Wie diskriminierend ist Racial Profiling?  Wir machen die gleichen Fehler wie vor einem Jahr 

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Gründer von KuKü - Kunst und Kültür

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Ömer Mutlu ist Gründer von KuKü - Kunst und Kültür. KuKü ist ein interaktives Internetportal auf Türkisch und Deutsch. Veröffentlicht werden eigene Videos und Beiträge aus der KuKü-Community. Die Autoren befassen sich unter anderem mit Urbanität, Kunst aus dem Nahen Osten, Religion, Politik und Identitätsfragen.

Der Nafri-Begriff ist diskriminierend, aber die Debatte um ihn komplett übertrieben. Es ging der Polizei um die Sicherheit der Bevölkerung und die wurde im Gegensatz zum letzten Jahr auch gewahrt. 

Wir stehen zwar noch am Anfang des neuen Jahres, ich bin mir jedoch sicher, dass die „Nafri“–Debatte mit Abstand die lächerlichste des Jahres sein wird. Weil Sie bereits jetzt schon Geschichte ist. Was ist eigentlich passiert?

Da hat ein Spaßvogel bei der Kölner Polizei am Silvesterabend in seiner Polizeisprache getwittert. Und zack ging die Empörungswelle los. Ist der Begriff „Nafri“ rassistisch? Ja ist er. Hat sich der Polizeisprecher schon dafür entschuldigt? Ja hat er.

Es kommt immer auf die Perspektive an 

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Wie bei jeder anderen Sache, ist auch hier einfach die Perspektive wichtig und in welchem Kontext der Begriff benutzt wurde. Und meiner Meinung nach, ist es einfach eine Abkürzung für Nordafrikanische Intensivtäter. Gibt es die? Ja gibt es. Ist es ok, junge Männer aufgrund ihres Aussehens einzukesseln und pro forma zu kontrollieren? Nein ist es nicht. Es ist sogar diskriminierend. Aber schaut euch doch einfach mal die Statistiken an. Nach der Silvesternacht 2015 gingen 500 Anzeigen bei der Kölner Polizei ein. Nach der letzten Silvesternacht waren es gerade mal vier. Ich weiß nicht, was ich erbärmlicher finde: Die aufgesetzte Empörung von einigen aus meiner Community oder die Tatsache, dass zu viele aus der Mehrheitsgesellschaft bei solchen medialen Blasen vergeblich versuchen, so etwas wie Nationalstolz zu entwickeln? 

Bei uns im Dorf damals, gab es eine Jugend-Diskothek (ja, so hießen die Clubs damals) in die ich fast nie rein durfte, weil ich keine Mitgliedskarte hatte. Die paar mal, wo ich es durch bestimmte Freunde oder die Unachtsamkeit der Türsteher heimlich geschafft hatte, fiel mir immer auf, dass komischerweise kaum Ausländer drin waren. Türken und Kurden, die „Nafris“ von damals, wurden an der Tür aus selektiert. Vielleicht hatten sie zu viel Gel in ihren zu dunkeln Haaren. Vielleicht waren die Türsteher Rassisten, obwohl die meisten selber Ausländer waren. Oder Sie haben mit Ausländern schlechte Erfahrung gemacht und die österreichische Jugend wollte unter sich bleiben.

Die Polizei hat hervorragende Arbeit geleistet

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An der Tür hieß es immer, dass man ohne eine Mitglieds oder Club-Karte nicht rein darf und man bat die Türken freundlich zu gehen, wenn sie diese nicht besaßen. Später erfuhr ich, dass es so eine „Karte“ nie gegeben hat. Aber gut, schnell raus aus der Opferrolle. Tatsache ist, Rassismus gab es schon immer, wird es auch immer geben. Tatsache ist aber eben auch, dass 2015 bis zu 500 Anzeigen bei der Polizei eingegangen sind, während es in der Silvesternacht 2016 nur vier waren. Das heißt: die Polizei hat hervorragende Arbeit geleistet. Aus und Ende der Diskussion. Zumindest aus dieser Perspektive.

Eine andere Perspektive, ist die der Frauen. Fragt mal die Mütter der Täter von 2015. Die würden sich in Grund und Boden schämen für ihre Söhne. Was diese Mütter denken und fühlen müssen, die einen Brief von der Polizei in der Hand halten, weil gegen den Sohn eine Strafanzeige wegen Belästigung läuft. Außerdem würde ich zu gerne wissen, was eine Ägypterin, die 2013 auf dem Tahrir Platz vergewaltigt wurde, eigentlich von der aktuellen "Nafri" Debatte hält. Oder Rebekka Chiao, von der Frauenorganisation „Harass-Map“, oder Sonia Dridi die damalige Korrespondentin von „France24“ die während einer Berichterstattung von einer Meute von Männern derart belästigt wurde, dass sie ihre Arbeit nicht mehr verrichten konnte.

Der „Nafri“-Begriff senkt die Rassismus-Hemmschwelle 

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Wie nennt eigentlich die ägyptische Polizei ihre Intensivtäter? Bin ich eigentlich ein Rassist wenn ich diese Debatte so unnötig und krass lächerlich finde? Meine Mutter und ich führen nach jedem Türkei-Urlaub ähnliche Gespräche. „Die Typen gaffen die Frauen an, als hätten sie noch nie welche gesehen“ meint sie jedes mal. Viele türkische Frauen machen die selben Erfahrung und werden nicht verschont von den penetranten Blicken der Männer.".

Darf man deswegen verallgemeinern? Sind jetzt alle Männer deswegen scheiße? Nein, natürlich nicht. Ich denke das Problem liegt eigentlich darin, dass die Bezeichnung „Nafri“ von der Polizei systematisiert wurde und durch einen Fehler in die Öffentlichkeit gelangte. So wurde jedem klar: "hey die Polizei benutzt diskriminierende Bezeichnungen für ihre Arbeit". 

Zusammen mit dem Erfolg der letzten Silvesternacht, war das dann für viele ein Grund die Polizei in Schutz zu nehmen und über den Begriff hinwegzusehen. Das führt aber leider wieder dazu, dass die „Rassismus“ Hemmschwelle wieder in kleines Stückchen gesenkt wurde.

Wir sollten uns lieber die Statistiken angucken, als in Panik zu verfallen

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Aber was ist es nun? Ist es ein rassistisches, gesellschaftliches oder muslimisches Phänomen? Oder eins der Polizei? Nein, das ist das Problem der Männer. Wie viele Frauen in Deutschland wurden von Ägyptern vergewaltigt? Und wie viele Frauen werden von deutschen Männern geschlagen, misshandelt und vergewaltigt? In den Medien klingt es fast so, als wäre es schlimmer, wenn die Täter aus Nordafrikanischen Ländern kommen und keinen deutschen Pass besitzen.

Wir machen wieder dieselben Fehler wie vor einem Jahr. Wir behandeln das Thema aus der falschen Perspektive. Also einfach mal Statistiken angucken, Ruhe bewahren, die Polizei ihre Arbeit machen lassen und schauen, dass sich Liebe systematisiert und nicht der Rassismus. 

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