Werden Flüchtlinge häufiger straffällig? Unter Flüchtlingen gibt es nicht mehr Straftäter als unter Einheimischen

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Leiter Kriminalpolizei Braunschweig

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Ulf Küch ist Chef der Braunschweiger Kriminalpolizei. Seine Erfahrungen mit der dortigen "Soko Asyl", die sich mit Flüchtlingskriminalität befasst, hat er in einem Buch zusammengefasst ("Soko Asyl", Riva, 224 Seiten, 16,99 Euro), das am 28. Januar erschienen ist. Küch ist außerdem stellvertretender Vorsitzender des Bundes der Kriminalbeamten.

Ulf Küch, Kriminalkommissar aus Braunschweig berichtet von seinen Erfahrungen mit der dortigen "Soko Asyl". Er sagt: Unter Flüchtlingen sind nicht mehr Straftäter als unter Einheimischen. Aber es gibt spezifische Formen von Kriminalität unter den Flüchtlingen.

2015 hat die Kriminalpolizei Braunschweig eine Sonderkommission eingerichtet, die Flüchtlingskriminalität bearbeitet, besonders im Umfeld der dortigen Landeserstaufnahmestelle. Ulf Küch, Leiter der Kriminalpolizei, hat seine Erfahrungen mit dieser "Soko Asyl" in einem Buch zusammengefasst, das am 28. Januar 2016 erschienen ist. Dieser Text ist ein Auszug aus seinem Buch (Münchner Verlagsgruppe, Riva, 224 Seiten, 16,99 Euro).

Bereits Anfang des Jahres 2015 war festzustellen, dass sich die Zahl der Flüchtlinge stark erhöht, die sich in Richtung der Bundesrepublik bewegten. Und damit auch in die Stadt Braunschweig, in der sich die Landesaufnahmestelle beziehungsweise Landesaufnahmebehörde befindet. Wenn ich an dieser und anderer Stelle unsere Stadt erwähne, dann steht der Name immer auch stellvertretend für alle anderen Städte im Land, die plötzlich mit einer neuen Situation fertig werden mussten.

Schon damals war jedem Kriminalisten in etwa klar, wie sich die Lage weiter entwickeln würde. Dazu braucht es kein Orakel und keine Kristallkugel, die Lage lässt sich recht einleuchtend mit der Situation in einem Fußballstadion vergleichen: Kommt eine große Masse an Menschen zusammen, finden sich darunter immer einige Menschen, die Probleme bereiten oder Theater machen. Genauso ist es 2015 auch gewesen. Schnell stellte sich heraus, dass sich unter den Flüchtlingen offensichtlich ein kleiner Block von Menschen befand, die vor allem oder ausschließlich mit dem Ziel nach Deutschland gekommen sind, hier Straftaten zu begehen. Wir hatten ähnliche Probleme mit der Landesaufnahmestelle auch schon vorher, nur wurden diese Probleme durch die große Zahl an Menschen nun sehr massiv. Also haben wir uns entschlossen, etwas dagegen zu tun. Die Verfahren wie Ladendiebstähle oder auch Raubüberfälle wurden wie gewohnt von unterschiedlichen Stellen bearbeitet. Wir haben uns dann entschlossen, das Thema anders anzugehen, und wir haben die Trennung der Zuständigkeiten aufgehoben und stattdessen alles in der Sonderkommission zusammengeführt.  (…)

Bei den Kriminellen unter den Flüchtlingen handelt es sich um eine verschwindend kleine Minderheit.

