Städte brauchen das Land Das Dorf muss als Alternative zur Stadt erhalten werden

Bild von Wolfgang Kaschuba
Direktor Institut für empirische Migrations- und Integrationsforschung der HU Berlin

Expertise:

Wolfgang Kaschuba ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für empirische Migrations- und Integrationsforschung der HU Berlin.

Das Land fühlt sich im Vergleich zur Stadt abgehängt. Dieses Gefühl drückt sich auch in der Politik aus. Im Stadt-Land-Konflikt stehen sich nämlich auch Individualität und Konformität gegenüber.

Dass die ländliche Gesellschaft räumlich, sozial und kulturell vor allem eines verkörpert: die Provinz, das erschien uns in den Städten stets selbstverständlich. Bis weit zurück in die Antike findet sich dieser Stadt-Land-Gegensatz festgeschrieben. Als ein gleichsam ewiges Differenzparadigma, das boshafte Intellektuelle auch schon mal als Zivilisationsgefälle beschrieben. Die Stadt als das Zukunftslabor von Gesellschaft und Kultur, das Land als ihr Freilichtmuseum: Damit schien jedenfalls klar, wo vorn und hinten war, wo Fortschritt und Stillstand, wo das Morgen und wo ein bestenfalls nostalgisches Gestern.

Und daraus folgte vielfach, dass Dörfer und Kleinstädte tatsächlich zu diesem Gestern wurden. Zu einem zurückbleibenden  Raum, wenn es um Jobs und Clubs ging, um Schule und Politik, um dörfliche Infrastruktur und öffentlichen Nahverkehr. Als lohne es sich nicht mehr, in die Zukunft der verbliebenen Restfamilien und Alten überhaupt noch zu investieren. Halbherzige Versuche mit nicht ausgelasteten Seniorentaxen, Arztpraxen oder Schulbussen genügten da schon, um abgehängte Regionen endgültig sich selbst zu überlassen.

Das Dorf dominiert die Politik qua Wahlurne.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Diese Arroganz, ja: Ignoranz könnte sich nun allerdings rächen. Denn in den letzten Jahren scheint sich das klassische Stadt-Land-Verhältnis gerade im politischen Raum merkwürdig umzukehren: in eine geradezu schockierende Dominanz des Landes qua Wahlurne. Mit Blick auf Österreich und Polen, auf Ungarn und Brexit, neuerdings auch auf die USA und Trump kann man den Eindruck gewinnen, dass sich die ländliche Nachhut der Weltgeschichte plötzlich aufmacht, um sich – teilweise auch unter rechtspopulistischem Antrieb - zur politischen Vorhut zu mausern. Zu einer eher konservativen Vorhut eben. Viele der jüngsten Wahlen jedenfalls wurden im sozialen Milieu der Dörfer und kleinen Städte entschieden. Oder dort zumindest verloren.

Bei diesem Übergang ländlicher Sozialmilieus in einen aktiveren Politikmodus spielen Selbstbilder und Gefühle eine nicht unwesentliche Rolle. Vor allem offenbar Gefühle der Verlassenheit und Verletztheit: sich abgehängt zu fühlen als ländliche Schrumpfregion, als altes Arbeitermilieu oder als ökonomisch unrentable Produktion. Wie etwa in manche Regionen Ostdeutschlands, in denen frühere Mischungen von ländlicher Industrie- und Agrarproduktion die Wende oft nur wenige Jahre überlebten. Und die dann wie andere Kleinregionen auch in Westdeutschland ihre jungen gut Ausgebildeten an die Städte verloren.

Unsere Gesellschaft muss für mehr als nur ein Lebensstil und ein Entwicklungstempo Platz haben.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Einige wenige Gemeinden versuchen nun, durch Jobangebote, Ökoargumente und Heimatversprechen mit den Städten wieder um ihre „Kinder“ zu konkurrieren. In anderen Gemeinden schwingen sich die Rechtspopulisten zu lärmenden Sprachrohren verletzter Gefühle auf und verkaufen alte Vorurteile als neue Wege zurück in die Zukunft: Unser Dorf soll schöner, also einheimischer/sächsischer/deutscher werden – in beliebiger Reihenfolge. Auch wenn solchen dumpfen Parolen meist nur lokale Minderheiten folgen, breitet sich doch immer weiter zumindest das Gefühl aus, dass in unserer Gesellschaft eben mehr als nur ein Lebensstil und ein Entwicklungstempo Platz haben müssen. Dass nicht nur urbane, sondern auch ländliche Sozialformen und Werte ihre Daseins- und Zukunftsberechtigung haben. Durchaus auch im Sinne einer Gesellschaft zweier Geschwindigkeiten.  

