Wer hat Vorfahrt - Fahrräder oder Autos? Das Verkehrsmittel der Zukunft ist das Fahrrad

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Geschäftsführer Innoz

Expertise:

Dr. Andreas Knie ist Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ). InnoZ berät Unternehmen und Politik und erarbeitet Studien zu den Themen Mobilität, Verkehr, Digitalisierung und Automatisiertes Fahren.

In Berlin könnten in nicht allzu ferner Zukunft ein Drittel aller Verkehrsteilnehmer Radler sein, sagt der Verkehrsexperte Andreas Knie - wenn die Politik endlich aktiver wird. Radler brauchen eine eigene Fahrspur.

Als Eiji Toyoda das Berliner Euref-Gelände im Jahre 2009 besuchte, interessierte sich der langjährige Chef des weltgrößten Automobilbauers Toyota nicht für moderne Automobiltechnik oder digitale Infrastrukturen, sondern nur für das Fahrrad. Für den japanischen Automobilmanager war klar: Das Verkehrsmittel der Zukunft ist das Fahrrad! Es könnte tatsächlich so kommen. Dabei ist das ja keineswegs eine neue Erfindung. Im nächsten Jahr wird in Mannheim und Karlsruhe der zweihundertste Geburtstag gefeiert.

Dem Auto ist im Straßenverkehr die absolute Dominanz eingeräumt worden.

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Das Fahrrad galt viele Jahrzehnte als Verkehrsmittel der armen Leute oder nur für Menschen, die den Anschluss an die Massenmotorisierung verpasst hatten. Erst in den 1980er Jahren ändert sich das langsam. Mehr und mehr Menschen begannen in der Freizeit das Rad zu entdecken und mit den steigenden Verkehrsproblemen änderten sich die Einstellungen und politischen Empfehlungen. Zum populären Motto, bitte doch mal das Auto stehen zu lassen und Busse und Bahnen zu nutzen, gesellte sich die Empfehlung der Politik: Fahren Sie doch öfters einmal Rad! Allerdings nahm die Verkehrspolitik das Rad bis heute nie wirklich ernst. Das beginnt schon mit der Wahrnehmung. Für das Verkehrsministerium sind die zurückgelegten Entfernungen und die Verkehrsleistungen das Maß der Dinge. Fahrrad und "zu Fuß" wurden als „nicht-motorisierter Individualverkehr“ in den amtlichen Verkehrserhebungen noch nicht einmal gemessen! Der sogenannte „Modal Split“, die Maßzahl für das Verhältnis von öffentlichem zum privaten Verkehr, kannte das Fahrrad gar nicht. Was man nicht messen kann, das existiert auch nicht. Erst als man das Rad nicht mehr übersehen konnte, änderte sich die Methodik. Etwas.

Im Verkehrsministerium befasst sich nicht einmal eine Handvoll Mitarbeiter mit dem Fahrradverkehr. Das ist zu wenig.

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Das Rad blieb eine verkehrspolitische Arabeske. Von den mehr als 1300 Mitarbeitern des Bundesverkehrsministeriums findet sich auch heute nicht einmal eine Handvoll, die sich mit dem Thema Rad befassen. Verkehrspolitik in Deutschland war und ist bis heute das Versprechen auf den Besitz und die unbeschränkte Nutzung eines eigenen Pkw. Dafür wurden die Infrastruktur errichtet und die Städte im wahrsten Sinne des Wortes zugerichtet. Dem Auto ist im Straßen- und Planungsrecht die absolute Dominanz eingeräumt worden. Dem Fahrrad blieb nur der schmale Radstreifen.  

Und heute? Seit rund 10 Jahren hat sich in den Städten Europas und Nordamerikas einiges getan. Die Belastungen der Pkws mit Lärm, Abgasen und unendlichem Platzverbrauch beginnen die Stadtbewohner mehr und mehr zu nerven. Das Auto ist und bleibt eine tolle Erfindung, aber was zu viel ist, ist zu viel. Die Menschen suchen nach Alternativen und beginnen im Nahbereich das Fahrrad zu entdecken. In den letzten 10 Jahren hat sich der Anteil des Rades an den Verkehrswegen in Berlin verdoppelt und liegt nach Messungen des InnoZ bereits jetzt  im Jahresdurchschnitt bei 18 Prozent. Zum Vergleich: der gesamte ÖPNV kommt auch nur auf 28 Prozent.

