Werden Migranten häufiger straffällig? Stereotype werden zu Handgranaten

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Professor Duale Hochschule Villingen-Schwenningen

Expertise:

Prof. Dr. Jan Ilhan Kizilhan ist Psychologe und Orientalist. Er forscht unter anderem zu kulturellen und religiösen Aspekten der Psychotherapie und Traumatherapie und hat zur Psychologie von sogenannten Ehrenmördern publiziert. Er koordiniert derzeit unter anderem ein Projekt, das traumatisierte Jesidinnen betreut, die aus den IS-Gebieten geflohen sind und in Baden-Württemberg aufgenommen wurden.

Historische deutsche Ängste prägen die Debatte um das Kriminalitätsrisiko von Flüchtlingen, schreibt der Psychologe und Traumatherapeut Jan Ilhan Kizilhan. Diese tiefe kulturelle Verwurzelung könnte erklären, warum die Debatte in radikalen Kreisen so stark von Faktenresistenz geprägt ist. Besonders gefährlich sind diese Stereotype dann, schreibt Kizilhan, wenn sie Empathie und Humanität überlagern.

Bei der Diskussion um Flüchtlinge, aber auch Migration und Integration, geht es oft  nicht um eine sachliche Analyse der Problemlagen, die die Migration mit sich gebracht hat, oder um inhaltliche Konzepte, wie Flüchtlinge versorgt und integriert werden können. Vielmehr scheint das Hauptinteresse darin zu liegen, Argumente zu finden, um Flüchtlinge abzuschieben- nicht nur die statistisch sehr kleine Gruppe von Kriminellen.

Ein Teil der Politik hat tatsächlich die absurde Vorstellung, die Grenzen dicht machen zu können.
Das Interesse an der seit 50 Jahren vorhandenen Migration - auch der zum Teil gelungene Migration - scheint eher  abzunehmen. Stattdessen konzentriert man sich auf die Furcht vor dem islamisierten Terror, die ja durchaus berechtigt ist, und auf die Verallgemeinerung der widerwärtigen Taten junger Migranten in Köln. Schnell wird vergessen, dass in Deutschland mehr 16 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund seit mehreren Generationen leben und ein Bestandteil dieser Gesellschaft geworden sind.

Die Kriminalität liegt bei Flüchtlingen unter einem Prozent.

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Durch die Debatte nach Köln wurden bestehende Einstellungen gegenüber Fremden erhärtet, Stereotype verstärkt.

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Auch wenn die Kriminalität bei Flüchtlingen unter einem Prozent liegt, so werden diese Daten und andere Fakten ignoriert oder verdrängt, um die bereits gefestigten emotionalen, kognitiven und sozialen Interessen nicht zu gefährden. Trotz sich widersprechender Informationen über Flüchtlinge („Muslime bereiten eine Invasion gegen Europa vor“, „ Sie wollen sich nicht integrieren“ „Sie belästigen unsere Frauen“, etc.) werden falsche Informationen so umgedeutet, das Meinungen nicht revidiert werden müssen. Solche Stereotype und Vorurteile werden unter anderem subjektiv durch eine bestimmte Einstellung, politische Vorbilder und die Peergroup validiert und damit langfristig erhärtet.

Die Faktenresistenz in der Debatte um Flüchtlingskriminalität sind ein Zeichen der Abwehr gesellschaftlichen Wandels.

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Durch falsche oder verzerrte Informationen über Flüchtlinge werden durch rechte Gruppen Ängste bei der alteingesessenen Bevölkerung geschürt. Damit werden alte Vorurteile über Fremde verstärkt und lassen neue entstehen. Diese Methode des Abschirmens und Ausblendens könnte durchaus als eine Abwehr gesellschaftlicher Veränderungen in Deutschland verstanden werden. Leider scheint auch die Politik, über alle Parteien hinweg, diese Methoden anzunehmen.

Hier stellt sich doch die Frage, ob nicht gerade  Menschen, die Verantwortung in der Gesellschaft tragen, wissen sollten, dass immer schon Menschen mit anderen Normen, Werten und Verhalten, die nicht passten, ausgegrenzt und benachteiligt wurden. Wurden denn nicht im Verlauf der Geschichte Menschen immer wieder Opfer von  drastischer Unvernunft? Diese Unvernunft führt aus verschiedenen Gründen im Nahen und Mittleren Osten und vielen anderen Ländern der Welt zu regelrechten Massakern, Flucht und Vertreibung von Millionen von Menschen. So flieht die Mehrheit der Flüchtlinge aus dem Irak oder Syrien, weil sie dort einfach nicht überleben würden. Sie wollen nach Deutschland und nicht in die Türkei oder nach Saudi Arabien, weil sie glauben, dass Deutschland ein demokratisches und humanistisches Land ist. Deutschland sei ein Land der Vernunft, Logik und Solidarität. 

Ja, es gibt jugendliche Migranten, die sich nicht an die Gesetze halten und junge Frauen belästigen. Ja, es gibt Flüchtlinge, die Sympathien für Terrororganisationen hegen, die nicht wirklich Flüchtlinge sind - und so weiter. Fakt ist, dass es eine Minderheit von unter fünf Prozent ist. Und dennoch findet eine Generalisierung statt und alle Flüchtlinge werden bewusst oder unbewusst zu Kriminellen abgestempelt. Das ist nicht fair!

Oder liegen die Ursachen dieser Angst vor dem Fremden woanders?

Zahlreiche Ergebnisse der Kognitionsforschung zeigen, dass einmal übernommene Einstellungen sehr hartnäckig sind und auch durch raffinierte psychologische Techniken nicht einfach verändert werden können. Dies liegt nicht zuletzt an ihrem soziokulturellen Bezug und an ihrer psychosozialen Funktionen, da die Inhalte sozialer Stereotype auf einen jeweils überlieferten historisch-gesellschaftlichen Sinnzusammenhang bezogen sind. Nur wenn hier neue Bezüge hergestellt werden, können sich Einstellungen ändern; dies ist aber ein langwieriger Prozess.

Heutige Stereotype speisen sich auch aus historischen Ängsten vor dem Islam und verursachen ambivalente Gefühle.

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Neben der historisch tiefsitzenden „schlechten“ Erfahrungen mit dem Islam kommen anthropologische und psychosoziale Mechanismen wie historisch begründete Ängste hinzu, Ereignisse, die tatsächlich einmal eine echte Bedrohung darstellten. Vielleicht sind die kollektiv-historischen Ängste der europäischen Geschichte und vor allem der deutschen Stämme und Fürstentümer bis zur Nationenbildung und den beiden Weltkriegen noch nicht überwunden. Ängste gegenüber Fremden sind auch in der symbolischen und historischen Überlieferung der deutschen und europäischen Geschichte begründet. Sie sind noch heute im kollektiven Bewusstsein verankert, durch sie entstehen noch heute ambivalente Gefühle, die von Faszination über Feindseligkeit bis hin zu Sympathie und Hilfsbereitschaft reichen.

Die Stereotypisierung ist gefährlich, wenn sie Empathie und Humanität überlagert.

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Gefährlich wird es, wenn, wie bei einigen radikalen Gruppen, die Stereotypisierung menschliches Verhalten dominiert; wenn diese Ideen sogar die instinktive Empathie und die historisch gewachsenen Humanität dem Fremden, dem Flüchtling gegenüber, überlagert. Dann beginnen verrückte Geister und Kriminelle Bomben auf Flüchtlingsheime zu werfen, wie in Villingen.

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