koppeln. Denjenigen, die es in den nächsten drei bis fünf Jahren schaffen, sich erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sich und ihre Familie unabhängig von Sozialleistungen zu ernähren, die deutsche Sprache zu erlernen und straffrei zu bleiben, sollte ein dauerhaftes Bleiberecht und die deutsche Staatsbürgerschaft in Aussicht gestellt werden. Diese Leute brauchen wir dringend, und ihre Ambition, Talente und Anstrengungen verdienen es, belohnt zu werden.

Denjenigen, die es nicht schaffen ökonomisch auf eigenen Füße zu stehen oder die sogar straffällig werden, muss aber genauso klar gemacht werden, dass für sie keine Bleibeperspektive besteht. Solange Menschen bei der Rückkehr um Leib und Leben fürchten müssen, müssen wir ihnen humanitären Schutz bieten, aber wenn diese Gründe entfallen, ist es weder human noch klug Menschen, die keine gute Perspektive in Deutschland haben, hier bleiben zu lassen. Für sie müsste die politische Bereitschaft bestehen, eine aktive und nicht-freibleibende Rückkehrpolitik zu betreiben. Nur so kann erreicht werden, dass das Potential, das in den Flüchtlingen steckt, zum Tragen kommt und damit Zuwanderung tatsächlich einen Beitrag zur Zukunft Deutschlands leistet. Nur so - wenn Anstrengung und Integrationserfolg belohnt werden und Flüchtlinge, die es in Deutschland nicht schaffen, letztendlich wieder gehen müssen - kann auch die Unterstützung in der Bevölkerung für ein humanes Flüchtlingsrecht und eine vernünftige Zuwanderungspolitik aufrecht erhalten werden. Nur mit Selektivität werden wir es schaffen.

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Wie gelingt die Integration?

Auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels, debattieren darüber unter anderem Erika Steinbach (CDU) und Klaus Jürgen Bade. Oder lesen Sie Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln: "Eine Integrationspflicht für Flüchtlinge ist falsch."

Sie interessieren sich für das Thema? Lesen Sie auch Beiträge aus unserer Debatte zur Frage: Werden Migranten häufiger straffällig?

 

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