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Der zweite wesentliche Anlass für die Einrichtung der Soko war, dass die ganze Diskussion, die im Zusammenhang mit der steigenden Kriminalität im Umfeld der Landesaufnahmestelle aufkam, natürlich auch eine hoch emotionale war. Das merkten wir sehr schnell. In dem Zusammenhang tauchten bald auch radikale Theorien auf, dass die Flüchtlinge alle kriminell sind. Dahinter wiederum verbarg sich die Tatsache, dass es Menschen gibt, die damit ihre politischen Süppchen zu kochen versuchten. Und das wollten wir verhindern. Es ist ja keineswegs so, dass alle Flüchtlinge, die zu uns kommen, kriminell sind. Das Gegenteil ist der Fall. Bei den Kriminellen handelt es sich um eine verschwindend kleine Minderheit, die allerdings die Gesamtheit der Flüchtlinge in Misskredit zu bringen drohte. (…)

Am Anfang allerdings, und das will ich gar nicht verhehlen,  war [auch auf Polizeiseite] sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Weil man nicht  wollte – und ich weiß immer noch nicht, warum dieser Reflex  immer wieder auftaucht –, dass, wenn die Polizei gegen eine  Ethnie ermittelt, das automatisch mit Fremdenfeindlichkeit  gleichgesetzt wird. (…)

Wir hatten [durch die Einrichtung der Soko, Anm. d. Red.] nun einen Sachbearbeiter für einen Asylbewerber, der möglicherweise schon fünf Straftaten begangen hat. Wenn etwa ein einzelner Täter (…) auffällig geworden war, konnten wir beschließen, dass wir genau diesen Täter observieren.

Manche Täter unter den Flüchtlingen werden von organisierten Banden nach Deutschland geschickt, etwa um zu stehen.

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So fanden wir dann auch heraus, ob die Person nur für sich selbst klaut oder mit wem sie eventuell Kontakt hat. Bekannt ist zum Beispiel inzwischen, dass gerade Asylbewerber aus dem kaukasischen Raum auch auf Bestellung klauen. Da kommt dann ein Anruf aus der Heimat an einen Mittelsmann in Deutschland, durch den ein Auftrag weitergegeben wird. Dabei handelt es sich um eine Form von organisierter Kriminalität. Wobei man sagen muss, dass es manchmal auch um eine zunächst einmal fast schon skurril wirkende Art von Aufträgen handelt. Da gibt es Einzelpersonen, die sich zum Beispiel auf Rasierklingen spezialisiert haben. Die gehen dann los und klauen 1000 oder 2000 Rasierklingen, die anschließend an den Auftraggeber verschickt werden. (…) Manche der Täter aus diesen Regionen werden einzig zur Durchführung solcher Straftaten nach Deutschland geschickt, in anderen Fällen suchen sich die Hintermänner gezielt Personen aus ihrer Heimat aus, die bereits in Deutschland leben.

Unbegleitete Jugendliche müssen besonders betreut werden. Sie werden vergleichsweise häufig aggressiv oder kriminell.

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Eine besondere Gruppe unter den Menschen, die nach Deutschland kommen, sind diejenigen, die meist schlicht mit „umF“ abgekürzt werden – die drei Buchstaben stehen ausgeschrieben für Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge. (…) Diese unbegleiteten Minderjährigen nehmen innerhalb der großen Zahl an Flüchtlingen aus gleich mehreren Gründen eine Sonderrolle ein. Zunächst einmal werden sie anders behandelt als Erwachsene oder Familien. Dazu zählt auch, dass man die Jugendlichen nicht abschiebt, vielmehr werden sie von Jugendämtern in Obhut genommen. (…) Vor allem aber geht es bei ihnen auch darum, dass gerade diese jungen Menschen immer wieder durch kriminelle Aktivitäten auffällig werden. Dahinter verbirgt sich unter anderem die Tatsache, dass die Jugendlichen etwa in Hamburg sehr lange in den Erstaufnahmeeinrichtungen warten müssen. Erst nach dieser Zeit werden sie intensiver betreut, vorher ist das kaum möglich, weil es in Städten wie Hamburg an Betreuern und auch Dolmetschern mangelt. (…)

