Nach der Silvsternacht von Köln Perspektiven schaffen, Isolation vermeiden

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Akademischer Rat Institut für Kriminalwissenschaften Universität Münster

Expertise:

Dr. Christian Walburg ist Akademischer Rat am Institut für Kriminalwissenschaften der Westphälischen Wilhelmsuniversität Münster. Er wurde 2013 mit einer Promotion zum Dr. iur. mit einer Dissertation zum Thema Migration und Jugenddelinquenz promoviert.

Ein beträchtlicher Teil junger nordafrikanischer Migranten rutscht in kriminelle Szenen ab, schreibt der Kriminalwissenschaftler Christian Walburg. Zu den Ursachen der Ereignisse von Köln gehören Desintegration, Perspektivlosigkeit, Isolation und die Ablehnung mancher Werte wie der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen. Gesetzesverschärfungen aber führen nicht weiter.

Die Geschehnisse in der Silvesternacht haben die öffentliche Diskussion um den Flüchtlingszuzug verändert. Viele sind verunsichert. Die von manchen hasserfüllt geführte Auseinandersetzung hat noch einmal an Schärfe zugenommen. Welche Auswirkungen hat die Zuwanderung vieler Menschen in kurzer Zeit aktuell sowie auf längere Sicht auf die Kriminalitätslage? Nur durch präzise Analysen lassen sich Handlungskonzepte entwickeln, und nur dadurch besteht die Aussicht, autoritär-nationalistisch gesinnten Gegnern einer offenen Gesellschaft erfolgreich zu begegnen.

Es gibt bislang noch wenig empirische Forschungsergebnisse zu Kriminalitätsrisiken bei in den letzten Jahren Geflüchteten. Aus Berichten von Polizeibehörden oder auch Eindrücken von Flüchtlingshelfern sowie aus Kriminalstatistiken ergibt sich aber ein erstes ungefähres Bild. Was vor der Silvesternacht offenkundig wenig im öffentlichen Bewusstsein verankert war: Diejenigen, die zuziehen, sind keine homogene Gruppe. Es sind Menschen mit ganz unterschiedlichen Startbedingungen, Perspektiven – und Kriminalitätsrisiken.

Ein beträchtlicher Teil junger Migranten aus Nordafrika rutscht im Asylverfahren oder als Geduldete in kriminelle Szenen

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Was also hat es zum Beispiel mit jungen Nordafrikanern auf sich, die in der Silvesternacht nach derzeitigem Erkenntnisstand hauptsächlich in Erscheinung getreten sind (wobei bislang konkrete Tatzuordnungen kaum möglich sind)? Aufgrund von Perspektivlosigkeit machen sich junge Männer, zum Teil noch minderjährig, allein auf den Weg von Marokko oder Algerien nach Europa. Einige halten sich schon seit Längerem in verschiedenen europäischen Ländern auf oder reisen mehrfach ein.

Perspektivlosigkeit und Desintegration gehören zu den Ursachen, warum junge Migranten ohne Bleiberecht kriminell werden.

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Mangels anderweitiger legaler Zuzugsmöglichkeiten wählen sie den Weg als Flüchtling, der ihnen während des laufenden Asylverfahrens einen gewissen Schutz bietet. Eine Aussicht auf Anerkennung haben sie jedoch sehr selten. Der Weg zurück ist auch keine attraktive Option. Sie haben damit kaum etwas, wofür es sich lohnt, sich zu engagieren, und nicht viel zu verlieren. Auf sich allein gestellt, sind andere junge Menschen aus Nordafrika in ähnlicher Lage häufig die einzigen engeren sozialen Kontaktmöglichkeiten.

Schon im laufenden Asylverfahren oder erst nach der Ablehnung (dann als Ausreisepflichtige, zum Teil Geduldete) rutscht ein beträchtlicher Teil von ihnen in Szenen, aus denen heraus bandenmäßig Eigentums- und zum Teil wohl auch Drogendelikte verübt werden. Die Kriminalität dient der Bestreitung des Lebensunterhaltes; ein Teil des Geldes scheint in die Heimat überwiesen zu werden oder auch der Schuldenbegleichung bei Schleppern zu dienen.

In Taten wie jenen in Köln kommt auch eine mangelnde Akzeptanz konventioneller Wert- und Normorientierung zum Ausdruck.

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Vorfälle wie in der Silvesternacht sind nicht allein mit Desintegration und situativen Dynamiken (große Männergruppen, Alkoholisierung, aufgeladene Stimmung, fehlende soziale Kontrolle) zu erklären. In solchen Taten kommt auch eine mangelnde Akzeptanz von konventionellen Wert- und Normorientierungen zum Ausdruck: Liegt fremdenfeindlichen Übergriffen eine Ideologie der Ungleichwertigkeit von Menschen unterschiedlicher Herkunft zugrunde, so geht es hier um die Vorstellung einer Ungleichwertigkeit der Geschlechter.

