Kritik an der Genderforschung Die Geschlechterforschung fördert die Geschlechtergleichheit

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Universitätsdozentin und Autorin

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Karen Horn lehrt ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie an den Universitäten Erfurt und Siegen. Sie ist Mitiniatorin des interdisziplinären akademischen Netzwerks NOUS. An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Publizistik bewegt sich die frühere F.A.Z.-Journalistin heute als Chefredakteurin und Mitherausgeberin der Perspektiven der Wirtschaftspolitik (PWP), eines Fachjournals des Vereins für Socialpolitik, der Vereinigung der deutschsprachigen Ökonomen. Als freie Autorin schreibt sie darüber hinaus für diverse Zeitungen, Magazine und Onlinedienste.

Die AfD hat sich auf die Genderforschung eingeschossen und will ihr die staatliche Förderung entziehen. Auch wenn die Genderforschung zu Absurditäten neigt, ist sie für unsere Gesellschaft und Politik doch unentbehrlich. 

Die AfD will sämtliche staatliche Förderung der Genderforschung beenden. So haben es die Delegierten auf dem Bundesparteitag in Köln kürzlich für das Wahlprogramm beschlossen. Das Thema Gender ist eine der Lieblings-Säue, welche die AfD-Einpeitscher seit einiger Zeit mit Rufen des Grusels durch das Dorf der Republik treiben. „Gender-Wahn“, „Rassenlehre des 21. Jahrhunderts“, an Gift und Häme besteht kein Mangel. Sie wissen sich dabei in guter Gesellschaft, schließlich hat sich auch Papst Franziskus schon mehrfach mit der Äußerung vernehmen lassen, die „Gendertheorie“ sei Teil eines „weltweiten Krieges zur Zerstörung der Ehe“. Eine derartige verschwörungstheoretische Polemik und Pauschalisierung ist einer fruchtbaren, kritischen inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Geschlechterforschung („Gender studies“) und mit den konkreten politischen Maßnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter („Gender mainstreaming“) abträglich. Gerade die neue Spitzenkandidatin der AfD, die sich als liberale Intellektuelle inszenierende Alice Weidel, müsste wissen: Zumal aus einer freiheitlichen Perspektive ist am akademischen Programm der Geschlechterforschung per se ähnlich wenig auszusetzen wie am Grundgedanken der Gleichstellung.

Die Genderforschung behandelt Themen aus der Mitte der Gesellschaft und eignet sich deshalb als Reizthema. 

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Dass das Thema trotzdem immer wieder Wallungen verursacht und sich der AfD derart zur Bewirtschaftung anbietet, liegt daran, dass die praktische Umsetzung der theoretischen Erkenntnisse und politischen Grundsatzbeschlüsse regelmäßig über ein anschlussfähiges Maß hinausschießt. Deshalb finden sich zahllose Eltern und Großeltern, die ihren Kindern und Enkeln begreiflicherweise ersparen wollen, sich allen Ernstes schon im Vorschulalter mit Sexualpraktiken beschäftigen zu müssen. Deshalb treiben „Studierende“, „Lehrpersonen“, „SchülerInnen“ und andere Kreationen „gender-neutraler Sprache“ zu Recht die Freunde einer gepflegten deutschen Sprache auf die Barrikaden. Und deshalb zittern manche Männer davor, nun für die Jahrhunderte der Benachteiligung der Frau büßen zu müssen. Weil er somit eine Brücke in die Mitte der Gesellschaft zu schlagen erlaubt, eignet sich der Topos besonders gut für ein Aufpeitschen der Massen – und genau darum ist es schon längst am rechten Rand des politischen Spektrums resorbiert worden, wo auch „Klima-Lüge“, „Flüchtlingschaos“, „Umvolkung“ und „Pinocchio-Presse“ wohnen.

Die Kritiker der Genderforschung verstehen diese absichtlich falsch, um besser giften zu können.

