Werden Migranten häufiger straffällig? Ivan, der Vergewaltiger. Wie das Bild vom Migranten als sexuelle Bedrohung entsteht

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Politikwissenschaftler Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

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Marc Helbling ist Professor für Poitische Soziologie an der Universität Bamberg und Leiter der Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe, die am WZB die Einwanderungspolitik der OECD-Staaten vergleicht. Seine Forschungsschwerpunkte sind Immigrations- und Staatsbürgerschaftspolitik, Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie, Nationalismus und Islam in Europa.

Seit der Silvesternacht von Köln werden männliche Migranten verstärkt als sexuelle Bedrohung wahrgenommen. Rechtspopulisten in Deutschland und in der Schweiz nutzen diesen Stereotyp zur Mobilisierung. Der Politikwissenschaftler Marc Helbling zeigt, unter welchen Bedingungen das Bild von "Ivan S., dem Vergewaltiger" verfängt - und wann nicht.

Die sexuellen Übergriffe auf Frauen durch Migranten und Flüchtlinge in der Silvesternacht in Köln haben erneut heftige Diskussionen darüber in Gang gesetzt, inwiefern Migranten eine Gefahr für die deutsche Bevölkerung und vor allem für Frauen darstellen. Ob es einen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität gibt, ist allerdings höchst umstritten. Immer wieder werden Statistiken ins Feld geführt, die zeigen, dass die Kriminalitätsrate unter Migranten viel höher ist als unter Deutschen. Tatsächlich ist der Anteil inhaftierter Migranten höher als der von Deutschen. Es wird aber oft vergessen, dass der Anteil straftätig gewordener Migranten insgesamt immer noch relativ gering ist und dass in die Bewertung solcher Quoten einbezogen werden muss, dass Migranten oft einen ungünstigeren sozioökonomischen Hintergrund haben als durchschnittliche Deutsche.

Der Anteil straftätig gewordener Migranten ist relativ gering.

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Gerade männlichen Migranten aus muslimischen Ländern wird zudem oft vorgeworfen, die Stellung der Frau in westlichen Gesellschaften nicht zu respektieren. Unterschiedliche Wertvorstellungen sollen erklären, wieso Migranten wenig von Gleichberechtigung halten. Diese Argumente werden besonders oft von rechtspopulistischen Parteienverbreitet. Für die „Alternative für Deutschland“ (AfD) etwa waren die Übergriffe in Köln Ergebnis einer allzu großzügigen Asylpolitik und eine Bestätigung ihrer These, dass muslimische und westliche Normen schwer vereinbar sind.

Gegen kriminelle Ausländer mobilisieren rechtspopulistische Parteien auch in anderen Ländern. In der Schweiz wurde 2010 in einer Volksabstimmung eine Vorlage angenommen, die verlangte, dass Ausländer, die bestimmte Straftaten verübt haben, ausgewiesen werden. Im Februar 2016 kam eine weitere Vorlage zur Abstimmung, die eine restriktive Umsetzung dieser Vorlage verlangte. Die Schweizerische Volkspartei (SVP), die seit über 15 Jahren die stärkste Partei im schweizerischen Parlament ist, prägte 2010 die Abstimmungskampagne mit Plakaten, auf denen fiktive ausländische Personen zum Beispiel als Mörder oder Sozialbetrüger abgebildet waren. Auf den Plakaten wurde gefragt, ob solche Personen die schweizerische Staatsbürgerschaft erhalten sollen. Ein weiteres Plakat präsentierte einen „Ivan S.“ als Vergewaltiger.

Die Angst vorm Fremden hängt mit der Angst ums Eigene zusammen.

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Migration wird offensichtlich nicht nur als ökonomische oder kulturelle Gefahr wahrgenommen. Verschiedene sozialwissenschaftliche Studien zeigen, dass ausländische Männer als gefährlicher und gewalttätiger wahrgenommen werden als ausländische Frauen und einheimische Männer. Auch verschlechtern sich Einstellungen gegenüber Migranten, wenn Menschen zum Beispiel Angst um die eigene nationale Identität haben, oder wenn eine Gesellschaft mit erhöhter Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Inwiefern männliche Migranten als sexuelle Bedrohung wahrgenommen werden, wurde bisher jedoch kaum untersucht.

In unserer Studie haben wir das Hauptaugenmerk auf die Darstellung von Migranten als Sexualstraftätern gelegt (Sarrasin et al. 2015). Uns hat interessiert, ob das Geschlecht einer Person und ihr Frauenbild mit dazu führen, dass Plakate wie die der SVP in der Schweiz Einstellungen gegenüber Migranten negativ beeinflussen. Das Frauenbild der Befragten wurde mit dem Konzept des wohlwollenden Sexismus erfasst, das misst, inwiefern jemand der Meinung ist, dass Männer das starke und Frauen das schwache, zu beschützende Geschlecht darstellen (Eckes und Six-Materna 1999). Während der feindselige Sexismus für negative Einstellungen gegenüber Frauen steht, drückt der wohlwollende Sexismus positive, aber nicht weniger stereotypisierende Einstellungen gegenüber Frauen aus. In beiden Fällen werden patriarchale Sozialstrukturen gerechtfertigt.

Sexualstraftaten schrecken vor allem Frauen, aber migrantenfeindlich sind eher Männer.

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Werden in einer Abstimmungskampagne die angebliche Schwäche von Frauen und der Ruf nach deren Schutz stark gemacht, sollte dies vor allem bei Personen zu negativen Reaktionen gegen Migranten führen, die ein subjektiv positives, aber patriarchales Bild von Frauen haben. Es wurde auch davon ausgegangen, dass sich vor allem Frauen von der Darstellung von Sexualstraftätern betroffen fühlen; und zwar im Gegensatz zu anderen Straftätern, die eine direkte Bedrohung für alle Bürger (Mörder) oder ein allgemeines Problem für die Gesellschaft darstellen (Sozialbetrüger).

