Vorfahrt für die menschengerechte Stadt Mehr Rad geht nur mit weniger Auto

Bild von Tilmann Heuser
Landesgeschäftsführer Berlin Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND)

Expertise:

Tilmann Heuser ist Landesgeschäftsführer Berlin beim Bund für Umwelt und Naturschutz.

Berlin muss endlich attraktive und sichere Bedingungen für den Radverkehr schaffen. Doch das alleine reicht nicht. Eine wachsende Stadt mit hoher Lebens- und Umweltqualität ist nur mit deutlich weniger Autoverkehr möglich.

Rechtzeitig zu den Abgeordnetenhauswahlen 2016 bringt die Initiative Volksentscheid Fahrrad dringend notwendigen Schwung in die Berliner Verkehrspolitik. Zentrales Anliegen: Senat und Bezirke sollen endlich umsetzen, was seit Jahren unter dem Titel "Fahrradstadt Berlin" versprochen wird. Trotz einer ehrgeizigen Radverkehrsstrategie des Senats mit Zeithorizont 2025 mangelt es an der stringenten Realisierung konkreter Maßnahmen, um die Radverkehrsinfrastruktur zu verbessern, gefährliche Kreuzungen zu entschärfen, sichere Abstellmöglichkeiten in ausreichender Zahl anzubieten oder einfach nur Schlaglöcher und Holperstrecken zügig zu beseitigen.

Fahrradfreundlichkeit geht immer zu Lasten des Autos.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Dies scheitert zum einen am bekannten Berliner Umsetzungsdefizit aus mangelnden Planungs- und Personalkapazitäten in der Verwaltung, schleppenden bürokratischen Verfahren und dem Hin- und Herschieben von Verantwortung zwischen Senat und Bezirken. Zum anderen fehlt der politische Mut, den Autoverkehr in der Stadt einzuschränken und seine beherrschende Stellung in Frage zu stellen. Denn eines ist klar: Ein fahrradfreundes Berlin geht bereits mangels Fläche nur zu Lasten des Autos. Sichere und attraktive Bedingungen für den Radverkehr sind nur möglich, wenn Fahrspuren und Parkplätze für den Autoverkehr entfallen.

Die automobile Gesellschaft wehrt sich gegen Änderungen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Entsprechend hoch sind die Widerstände vor Ort bei der Umsetzung von einzelnen Maßnahmen, die zu überwinden einiges an Engagement und Überzeugungskraft erfordert. Verantwortlich für nur langsame Fortschritte beim Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur sind daher nicht nur zaghafte Politiker, sondern auch die Beharrungskräfte einer automobilen Gesellschaft. Diese wirken auch, wenn es um Maßnahmen für den Fußverkehr, die Beschleunigung und den Ausbau des Öffentlichen Personenverkehrs, Tempolimits zur Lärmreduzierung und Luftreinhaltung, Parkraumbewirtschaftung oder den Entfall von Parkplätzen zu Gunsten von CarSharing-Autos oder Lieferzonen für den Wirtschaftsverkehr geht. 

Eine wachsende Stadt mit hoher Lebens- und Umweltqualität ist nur mit weniger Autos möglich.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Insofern ist eine Debatte Fahrrad versus Auto zu verengt, wenn es um die zukünftige Gestaltung der Mobilität in Berlin geht. Vom Leitbild der "autogerechten Stadt" der Nachkriegszeit hat sich Berlin zwar verabschiedet. Bei allen Vorzügen des Autos für die individuelle Mobilität - mit seinem Platzbedarf (auch für parkende Autos), seinen Lärm- und Schadstoffemissionen und den Trennwirkungen der Hauptverkehrsstraßen ist es ein anti-urbanes Verkehrsmittel. Zudem steht sich der Autoverkehr selbst im Weg. Daher dürfte eigentlich jedem klar sein und steht so auch im Stadtentwicklungsplan Verkehr des Senats aus dem Jahr 2011: Mobilität für alle Berlinerinnen und Berliner bei gleichzeitig hoher Lebens- und Umweltqualität in der Stadt funktioniert nur mit weniger Autoverkehr bei gleichzeitigem Ausbau des Fuß-, Rad- und Öffentlichen Verkehrs sowie einer besseren Vernetzung der Verkehrsmittel. Entsprechend müssen sowohl der knappe Raum als auch die noch knapperen Finanzmittel zu Gunsten der stadtverträglichen Verkehrsmittel umverteilt werden. Eine Fortsetzung der bisherigen "Sowohl-als-auch"-Verkehrspolitik ist dagegen zum Scheitern verurteilt, ebenso aber auch eine Fixierung auf einzelne Verkehrsmittel.   

Berlin hat beste Vorraussetzungen, Vorreiter für nachhaltige Mobilität zu werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Das Umsteuern in der Verkehrspolitik erfordert jedoch Mut und Lust auf positive Veränderungen. Andere Städte zeigen, dass mehr möglich ist: Amsterdam und Kopenhagen sind wie zahlreiche deutsche Städte Vorreiter beim Radverkehr, Wien und Zürich beim Öffentlichen Verkehr. Metropolen wie London und Paris setzen offensiv darauf, die Lebens- und Umweltqualität in der Stadt durch Einschränkungen für den Autoverkehr zu erhöhen. Im Städtevergleich braucht sich Berlin jedoch nicht zu verstecken - kaum eine andere Metropole hat bessere Voraussetzungen für eine konsequente Gestaltung einer stadt- und menschengerechten Mobilität. Denn bei aller Kritik: In keiner anderen deutschen Stadt ist der Anteil des Autoverkehrs am Modal Split niedriger (derzeit ca. 30 Prozent), trotz steigender Einwohnerzahlen nimmt der Autoverkehr nicht zu. Der ÖPNV ist vergleichsweise gut ausgebaut – allerdings vergilben viele gute Pläne für seinen Ausbau mangels Geld in den Schubladen der Verwaltung.

Der Radverkehr boomt, trotz schlechter Infrastruktur. Car-Sharing gewinnt zunehmend Kunden. Multimodal ohne eigenes Auto mobil zu sein, wird dank Apps für Smartphones immer einfacher. Gute Gründe für den Berlin Senat also, nicht nur dem Rad, sondern einer menschengerechten Mobilität Vorfahrt zu geben und sich konsequent von der autogerechten Stadt zu verabschieden. Davon hätten alle Berlinerinnen und Berliner etwas: sicher und schnell mobil in der Stadt unterwegs, weniger Lärm, bessere Luft, höhere Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum. Selbst diejenigen, die berufsbedingt auf das Auto angewiesen sind, und der Wirtschaftsverkehr würden davon profitieren. Packen wir es an!

__________________________________________________________________________________

- Warum es ist Amsterdam so gut für Radler läuft, beschreibt die niederländische Botschafterin hier.

- Außerdem auf Causa: Warum ist Sachsen so rechts?

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.