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Die Kritiker haben insofern eine komfortable Position, als sie sich gar nicht im Detail mit der Geschlechterforschung beschäftigen müssen, um schon zu wissen, dass sie dagegen sind. Auch Papst Franziskus reibt sich schon an der Ausgangsprämisse: an der doch eigentlich selbstverständlichen Feststellung, dass es überhaupt gesellschaftlich und kulturell geprägte Geschlechterrollen gibt, diese also nicht ausschließlich von der Biologie bestimmt sind. Dabei ist das evident. Trotzdem wird immer wieder auf Simone de Beauvoirs zuspitzenden Satz aus dem Buch „Le deuxième Sexe“ aus dem Jahr 1949 dreingedroschen, das gleichsam zum Gründungsdokument des Feminismus wurde: „On ne naît pas femme: on le devient“ - Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.

Man wird den Eindruck nicht los, dass die Kritiker da etwas absichtlich missverstehen, um besser giften zu können. Auf jeden Fall findet in den entsprechenden Kreisen ein alberner Kampf um alles oder nichts statt, in dem die ausschließlich biologistische Position ihr Gegenstück in dekonstruktivistischen Philosophien sucht, in denen sich die Zahl der denkbaren sozialen Geschlechter logisch ins Unendliche vermehrt, da sich schließlich jede Identität aus einer Vielfalt von Komponenten zusammensetzt. Beide Extrempositionen sind für sich genommen absurd; sie markieren nur den Rand, an dem die Befassung mit dem Thema sinnlos wird. Es fällt dabei freilich auf, dass mit dem „sozialen Geschlecht“ vor allem jene Ewiggestrigen ein Problem haben, die angeblich der „Islamisierung des Abendlandes“ auch deshalb Einhalt gebieten wollten, weil sie um die Freiheit und Gleichberechtigung des „schwachen Geschlechts“ fürchteten. Schon damit erkennen sie an, dass gesellschaftlich und kulturell geprägte Rollenbilder existieren, gerade auch in den eigenen Köpfen.

Staatliche Subventionierungen sind kein Alleinstellungsmerkmal der Genderforschung. 

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Vielen missfällt, viele verstört vielleicht sogar, was sie vom Personal und den Ergebnissen ihrer Forschung zu wissen meinen. Und da gibt es in der Tat so manches Ulkige, Skurrile und zum gelinden Kopfschütteln Geeignete, zum Beispiel die berühmte Bitte Lann Hornscheidts vom Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin, allfällige Korrespondenz mit der Grußformel „Sehr geehrtx Profx.“ zu eröffnen. Sicher verspürt auch nicht jeder große Lust, ein Epos mit dem Titel „In a queer time and place – transgender bodies, subcultural lives“ zu lesen. Muss ja auch keiner. Aber sollte nicht gerade die akademische Welt auch für Experimentelles und Nicht-Offensichtliches Freiraum bieten?

Die Gender-Kritiker von der AfD und andere führen ins Feld, dass die wissenschaftliche Disziplin der Geschlechterforschung überhaupt erst das Resultat einer staatlichen Initiative ist und dass sie umfassend subventioniert wird. Das ist richtig, aber kein Killer-Argument. Dass Fakultäten und ihre Netzwerke in der nicht eben marktwirtschaftlich geprägten Bildungswelt von heute vielfach das Resultat einer politischen Setzung sind, mag man für die Humboldtsche Erbsünde halten; doch es ist gewiss kein Alleinstellungsmerkmal der Geschlechterforschung. Dass dabei viel, womöglich auch zu viel Geld ausgegeben wird und dann der öffentlichen Hand an anderer Stelle fehlen muss, ist eine triviale Einsicht.

Die Absurditäten der Genderforschung dürfen ihr nicht die Existenzberechtigung rauben. 

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Man mag sich darüber aufregen, dass an diesen Fakultäten nicht nur so manches absurd Erscheinendes produziert, sondern der ideologische Boden einer interventionistischen Politik abgesichert wird. Empirisch mag das stimmen – aber daran ist nichts Zwingendes. Und außerdem: was ist dann mit den philosophischen Fakultäten, den soziologischen, den politologischen, den ökonomischen? Denen die Existenzberechtigung kategorisch abzusprechen, fiele wohl schon deutlich schwerer – aber was ist dort nicht alles schon für verqueres Zeug verzapft worden, zum Teil ideologischer, je nach Standpunkt womöglich gar als gefährlich einzustufender Unfug. Doch Irrwege gehören dazu. Angetrieben ist jede Wissenschaft von der Suche nach Erkenntnis; nicht immer wird sie auch gefunden. Und abgesehen von der Vermessenheit eines solchen Urteils gibt es a priori auch keinen Grund, warum ein sozialwissenschaftlicher Querschnittsansatz wie die Geschlechterforschung, der aus einer üppigen interdisziplinären Fülle schöpfen kann, nur Unsinn hervorbringen sollte.