Erfahrungen mit Einwanderung zeigen: Wer Perspektiven im Aufnahmeland hat, läuft selten Gefahr, straffällig zu werden

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Wie viele in Deutschland geborene oder hier aufgewachsene junge Menschen ausländischer Herkunft zu diesen Szenen zählen, ist nicht ganz klar zu bestimmen, es scheinen aber nach bisherigen Eindrücken eher wenige zu sein. Das gleiche gilt für junge Geflüchtete aus den eigentlichen Kriegs- und Krisenregionen, die Zahl etwa der syrischen Tatverdächtigen ist bislang generell sehr gering. Die Ausgangssituation ist hier eine grundlegend andere: Die Aussichten auf einen verfestigten Aufenthaltsstatus, Sprachförderung, Qualifizierungsmaßnahmen und Zugang zum regulären Arbeitsmarkt sind ungleich höher. Die Erfahrung aus früheren Einwanderungsphasen zeigt: Wer eine Perspektive hat, sich im Aufnahmeland ein neues Leben aufzubauen, läuft selten Gefahr, straffällig zu werden.

Eine patriarchalisch geprägte Sozialisation, Traumata, Arbeitslosigkeit und Isolation sind denkbare Risikofaktoren.

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Zugleich sind auch bei jungen Geflüchteten aus Syrien, Irak oder Afghanistan mit der sozialen Isolation, frustrierenden Zeiten des Nichtstuns im sich hinziehenden Aufnahmeverfahren, Schwierigkeiten beim Eintritt in den Arbeitsmarkt, zum Teil traumatischen Erfahrungen in den Herkunftsländern und auf der Flucht sowie einer bei manchen patriarchalisch geprägten Sozialisation Risiken denkbar.

Auch junge Migranten ohne Bleibeperspektive sollten sich qualifizieren oder sich einbringen dürfen.

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Was folgt daraus? Mit Bezug auf junge Geflüchtete mit geringer Aussicht auf Anerkennung – dies betrifft neben Nordafrikanern zum Beispiel auch Menschen vom Balkan – bedarf es neuer Strategien. Abgesehen von den durch die Jugendämter betreuten Minderjährigen fällt diese Gruppe bislang durch alle Raster. Es erscheint sinnvoller, auch ihnen während ihres Aufenthalts in Deutschland Möglichkeiten zu eröffnen, sich einzubringen oder zu qualifizieren, statt sie sich selbst zu überlassen.

Die verfestigten Bandenstrukturen müssen durch die bewährte Zusammenarbeit von Straßensozialarbeit, Polizei und Justiz angegangen werden. Sexualisierte Gewalt und Belästigungen sind hier (und natürlich auch allgemein) ein zusätzliches gravierendes Problem.

Abschreckungseffekte durch härtere Sanktionen sind bei vielen Täterphänomenen nur sehr begrenzt zu erwarten.

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Abschreckungseffekte durch härtere Sanktionen sind bei all diesen Delikts- und Täterphänomenen nur sehr begrenzt zu erwarten. Eine intensivierte Ausweisungs- und Abschiebungspraxis (unter Überwindung politisch-praktischer Probleme der Nichtausstellung von Reisedokumenten) löst für die Betroffenen selbst das grundlegende Problem der Perspektivlosigkeit in den Herkunftsländern nicht. Mangels Alternativen werden manche wohl auch wieder herkommen wollen. Mit Blick auf immer neue Forderungen einer weiteren Absenkung der rechtlichen Hürden der Ausweisung und Abschiebung läuft man Gefahr, dass rechtsstaatliche Prinzipien des Minderjährigenschutzes, der Verhältnismäßigkeit und, nach dem jüngsten Vorschlag aus Bayern, auch die Unschuldsvermutung über Bord geworfen werden.

Um das Kriminalitätsrisiko zu senken, sollten lange Phasen der Statusunsericherheit und der Isolation vermieden werden.

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Die Ausgangslage für Geflüchtete mit Anerkennungsperspektive ist ungleich günstiger. Hier kommt es darauf an, lange Phasen der Statusunsicherheit und der Isolation zu vermeiden. Die erfolgreichen Maßnahmen sind bekannt, und man versucht, nicht zuletzt durch enormes ehrenamtliches Engagement, sie umzusetzen: Es geht um schnelle Kontakte zur Aufnahmegesellschaft, um ausreichende Angebote zur Sprachförderung und berufliche Qualifizierung. Kinder müssen so früh wie möglich in das hiesige Bildungssystem integriert werden. Denn hier erfolgt der intensive Kontakt mit der Gesellschaft und ihren Werten, hier kann ein Zugehörigkeitsgefühl vermittelt werden, und hier werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Die Kommunen müssen in die Lage versetzt werden, diese Aufgaben zu bewältigen. Aus früheren Einwanderungsphasen ist bekannt: Gesellschaftliche Teilhabe ist der Schlüssel, auch zur Vermeidung von Kriminalität. Aber es ist möglich, dass es mindestens eine Generation dauert.

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