Leben in Genossenschaften Die krisensichere Wohngemeinschaft

Bild von Margit Piatyszek-Lössl
Vorständin einer Wohnungsgenossenschaft

Expertise:

Margit Piatyszek-Lössl sitzt im Vorstand von Märkische Scholle Wohnungsunternehmen eG.

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Wie bleibt Wohnen bezahlbar? Margit Piatyszek-Lössl sieht Wohnungsgenossenschaften als einzige Option, abgesichert und günstig zu wohnen.

Bezahlbares, sicheres und gutes Wohnen ist der Grundgedanke der Baugenossenschaftsbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin entstand. Damals wie heute hatte Berlin eine hohe Anziehungskraft. Die Stadt entwickelte sich zum Handels- und Industriezentrum. Bau und Vermietung von Wohnraum war privaten Investoren und spekulativer Rendite überlassen. Im Jahr 1920 wuchs die Einwohnerzahl auf fast 4 Millionen – nach New York und London war Berlin die drittgrößte Metropole der Welt und die am dichtesten besiedelte „Mietskasernenstadt“. 


Als Gegenmodell und Alternative entstanden in dieser Zeit viele Genossenschaften aus unterschiedlichsten Gesellschaftsgruppen - von Arbeitern über Handwerker bis zu Beamten. Und beim Wohnen ging es erstmals nicht nur um Rendite, sondern um helle, freundliche Wohnungen mit einem Fleckchen Grün, demokratischer Teilhabe, Dauerwohnrecht, innovative Architektur sowie Sozial- und Kultureinrichtungen. 
Durch das genossenschaftliche Identitätsprinzip, das erstmals die bis dahin getrennten Marktpositionen von Kunde und Eigentümer vereinte, gelang die Synthese von Vermieter und Mieter. Bis heute bedeutet dies einen „Dritten Weg“ zwischen dem Wohnen zur Miete und dem im Eigentum, zugleich als Nutzer sowie als Miteigentümer am Unternehmen.

In Genossenschaften gelingt die Synthese von Mietern und Eigentümern.

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Dieser Blick in die Geschichte ist unverzichtbar, um auch heute für bezahlbares Wohnen in Berlin zu sorgen. Als Genossenschaften müssen wir keine neuen Visionen zu dem Thema Wohnen entwickeln. Die Unternehmensform Genossenschaft ist die Vision. Eine Vision, die seit über 130 Jahren nicht nur in dieser Stadt funktioniert. Es gibt in Berlin rund 200 000 Genossenschaftswohnungen, bundesweit sind es über 2 Millionen. 
Die meisten Genossenschaften haben zwei Weltkriege, Weltwirtschaftskrisen, unterschiedliche politische Systeme und die Finanzkrise überstanden. Unser Modell ist krisensicher und zukunftstauglich. Auch wenn die heutige Generation andere Bedürfnisse hat: Die heutige Bewohnerschaft ist heterogener, multikultureller und mobiler und die klassische Kleinfamilie nicht mehr das Mehrheitsmodell. 

Das Genossenschaftsmodell ist durch sein Finanzierungssystem krisensicher und zukunftstauglich.

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Und trotzdem funktioniert unsere Unternehmensform nach wie vor, weil wir sachorientiert sind: gute, bezahlbare Wohnungen für unsere Mitglieder, nicht größtmöglicher Gewinn. Wir investieren erwirtschaftete Überschüsse in unsere Häuser und bauen Eigenkapital für Neubauten auf. Unsere Grundstücke und Häuser sind langfristig der Spekulation entzogen; deshalb können unsere Mieten im Vergleich zum Markt günstiger sein. In Berlin heißt das durchschnittlich 5,60 Euro/Quadratmeter nettokalt. Damit haben wir die niedrigsten Mieten und bieten gleichzeitig die meisten Leistungen beim Service und im sozialen Bereich und darüber hinaus die Sicherheit eines lebenslangen Wohnrechts.

Durch die Investition von erwirtschafteten Überschüssen in Häuser lässt sich Eigenkapital für Neubauten sparen. 

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Blicken wir noch kurz in die Schweiz. Dort sind Genossenschaften schon aus Tradition gut positioniert und sind sich politischer und gesellschaftlicher Anerkennung sicher. Da verwundert es nicht, dass es derzeit vor allem die Baugenossenschaften sind, die sich dort mit zukunftsweisenden Konzepten und ganz neuen Wohnmodellen hervortun. Und das hat auch mit ihrem demokratischen Ansatz zu tun: Mitglieder können mitreden, Anregungen und Trends der Bewohner können in die Projekte einfließen. Ohne Mitgliederbefragung entsteht kein Neubau – auch bei uns nicht.

Mitglieder der Genossenschaften sollten Mitreden und ihre Anregungen in die Projekte mit einfließen.

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Wer Wohnungsbaugenossenschaften unterstützt und fördert, unterstützt und fördert damit gutes, bezahlbares und sicheres Wohnen - jetzt und in der Zukunft. Wer Genossenschaften, wie hier in Berlin geplant, mit einem Mietendeckel schädigt, indem er ausgerechnet unsere niedrigen Mieten genauso deckeln will wie überzogene Mieten, gefährdet ein krisensicheres Modell und vor allem auch sicheren genossenschaftlichen Neubau. 

Weitere Materialen zum Thema finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer braucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier. Die Meinungen der Autor*innen zur Frage "Was ist Heimat?" lesen Sie hier. Alle Beiträge zur Debatte "Was ist uns das Klima wert?" finden Sie hier.

 

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