Offenbar lautet die Botschaft also, dass sich das bislang so statische Stadt-Land-Verhältnis neu ordnet. Einerseits gleicht sich manches an. Gerade die großen Städte bemühen sich längst auch um gleichsam ländliche Qualitäten: um Ruhezonen und langsameres Tempo, um Stadtgrün und ökologische Verhältnisse. Weil dies mittlerweile unseren Vorstellungen von Lebensstilen entspricht, in denen das Draußen und das Grüne, die Ökologie und die Moral eine ganz zentrale Rolle spielen. In gewisser Weise holen wir uns damit die Natur in die Stadt zurück. So wie die Dörfer sich umgekehrt um urbane Freizeitstile bemühen: „authentisches“ Thai-Food in Würselen oder Beachvolley in der Uckermark.

Der Konflikt zwischen Stadt und Land ist auch ein Konflikt zwischen Individualität und Konformität.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Andererseits drückt sich darin zugleich und immer noch aber auch wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Sozialräumen aus. Denn die städtischen Milieus fordern damit für sich zivilgesellschaftliche Freiheit und Offenheit ein: das Grundrecht auf eine selbst bestimmte Vielfalt der Lebensstile. In den Dörfern hingegen steht die lebensweltliche Ordnung eher noch für Gemeinschaft und Konvention: für die Pflicht zum Konsens. Abweichungen von der kleinräumigen Moral und lokalen Norm sind ungern gesehen. Zugespitzt formuliert, stehen sich so Werte der Konformität hier und der Individualität dort häufig kaum versöhnt gegenüber.

Damit geht es zwischen Stadt und Land offenbar um durchaus noch grundlegend unterschiedliche Vorstellungen von Vielfalt und Freiheit. Um Fragen von zu eng oder zu weit, zu viel oder zu wenig. Auch um unterschiedliche soziale Erfahrungen und politische Logiken, die sich nicht einfach nach richtig oder falsch entscheiden lassen. Die vielmehr gerade in ihrer Unterschiedlichkeit ernst genommen und diskutiert werden müssen. Weil auch sie zu jener Pluralität gehören, die wir in unseren Städten sonst so fleißig loben. Diese quasi mentale Konstellation  nicht endlich politisch wie kulturell zu bearbeiten, treibt die soziale Spaltung unserer Gesellschaften weiter vorn.

Es benötigt mehr Investitionen in das Land, um es als sozialräumliche Alternative zu erhalten.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Stadt braucht also das Land! Es muss uns als lebensfähige Infrastruktur wie als sozialräumliche Alternative erhalten bleiben. Und es benötigt dafür dringend mehr Investitionen in seine Zukunft. – Jedenfalls dann, wenn wir unsere gemeinsame Zukunft vernünftigerweise in einer vielfältigen Gesellschaft unterschiedlicher Kulturlandschaften, Lebensstile  und Geschwindigkeiten sehen wollen.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.

  1. von Gabriele Flüchter
    Das Dorf wird häufig so angesehen, als gäbe es sozial gar keine Schnittstellen zur Stadt, dabei hat ja die Industrialisierung erst die Stadt im heutigen Sinne geschaffen. Wer es sich leisten konnte, hatte immer schon neben der Stadt- auch eine Landwohnung. Ich finde auch, dass es beides geben sollte, möchte aber persönlich nicht zurück ins Dorf. Warum nicht? Es ist weniger das Sozialgefüge, das empfinde ich gar nicht so verschieden von der Stadt Berlin. Im Dorf, zumal im Winter, muss ich auf fast alles verzichten, was meinen kulturellen Alltag ausmacht, es fährt fast kein Bus, es gibt keinen Markt nah bei, es gibt kein Konzert, nichts. Im Dorf ist das Leben, vor allem im Winter, weniger als halb.
    In der Sommerfrische ist es nett für den, der Fahrradfahren kann, die öffentlichen Verkehrsmittel sind sehr teuer.
    Also: Wer will ins Dorf? Ich nur für die Ferien und sonst auf keinen Fall.