Die Gender-Perspektive liefert wichtige Erkenntnisse über gesellschaftliche Missstände und Phänomene. 

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Im Gegenteil kann die Gender-Perspektive ausgesprochen spannend und aus liberaler Perspektive auch nützlich sein: Wie entstehen geschlechtsspezifische Rollenbilder, lässt sich da rein deskriptiv fragen; wie groß (oder klein) ist ihre Vielfalt, was sind ihre Komponenten, wie wandelbar sind sie und unter welchen Bedingungen? Wie werden sie gelebt und tradiert? Wie stark ist der Einfluss von Familie, Schule, wirtschaftlicher Situation, Religion und sonstigem sozialem Umfeld? Welche Politik schwächt oder stärkt die Beharrungskraft überkommener Geschlechterrollen? Welche Bedeutung kommt physischer Macht und Kraft zu? Was folgt aus den Rollenbildern für die Entwicklung der Wirtschaft eines Landes, wie verhalten sie sich zur Tragfähigkeit einer Demokratie? Wann fällt eine Gesellschaft in archaische Rollen zurück? Auch präskriptiv ist viel zu holen: Gibt es in der Praxis politische Maßnahmen, die Bürger eines Geschlechts unbeabsichtigermaßen systematisch bevorzugen, und wie ließe sich das korrigieren? Was ist dran an der gängigen Behauptung, dass Frauen am Arbeitsmarkt noch immer systematisch benachteiligt werden, und an der Gegenthese, dass es mittlerweile vielmehr die Männer schwer haben? All das sind wichtige Fragen, denen sich gerade auch freiheitlich gesinnte Wissenschaftler mit ihrer traditionellen Sensibilität und Sorge für ein nicht-diskriminierendes Staatshandeln ertragreich widmen können.

Der Staat muss die Unterschiede zwischen Geschlechtern in den Blick nehmen und handeln. 

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Dass sich Regierungen für die Geschlechterforschung interessieren, ist kein Wunder. Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten einer fachmännischen Politikevaluation zu prüfen, wie sich eine Maßnahme auf verschiedene Bevölkerungsgruppen auswirkt. Alles andere wäre nachlässig. Den Unterschied zwischen den Geschlechtern in den Blick zu nehmen, ist ebenso wichtig wie zu betrachten, wie Vertreter verschiedener Generationen und verschiedener Ausbildungsniveaus betroffen sind. Wenn sich die Geschlechter hinsichtlich ökonomischer Merkmale systematisch unterscheiden, gilt es das zu berücksichtigen und im politischen Prozess entsprechend zu verhandeln. Und das geht nur, wenn man über diese Wirkungen wenigstens annähernd Bescheid weiß. Notwendig ist diese Prüfung, weil es mit der Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz nicht getan ist, wenn mit dem Gesetz wie üblich Politik betrieben wird und deshalb bewusst nicht für Gleichheit im Gesetz gesorgt ist.

Hier knüpft die Gleichstellungspolitik an, das „Gender mainstreaming“. In den achtziger Jahren erstmals auf einer UN-Weltfrauenkonferenz erörtert, hat das Konzept inzwischen Eingang in die nationale Politik gefunden. Sein guter, richtiger Kern besteht darin, dass der Staat über die längst gegebene rechtliche Gleichstellung der Geschlechter hinaus dazu angehalten wird, auf die Lebenswirklichkeit der Menschen Rücksicht zu nehmen und – neben vielen anderen Kriterien – zu bedenken, dass sich diese mitunter je nach Geschlecht systematisch unterscheidet. In der Gleichstellungspolitik geht es anders als in der reinen Frauenpolitik keineswegs darum, nur Frauen bessere Chancen zu verschaffen. Indes bleibt es in der politischen Realität selten beim Bedenken und Berücksichtigen; die Verlockung, die Gesellschaft aktiv zu gestalten, statt vor allem Hürden aus dem Weg zu räumen, ist groß.