Um diese Hypothesen zu testen, wurden Online-Umfrageexperimente in der Schweiz und Deutschland durchgeführt. Dabei wurden den Teilnehmern der Studie unterschiedliche Darstellungen von kriminellen Migranten präsentiert und ihre Reaktionen darauf verglichen. Es zeigte sich, dass es tatsächlich einen Unterschied macht, ob Migranten als Sexualstraftäter dargestellt werden oder mit anderen Straftaten in Verbindung gebracht werden – jedoch nur für bestimmte Personengruppen.

Sexualstraftäter verstärken das allgemeine Unsicherheitsgefühl nicht.

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Wenn Migranten als gewalttätige Kriminelle oder als Drogendealer dargestellt werden, löst dies in erster Linie bei den Personen negative Gefühle aus, die generell ihr Umfeld als unsicher wahrnehmen und zunehmende gesellschaftliche Gewalt mit Sorge beobachten. Bei der Darstellung von Sexualstraftätern spielen solche Ängste keine verstärkende Rolle. Allgemeine Angst vor zunehmender Kriminalität wird also nur durch solche Darstellungen aktiviert, die  Straftaten zeigen, die potenziell alle betreffen können.

Im Gegenzug hat sich gezeigt, dass bei Drogendealern und gewalttätigen Kriminellen wohlwollender Sexismus keine Rolle spielt. Beim Plakat mit einem Sexualstraftäter beeinflusst dieses Frauenbild aber die Wahrnehmung sehr wohl: Bei Personen, die der Meinung sind, dass Frauen von Männern geschützt werden müssen, führt ein solches Plakat zu deutlich negativeren Einstellungen gegenüber Migranten, als wenn ihnen keine kriminellen Migranten präsentiert werden. Wir beobachten allerdings nicht nur eine Aktivierung negativer Einstellungen.

Wenn die pauschale Abwertung zu plump wirkt, löst sie konträre Reaktionen aus.

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Umgekehrt kann die Beschäftigung mit einem solchen Plakat zu positiveren Einstellungen gegenüber Migranten führen – dann nämlich, wenn die befragte Person die Darstellung von Frauen als schwaches Geschlecht nicht teilt. Die Ablehnung des gezeigten Frauenbildes ruft dann gleichsam eine Gegenreaktion zur politischen Aussage des Plakates hervor. Diese Ergebnisse bestätigen frühere Studien, die gezeigt haben, dass politische Argumente zu unbeabsichtigten gegenteiligen Effekten führen können. Einstellungen gegenüber Migranten können durch solche Kampagnen auch positiver werden, wenn deren Darstellung als völlig absurd empfunden wird.

Was die Rolle des Geschlechts der befragten Personen betrifft, kamen die Umfragen zu unterschiedlichen Ergebnissen für die beiden beteiligten Länder. In Deutschland spielt der wohlwollende Sexismus bei Frauen und Männern eine ähnliche Rolle (Männer sind jedoch ganz allgemein gegenüber Migranten negativer eingestellt). In der Schweiz hingegen verstärkt der wohlwollende Sexismus nur bei Frauen ihre negative Einstellung, wenn sie mit der Darstellung von Migranten als Sexualstraftätern konfrontiert werden. Das kann vielleicht dadurch erklärt werden, dass die Befragten in der Schweiz mit solchen Plakaten aus der real stattgefundenen Kampagne vertraut waren, während in Deutschland solche Darstellungen von Migranten eher unbekannt sind. Frauen in der Schweiz sind also schon länger mit solchen Argumenten konfrontiert. Es ist möglich, dass sie deshalb eine  sexuelle Bedrohung durch „Fremde“ viel stärker wahrnehmen.

Die Darstellung von Migranten als sexuelle Gefahr hat tatsächlich einen Effekt.

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Negative Einstellungen gegenüber Migranten können verschiedene Gründe haben – entsprechend können politische Kampagnen verschiedene Muster bedienen. Akteure am rechten Rand haben schon seit langem vor kulturellen und ökonomischen Gefahren gewarnt. In der jüngeren Vergangenheit haben sie sich eines Themas angenommen, das bisher eher von linken Parteien vertreten wurde: der Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Vor allem im Kontext muslimischer Migration wird immer wieder kritisiert, dass Muslime ein Frauenbild haben, das demjenigen westlicher Gesellschaften widerspricht. Unsere Umfragen zeigen, dass die Darstellung von Migranten als sexuelle Gefahr tatsächlich einen Effekt auf die Haltung verschiedener Bevölkerungsgruppen hat.

Wie bei anderen Umfrageexperimenten stellt sich auch hier die Frage, wie lange solche Effekte anhalten. Erste spontan negative Reaktionen können nach einiger Zeit wieder verschwinden. Wenn gewisse Argumente aber immer wieder aufgebracht werden, können sich diese auch verfestigen. Welcher Mechanismus siegt, hängt auch davon ab, wie realistisch die dargestellte Gefahr ist. Die starke Zunahme der Migration oder Vorfälle wie die in Köln lassen vermuten, dass die beschriebenen Effekte weiterhin eine Rolle in der politischen Auseinandersetzung spielen werden.

---  Eine frühere Version dieses Beitrags wurde publiziert als: Marc Helbling, Oriane Sarrasin, Nicole Fasel and Eva Green (2016): “‘Ivan S., der Vergewaltiger’ Wie wirken rechtspopulistische Kampagnen, die Migranten als sexuelle Bedrohung darstellen?”, WZB-Mitteilungen, Heft 151: 28-30.

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