So hat das Hamburger Landeskriminalamt laut Spiegel online schon 2014 in einem vertraulichen Dossier darauf hingewiesen, dass diese Klientel nicht nur aus nichtigstem Anlass sehr schnell sehr aggressiv wird, sondern eben auch Straftaten begeht. Dabei verwies man auf Taschen- und Ladendiebstähle ebenso wie auf das Knacken von Autos. Gegenüber staatlichen Institutionen wie der Polizei verhielten sich diese jungen Menschen außerdem sehr respektlos. Dahinter wiederum verbergen sich viele unterschiedliche Tatsachen. Dass diese Jugendlichen alleine unterwegs sind, bedeutet natürlich auch, dass sie ohne die Gegenwart von Autoritäts- oder Respektspersonen wie den Eltern leben. Außerdem müssen auch wir als Polizei anerkennen, dass viele dieser Jugendlichen schon äußerst traumatisiert nach Deutschland kommen.

Massenunterkünfte sind problematisch. In Braunschweig stieg die Zahl der Schlägereien mit der massiven Belegung.

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(…) Die Einrichtung der Soko hatte neben anderen vor allem einen wichtigen Grund: Wir wollten die Wahrheit wissen, wir wollten ermitteln, wie viele Straftaten wirklich von kriminellen Flüchtlingen begangen werden. Außerdem ging es immer auch darum, wie sich die Unterbringung in einer Massenunterkunft über längere Zeit auf das Verhalten von Menschen auswirkt. In der Vergangenheit wurde in den Medien ja häufig darüber berichtet, dass es in den Aufnahmeeinrichtungen immer wieder zu Schlägereien oder Massenschlägereien gekommen ist. Was wiederum Ängste vor der Kriminalität und der Brutalität von Flüchtlingen aufkommen ließ. Dazu ist zu sagen, dass es tatsächlich mehr geworden ist mit den Schlägereien, seit die Belegungszahlen in den Aufnahmestellen massiv angestiegen sind. Das ist eindeutig, und das lässt sich nicht wegdiskutieren. Für die Polizei ist gerade das eine doppelte Belastung. Weil sie nicht nur die Streitigkeiten zu schlichten und die Schlägereien zu beenden hat. Gleichzeitig werden die Beamten mit dem Elend konfrontiert, dem sie in den Massenunterkünften begegnen. Vor allem muss man aber sagen, dass diese Schlägereien nichts mit den Flüchtlingen als solchen zu tun haben. Auslöser ist vielmehr vor allem deren aktuelle Situation. Jeder Kriminologie- oder Psychologiestudent im ersten Semester weiß, dass es zu solchen Vorfällen fast automatisch kommt, wenn Menschen in Massen über einen längeren Zeitraum auf engstem Raum zusammengepfercht untergebracht sind – zudem noch ohne jegliche Privatsphäre.

 Der Anteil der Straftäter unter den Flüchtlingen ist nicht größer, als es etwa bei Einheimischen der Fall ist.

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(…)  Der Anteil der Straftäter unter den Flüchtlingen ist nicht größer, als es etwa bei Einheimischen der Fall ist. Unter den 40 000 Menschen, die im Jahr 2015 die Landesaufnahmebehörde in Braunschweig insgesamt durchliefen, lag der Anteil der Straftäter auf einem Niveau von 1,0 bis 1,5 Prozent. Das ist ein ausgesprochen geringer Anteil. (…)

Nun ist es natürlich so, dass den einzelnen Bürger eine Statistik wenig interessiert, wenn er persönlich tatsächlich unter der Kriminalität durch Flüchtlinge zu leiden hatte. Da kann ich natürlich nicht hingehen und ihm sagen, dass etwa der Wohnungseinbruch bei ihm oder der Angriff auf ihn statistisch nur eine Marginalie darstellt. Diesem Bürger kann ich nur sagen, dass es sich um keine Marginalie handelt, und dass wir genau aus diesem Grund auch konsequent dagegen vorgehen.  

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