In der Gleichstellungspolitik geht es nicht darum, nur Frauen bessere Chancen zu verschaffen.

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Die erklärten Ziele der Gleichstellungspolitik, Chancengleichheit und Teilhabe, sind im Abstrakten zwei schöne Ideale, die gewiss jeder universalistisch denkende oder mit Nächstenliebe ausgestattete Mensch teilen kann. Damit sind sie aber noch lange kein Freibrief für Experimente. Heute wollen zum Beispiel mehr Frauen Teilzeit arbeiten als Männer. Das liegt zu weiten Teilen daran, dass die Erziehungsarbeit häufiger an den Müttern hängt als an den Vätern. Man mag gutheißen, dass sich das nun allmählich offenbar ändert. Aus freiheitlicher Sicht indes steht der Gemeinschaft in keiner Weise zu, aktiv dafür zu sorgen, dass mehr Frauen in den dominierenden Erwerbsmodus der Männer finden, also in Vollzeitstellen. Der Staat muss allerdings dafür sorgen, dass er selbst keine administrativen oder mentalen Hürden mehr errichtet – zum Beispiel indem keine überzogenen Regulierungen mehr das Angebot an privaten Kindertagesstätten verknappen oder indem die Verwaltung nicht implizit das Modell des Mannes als Alleinernährer propagiert.

Zu einer solchen staatlichen Neutralität gehört auch, in Verlautbarungen und Planungen der Verwaltung keine einengenden Rollenbilder zu perpetuieren, beispielsweise indem man Frauen nicht nur in stereotypen, „klassischen Frauenberufen“ anspricht. Da lässt sich auch ohne sprachlichen Krampf einiges machen, man muss nur ein Bewusstsein dafür entwickeln. Wie schwierig es ist, eine lange eingeübte Gedankenlosigkeit abzulegen, zeigt das Beispiel aus Wien, wo eine gut gemeinte Gleichstellungspolitik in der Stadt- und Wohnraumplanung das Konzept des „frauengerechten Wohnens“ hervorgebracht hat, nach dem stets Sicht- und Rufkontakt zu Kinderspielzonen bestehen soll. Brauchen Männer derlei nicht? „Eltern-“ oder „kindergerechtes Wohnen“ wäre dann doch die angemessenere Bezeichnung.

Solche Pannen verweisen auf ein Problem der Gender-Perspektive, das sich freilich nicht so leicht aus der Welt schaffen lässt und vielleicht am schwersten wiegt: Wer die Welt durch die Brille betrachtet, ob eine nach dem – biologischen oder wie auch immer gefassten – Geschlecht definierte Gruppe benachteiligt wird, der übt genau diese Schubladisierung ein. In diesem Blick konstituiert sich der Unterschied immer wieder neu, der aus Achtung vor dem Individuum doch eigentlich nicht länger bestimmend sein sollte. So lautet die Lehre, die aus dieser phänomenologischen Crux zu ziehen ist: Nur nicht übertreiben. In keine Richtung.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Hagen Stickel
    Nur weil ein Julian eines Morgens das Bedürfnis hat, ab sofort Juliane genannt werden zu wollen, bedeutet das nicht , das wir hierüber eine generelle Gender bzw. Geschlechterdebatte zu führen brauchen. Dieses fast schon pathologische Bestreben von Linken und Grünen, alles auf diesem Planeten der Gleicheit unterzuordnen, erinnert fast schon an Gleichschaltung . Menschen können und wollen auch nicht entsexualisiert werden, auch wenn es den Genderforschern unendliche Glücksgefühle beschert, ein Er sowie eine Sie auf ein Es runter zu brechen, nur um per Definition nun für Gleichheit zu sorgen. Ich bestreite ja nicht, dass es diese Julians gibt, aber sie sind eindeutig eine Randerscheinung und sollten nicht als Beleg dafür missbraucht werden, diese Debatte zu führen.