Wer plant die Stadt? Die Stadtplaner sind nicht mehr Herr der Stadt

Bild von Robert Kaltenbrunner
Architekt und Stadtplaner

Expertise:

Robert Kaltenbrunner ist promovierter Architekt und Stadtplaner. Er arbeitet im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

Wer hat eigentlich größeren Einfluss auf die Entwicklung des Stadtraums - die Planer in der Senatsverwaltung - oder die Guerillagärtner, Mai-Demonstranten, Sprayer? Graswurzelbewegungen fordern immer stärkereren Einfluss auf die Gestaltung öffentlicher Räume und machen die Stadtplanung zu einem zunehmend chaotischen Spiel. Doch die Improvisation braucht einen Rahmen, schreibt der Stadtplaner und Architekt Robert Kaltenbrunner in seinem Essay.

In den USA erzählt man College-Abgängern mitunter eine Anekdote, um sie auf den Ernst des Lebens vorzubereiten. Sie beginnt folgendermaßen: „Schwimmen zwei junge Fische daher und treffen auf einen älteren Fisch, der in die andere Richtung schwimmt, ihnen zunickt und sagt: ‚Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?‘ Und die beiden jungen Fische schwimmen noch ein bisschen, bis der eine schließlich zum andern hinübersieht und sagt: ‚Was zur Hölle ist Wasser?‘“ Dass das Selbstverständliche manchem gar nicht (mehr) bewusst ist, mag als Erkenntnis so neu nicht sein. Im Bereich des Urbanismus freilich kann sie gar nicht oft genug wiederholt werden. Denn in kaum einem Metier scheint man so gern zu vergessen – oder zu vernachlässigen –, worin man sich bewegt. Hinzu kommt: Die unaufhörliche Dynamisierung unserer Welt lässt den Planungsbedarf zwar steigen, zugleich aber sinkt die Reichweite des Planbaren.

Der öffentliche Raum dient noch immer dazu, Protest zu zelebrieren.

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Augenscheinlich bedarf es immer mehr eines situativen Zugangs zu den Erscheinungsformen des Städtischen. Diverse Alltagsbeobachtungen stützen diese These: Zunächst einmal ist auffällig, dass diverse Bürgerproteste der vergangenen Jahre, von Occupy bis zur Arabellion, bevorzugt im urbanen Raum stattfinden, gar zelebriert werden. Selbst die Rituale, die sich rund um den 1. Mai namentlich in Berlin abspielen, belegen das. Auch wenn sie noch so vorkonfektioniert erscheint, braucht die Tradition der gewerkschaftlichen Demonstration den Stadtraum nicht minder als Autonome und Antifa-Gruppen,  die – symbolträchtig in Ort und Zeit – Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen. Seit dem 1. Mai 1987, als in Kreuzberg bis dahin ungekannte schwere Unruhen ausbrachen und sich die Berliner Polizei für mehrere Stunden vollständig aus SO 36, dem östlichen Ortsteil, zurückziehen musste, gehört es zur revolutionären Folklore, alljährlich ähnliche Events (und wenn es geht: Randale) im öffentlichen Raum zu platzieren.

Gruppen eignen sich den öffentlichen Raum an und verändern ihn.

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Zugleich freilich findet die wachsende Individualisierung hier ein Forum, die gewandelten Interessen neu auszuhandeln. Auf mannigfache Weise eignen sich bestimmte Gruppen den öffentlichen Raum an und verändern ihn, durch Flashmobs etwa, aber auch mittels Verabredung zum kollektiven Tangotanzen. Die Techno- und die Rapper-Szene, die Jünger von Le Parcours, Aktivisten von Reclaim the streets, Skater und Party-People: Sie suchen sich ihre Räume. Viele dieser Bewegungen beanspruchen für sich eine eigene Öffentlichkeit; sie spüren Niemandsländer auf, die semantisch unbelastet sind: Durchgangsräume, Brachen, Autobahnunterführungen, aufgelassene Industrieareale - Orte des Nichts. Offensichtlich gibt es spezifische Aneignungsformen, die nicht einen öffentlichen Ort besetzt, sondern ein Niemandsland in einen öffentlichen Ort verwandelt (und sei es temporär). Attraktiv sind solche Orte vermutlich, weil sie nichts und niemand repräsentieren, keine Macht und keinen Besitz.

Noch immer werden wichtige Entscheidungen durch die physische Präsenz von Protest in den Straßen erzwungen.