Die Trend zur Individualität fördert das Fahrradfahren: Fahrradfahren bedeutetet Eigenzeit und Eigenraum.

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Neben dem erstickenden Autoverkehr ist der Wunsch nach Individualität, die das Fahrrad so attraktiv macht. Jederzeit ohne Fahrplan sofort losfahren. Kein Stress in Bahnen und Bus, keine Parkplatzsorgen. Eigenzeit und Eigenraum, die wichtigsten Treiber der Verkehrsmittelwahl werden beim Rad bestens bedient. Das Rad unterstützt in neuer Form die Individualisierung, die das Auto heute nicht mehr leisten kann. Interessanterweise kommen die Zuwächse beim Fahrradverkehr auch tatsächlich von den Autofahrenden. Diejenigen, die keinen Bock mehr auf das eigene Fahrzeug haben, nutzen mehr das Rad als die U- oder S-Bahn.

In Berlin könnte der Anteil der Fahrradfahrer auf 30 Prozent steigen.

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Fasst man alle Trends zusammen, einschließlich der stark steigenden Zahlen der elektrisch unterstützten Antriebe, dann könnte in einer Stadt wie Berlin der Anteil des Fahrrades auf rund 30 Prozent der Wege steigen. Dieses Wachstum wird aber nur dann dauerhaft gelingen, wenn sich politisch was ändert.

Der öffentliche Verkehrsraum muss neu aufgeteilt werden. Dem Rad gehört eine eigene Fahrspur auf den Straßen.

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Denn das Fahrrad ist aus dem von der Politik zugewiesenen Raum im wahrsten Sinne des Wortes herausgefahren. Der öffentliche Verkehrsraum muss neu aufgeteilt werden. Dem Rad gehört eine eigene Fahrspur auf den Straßen. Damit lassen sich die Flächenkonkurrenz zwischen Auto, Rad, Bussen, Bahnen und Fußgänger regeln ohne den Verkehrsfluss zu behindern. Parallel wird sich die Zahl der Mieträder erhöhen. Denn die Zukunft des Rades liegt aufgrund der Wetterabhängigkeit des Fahrradfahrens im Verkehrsverbund.

Der Berliner Senat muss das Recht ändern, um die Forderungen der Initiative Volksentscheid Fahrrad umsetzen zu können.

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Zurzeit verfügt Berlin über knapp 2000 öffentliche Räder, nach Schätzungen des InnoZ sind 100.000 Leihfahrräder nötig um ein attraktives Gesamtangebot gewährleisten zu können.Aber es scheint Hoffnung zu geben. Die Reaktion des Berliner Senats auf die Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ konzentrierte die Kritik darauf, dass viele der angedachten Maßnahmen nicht mit den Mitteln des Verwaltungshandelns zu machen sind und es an den notwendigen Rechtsgrundlagen für eine Veränderung mangelt. Das stimmt genau. Es ist ja gerade die Aufgabe des Senats, Gesetze zu ändern oder auch Neue zu verabschieden. Die Zeit wäre günstig. Es scheint als würden sich die Verantwortlichen in die politische Aufgabe der Gestaltung bereits eingedacht haben. Es ist Zeit für Optimismus.

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Wer hat Vorfahrt - Autos oder Fahrräder?

Im Mai 2016 beginnt die Initiative "Volksentscheid Fahrrad" in Berlin mit der Unterschriftensammlung, um den Berliner Senat zu Maßnahmen für eine fahrradfreundlichere Stadt zu bringen. Weitere Beiträge in unserer Fahrrad-Debatte auf Tagesspiegel Causa, dem Online-Debattenmagazin des Tagesspiegels, folgen in Kürze an dieser Stelle, auf unserem Facebook-Account und auf Tagesspiegel.de.

Außerdem debattiert auf Tagesspiegel Causa: Wie wird das Kulturforum zum Forum?

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