Urbanisierung in Deutschland Stadt und Land bedingen sich 

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Oberbürgermeister Dortmund SPD

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Ullrich Sierau (SPD) ist Oberbürgermeister der Stadt Dortmund.

Stadt und Land sind voneinander abhängig, Investitionen in die Stadt lohnen sich auch für das Land. Daher müssen die Städte besser finanziert werden. Investitionen aus öffentlicher Hand ziehen weitere private Investitionen nach sich.

Seit Jahrhunderten werden Stadt und Land von unterschiedlichen, auch gegensätzlichen gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen geprägt. Der Losung „Stadtluft macht frei“ aus dem Mittelalter folgte die Sehnsucht des Städters nach der Natur. Zur Industrialisierung, die neben Arbeit auch Freiheit und Befreiung in den Städten bedeutete, gab es später die Antithese, die Städte auch aus Umweltgründen zu verlassen – wenn man es sich denn leisten konnte.

In den letzten Jahren ist eingetreten, was zum Beispiel die Enquete-Kommission des nordrhein-westfälischen Landtags zur Zukunft der Städte (Drucksache des NRW-Landtags 13/5500) schon in 2004 vorausgesagt hatte: eine Re-Urbanisierung und Renaissance der Städte. Die Bevölkerungsprognose für den ländlichen Raum ist dagegen rückläufig. Die (jungen) Menschen stimmen mit den Füßen ab, sie schätzen die Struktur der Städte, ihre urbane Qualität.

Wenn es der Stadt gut geht, geht es dem umliegenden Land ebenfalls gut.

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Es wäre aber ein Fehlschluss, aus dieser tendenziellen Attraktivität der Städte abzuleiten, sie nicht weiter zu fördern. Für viele Kommunen bleibt der Strukturwandel eine zu stemmende Aufgabe, auch die Infrastruktur - wie in den Bereichen Bildung, Sport, Kultur - muss dem Zuzug angepasst werden. Die Integration von Flüchtlingen braucht finanzielle Hilfen. Die Pendlerströme zeigen zudem: Wenn es der Stadt gut geht, geht es dem Land gut; hilft man der Stadt, hilft man zugleich dem Land.

Daraus ergibt sich zwingend, Stadt und Land in der Förderarchitektur nicht gegeneinander auszuspielen. Die finanzielle Förderung muss einer dauernden Evaluation unterzogen werden. Ist es richtig, im ländlichen Raum große Straßenbauprojekte weiter voranzutreiben oder sollten die Schwerpunkte nicht eher in der Stärkung der kommunal-sozialen Infrastruktur liegen? Oder: Ist es nicht besser, aus ökologischen Gründen für die Ansiedlung von Gewerbe und Dienstleistungen städtische Flächen zu revitalisieren, anstatt den Flächenverbrauch im ländlichen Raum voranzutreiben?

Stadt und Land bedingen sich: der ländliche Raum war auch immer ökologischer Ausgleichsraum für die dicht besiedelten Städte und Metropolen. Eine Förderung muss diesen Entlastungseffekt mit unterstützen. Wenn Metropolen dem Wachstum nicht nachkommen können, weil sie keine Flächen mehr haben, werden diese Mängel regional therapiert. So gilt es auch immer, gemeinsame Interessen und übergreifende Ansprüche zu definieren.

Ein öffentlich eingesetzter Euro zieht ein Mehrfaches an privaten Investitionen nach sich.

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Am Beispiel Dortmund, einer wachsenden Stadt, die jetzt seit über 20 Jahren wieder über 600.000 Einwohner zählt, zeigt sich, dass Investitionen in Städte gute Investitionen sind – öffentliche und private. Auf einem ehemaligen Stahlwerksareal findet sich heute der öffentlich finanzierte PHOENIX-See mit angrenzenden privaten Investitionen, ein städtebauliches Infrastrukturprojekt für Wohnen, Freizeit und Gewerbe. Das öffentlich betriebene Dortmunder TechnologieZentrum und der durch private Investitionen etablierte TechnologiePark bieten Hightech start-ups und jungen Unternehmen hervorragende Startbedingungen und sind ein beachtlicher Jobmotor. Europas größter (öffentlich getragener) Kanalhafen ist Drehscheibe für die boomende (privatwirtschaftliche) Logistik, der Gewerbepark Hansa auf einem ehemaligen Zechen-Standort ein Beispiel für öffentlich gefördertes Flächenrecycling und private Investitionen in die Erneuerung des Wirtschaftsstandortes Stadt. Es sind alles Beispiele für die ökonomische Relevanz von Förderung in Städten und den sich einstellenden privatwirtschaftlichen Hebeleffekt: Ein öffentlich eingesetzter Euro zieht ein Mehrfaches an privaten Investitionen nach sich.

Die Städte können ihre Aufgaben nicht bewältigen, wenn sie weiterhin strukturell unterfinanziert werden.

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Die jeweilige Förderkulisse muss Engpässe beseitigen und Stärken stärken – und zwar für Stadt und Land. Und das nicht zu Lasten des jeweilig Anderen. Finanzielle Förderung muss Impulse setzten, gezielt, nicht mit der Gießkanne. Dabei gilt es, zu klotzen und nicht zu kleckern. Nur so kann die kritische Masse, die Veränderungen sinnvoll auf den Weg bringt, erreicht werden. Förderung bedingt zwingend die Aufforderung zur differenzierten Betrachtung. Stadt ist nicht gleich Stadt, Land ist nicht gleich Land. Für die Städte ist in diesem Zusammenhang aber von genereller Bedeutung, dass sie die Bewältigung ihrer Aufgaben nicht weiter aus der Zumutung einer strukturellen Unterfinanzierung heraus betreiben müssen.  

Dies insbesondere in Anbetracht der gewaltigen gesellschaftlichen Herausforderungen, für deren Bewältigung urbane Lebensräume die Bühne bieten. Das umfassende soziale, kulturelle und wirtschaftliche Angebot und die räumliche Nähe sind angesichts des demografischen Wandels und einer immer älter werdenden Gesellschaft für viele Menschen zentral, um bei eingeschränkter Mobilität weiter am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Gleichzeitig bieten Ballungsräume mit Blick auf die immer wichtiger werdende Energieeffizienz zahlreiche Möglichkeiten, um Fortschrittsprozesse ökologisch und ökonomisch nachhaltig zu gestalten.

Der Prozess der Urbanisierung wird weiter andauern.

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Es ist davon auszugehen, dass der Trend zur Urbanisierung nicht so schnell vorüber gehen wird. Um diesen Prozess sinnvoll zu gestalten benötigen die Städte finanzielle Unterstützung und die Freistellung von immer neuen Lasten. Doch die Urbanisierung darf nicht zur Entvölkerung der ländlichen Bereiche führen. Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse ist in Deutschland sicherzustellen; in der Stadt und auf dem Land - aber Hand in Hand.  

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