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Die neuen medialen Möglichkeiten spielen dabei durchaus eine Rolle. Was indessen nicht heißt, dass die Digitalmoderne eine bis dato ungeahnte demokratische Partizipation befördert. Die Massenproteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo und auf dem Maidan in Kiew, die Eruptionen des Bürgerzorns gegen ‚Stuttgart 21‘, selbst Pegida, entfalteten ihre Kraft durch physische Präsenz. Das Internet mag enorme Vorzüge als Werkzeug haben; es verbreitet die Kunde von Geschehnissen sehr rasch, senkt die Schwelle, Proteste zu artikulieren, und reduziert die Kosten von Kommunikation und Organisation. Aber politische oder soziale Umwälzungen erfordern ein leibhaftiges Engagement. Wo es ernst wird, reicht das Netz nicht aus. Erst ‚draußen‘ bekommt man die Gewalt der Staatsmacht richtig zu spüren, und wichtige Entscheidungen werden nicht im Netz erzwungen, sondern durch Demonstrationen, Straßenblockaden und Urnengänge. Der öffentliche Raum ist nach wie vor eine Bühne, auf der gesellschaftliche Konflikte artikuliert und vorgetragen werden; er ist aber auch Ort personaler Selbstdarstellung und Inszenierung. Schließlich leben wir einer institutionell hochgradig verregelten Welt, die so mit Vorschriften, Konventionen und Verboten zugestellt ist, dass Straße und Platz die einzigen Orte zu sein scheinen, die jedermann zur Verfügung stehen, um sich (mehr oder weniger) außerhalb dieses Regelwerks zu verhalten und zu äußern, um selbstgewählten und spontanen Handlungen nachzugehen.

Das Verhältnis von individueller Handlungsautonomie und sozialer Ordnung wird auf der städtischen Bühne neu austariert.

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Nach wie vor gibt es viele gute Gründe, den öffentlichen Raum als Ort zu sehen, in dem etwa Heranwachsende sich spielerisch an gesellschaftliche Bedingungen herantasten, ihre eigene Wirkung testen und dabei Grenzen ausloten. Andererseits besagen diverse sozialwissenschaftliche Untersuchungen, dass es damit nicht weit her ist: Vielerorts fühlen sich Nutzer des öffentlichen Raums immer mehr durch Menschen und Dinge gestört, die eigentlich dort Platz haben müssten, wenn die Stadt als Ort der Differenz und Diversität gelten soll. Vielerlei Aneignungsformen und Verhaltensweisen mögen den Bedürfnissen der Mittelklasse nach Eigenheim, Einkaufscenter und einem angeblich ‚naturnahen’ Umfeld kaum entgegen kommen. Urbanes Flair genießt man zwar gerne mal. Aber den Unwägbarkeiten des öffentlichen Raums – die Konfrontation mit Fremden, die Anonymität, die Unsicherheit, wie man sich verhalten soll – setzt man sich nur ungern aus.

Also: Wie viel Neben- oder gar Miteinander unterschiedlicher Lebensweisen im öffentlichen Raum möglich und erwünscht sind, bleibt demzufolge eine offene Frage. Und dennoch! Ob nun Urban Knitting und Zwischennutzer, ob Guerilla Gardening oder Stadtpioniere: In und mit solchen  - mitunter anarchischen - Aktionen scheint sich tatsächlich eine Art des gesellschaftlichen Wandel anzukündigen: Das Verhältnis von individueller Handlungsautonomie und sozialer Ordnung wird auf der städtischen Bühne gerade neu austariert.

Selbst die Fachgemeinde der Urbanisten und Planer scheint mittlerweile bereit, einen Gutteil ihrer Aufmerksamkeit dem Unbeständigen und Unbestimmten in den Städten zu widmen. Mal bewundernd, mal verunsichert, zeigen sie auf die Lücken und Brüche, die eine spontane und informelle urbane Aneignung ermöglichen. Dahinter steht mitunter affirmative Absicht: Denn angesichts von Krise und Geldknappheit wirkt es nötiger denn je, Planungen zu entwickeln, die sich von der ‚normalen‘ Logik der Stadtentwicklung abwenden und die bisher üblichen stadtplanerischen Drehbücher zu Immobilien, Baukrediten, Arbeitskräften im Bauwesen und Wohnungsbau neu definieren.

Unter dem Begriff „nomadisch grün“ bekommt die Bewegung des  Urban Gardening in dieser Argumentation einen prominenten Platz zugewiesen. Tatsächlich kann man ja die Prinzessinnengärten und die Pflanzkübellandschaften auf dem Tempelhofer Feld  in Berlin oder die AgroCité (Paris-Colombes) als Aufforderung zu einer neuen Lesart des Urbanen sehen. Tatsächlich wird es ja auch gern als Entwurf eines ökologischen, langsamen und sozialverträglichen Lebens in der Großstadt verkauft, als „neue Urbanität, lokale Vielfalt, Wiederentdeckung des Miteinanders, Renaissance des Selbermachens“. Voraussetzungslos freilich ist das Urban Gardening nicht; der Boden wurde ihm bereitet von der Ökologiebewegung der 1970er Jahre. Heute tritt die Bewegung der Brachenbesetzung und der spontanen Raumaneignung als eine ästhetische Vermittlungsstrategie auf, die eine Differenz überbrückt: Nämlich der zwischen der Realität der Nahrungsmittelproduktion, des Umgangs mit den Ressourcen und dem, was wir tatsächlich dagegen unternehmen. Sie hält als Sehnsuchtsbild im direkten Umfeld etwas präsent, was im großen Zusammenhang verloren gegangen ist: den über sichtbare Produktion hergestellten Kontakt zu dem, wovon wir leben.

Architektur bewährt sich erst im Umgang mit Störungen.

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Man könnte beckmesserisch einwenden, dass der städtische Rasen mit den abgestuften Koniferen einmal einen ähnlichen Effekt gehabt hat. Sei’s drum. Unübersehbar aber wird die Produktion von urbanen Räumen heute durch flexible, dynamische Strategien beeinflusst, die weniger um die Planungen der Kommune kreisen, sondern sich in unübersichtlichen informellen Prozessen aus der Eigeninitiative von zivilgesellschaftlichen Akteuren heraus entwickeln. Diesen Prozessen ist inhärent, dass sie zunächst in einer Gegenposition zur offiziellen Stadtplanung stehen, in Leerräumen und Nischen operieren.  Mit dem partizipatorischen Reformprojekt Die Baupiloten ist etwa die Architektin Susanne Hofmann in Berlin angetreten, um spartanische Flure und genormte Pausenhöfe von Schulen und Kindergärten radikal neu zu denken. Ihr Geschäftsmodell ist so einfach wie erfolgreich: Mit dem gegebenen Etat für eine Umbaumaßnahme so zu haushalten, dass etwas übrig bleibt für unorthodoxe Verschönerungen. Beispiele wie dieses – es ließen sich noch viele weitere nennen – sind beredt insofern, als sie veranschaulichen, dass Architektur weder ein bruchloses Anknüpfen an die Tradition ist noch das Ergebnis der Umstände ihrer Entstehung. Vielmehr offenbart sie sich als eine Praxis, die sich erst im Umgang mit Störungen erweist und bewährt. Gleichwohl ist längst nicht ausgemacht, dass das Provisorische eine zukunftsfähige Gestaltungsstrategie darstellt.

Einen ganz anderen – sicherlich traditionelleren, aber möglicherweise konsistenteren – Weg stellt das In-Wert-Setzen überlieferter baulicher Arrangements. Stadträumliche Strukturen, so könnte man diesen Ansatz zusammenfassen, stellen stabile Qualitäten dar: Sie helfen einerseits, die Anfälligkeit in Krisen und Katastrophen gering zu halten; sie behindern oder verbauen andererseits nicht neue Entwicklungen. Allerdings ist es alles andere als banal, diesen Erfahrungsfundus zu bewahren und zu ertüchtigen. Weder scheint die notwendige Dichte, der sparsame Umgang mit Ressourcen, noch die Verständigung auf eine ganzheitlich Stadtbaugestaltung gesellschaftlich gewollt.

Tatsächlich stellt sich die Frage, ob Stadtentwicklung nicht etwas mit der Spieltheorie zu tun hat, der zufolge die Spieler sich entscheiden, ohne die einzelnen Gegebenheiten des Problems zu kennen, von denen einige bekannt sind, andere zufallsbedingt, wieder andere unbestimmbar. Zumal Urbanität, wie es der verstorbene Soziologe Hartmut Häußermann einmal betonte, „nicht das Ergebnis bewusster planerischer Entscheidung ist, sondern das Ergebnis einer Entwicklung, an der eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure, Interessen und Initiativen usw. beteiligt sind. In diesem vielschichtigen Prozess entsteht, wenn es gut geht, ein urbaner Ort. Planung behindert solche Prozesse eher, als dass sie diese befördert.“ Doch dieses Verdikt ist weniger vernichtend als es klingt; durch den Kontext wird klar, dass keineswegs die Daseinsberechtigung von Planung in Zweifel gezogen wird. Will sie aber ihre Rolle als steuernde Instanz zurück erlangen, muss die Improvisation – die im Kleinen durchaus Sinn macht – durch ein stabiles Konstrukt gestützt und in eine ganzheitliche Strategie eingebettet werden. Dabei kommt insbesondere der Frage, wie dabei immanente, bisher vielleicht kaum beachtete soziale und situative Qualitäten freigesetzt und für eine nachhaltige Konzeption der Stadt fruchtbar gemacht werden können, eine entscheidende Bedeutung zu.

Stadt braucht eine baulich-räumlichen Verständlichkeit, die korreliert mit Erfahrungen, Nutzungen und Beziehungen im täglichen Leben. Das Wort Kultur stammt schließlich vom Lateinischen cultura: Sorge um etwas. Gestaltung ist nicht ästhetischer Selbstzweck, sondern Ausdruck des Umstandes, dass man sich kümmert.

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Außerdem auf Tagesspiegel Causa, dem Online-Debattenmagazin des Tagesspiegels: Wie wird das Kulturforum ein Forum? Eine Debatte über die Zukunft eines öden Ortes.

Noch mehr Debatte: Gefährdet Religion den gesellschaftlichen Frieden? Auch hier spielt der Raum eine Rolle, sagt Ulrike Freitag vom Zentrum Moderner Orient.

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