Welche Rechte brauchen Tiere? Tierschutz wird von Menschen gewährt

Bild von Dag Encke
Direktor des Tiergartens Nürnberg Verband der Zoologischen Gärten

Expertise:

Der studierte Biologe Dr. Dag Encke ist Direktor des Tiergarten Nürnberg und Mitglied des Vorstands des Verbandes der Zoologischen Gärten.

Ob Töten für den Artenschutz oder Lebensraumbegrenzung zum Erhalt von Biodiversität- Zoos stellen die Gesellschaft vor Grundsatzfragen zum Umgang mit Tieren. 

Der Mensch ist der einzige Verantwortungs- und Entscheidungsträger auf unserem Planeten.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Vom Denken und Handeln der Menschen hängen die Entwicklung auf der Erde und das Überleben vieler Arten und Individuen ab. Das unterscheidet den Menschen von allen Tieren. Der Mensch gestaltet die Erde, nicht unbedingt zu seinem langfristigen Vorteil, aber gemäß seinen eigenen meist kurzfristigen Interessen und Vorstellungen. Dieser Gestaltungswille wird laufend durch internationale Konventionen und nationale Gesetzgebungen als gesellschaftlicher Konsens manifestiert.

Seit 1992 besteht globaler Konsens, dass das Überleben von Pflanzen und Tieren sichergestellt werden muss. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Staatengemeinschaft hat sich 1992 in Rio mit der Biodiversitätskonvention zum Erhalt der Lebensvielfalt bekannt. Sie hat den Tieren und Pflanzen ein verbürgtes Recht auf Existenz und Überleben zugestanden. Damit gehört der Artenschutz zu einer globalen Vereinbarung wie der Klimaschutz.

Produkt dieser Übereinkunft ist die EU-Zoorichtlinie aus dem Jahr 1999, in der die Zoos dazu verpflichtet wurden, durch ihre Arbeit und mit ihren Tieren einen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität zu leisten. Damit wurden die Aufgaben der Zoos und die Ziele ihrer Tierhaltungen definiert und rechtlich bindend festgelegt: Zoos müssen über Biodiversität aufklären. Zoos müssen Forschung an ihren Tieren durchführen und fördern. Jedes Tier muss registriert sein mit seinem gesamten Stammbaum, soweit er sich zurückverfolgen lässt. Jeder Zoo muss seine Tiere als Teil einer Gesamt-Population begreifen, deren Bestand und genetische Vielfalt europaweit koordiniert wird.

Populationsschutz in begrenzten Lebensräumen – egal ob in Nationalparks oder Zoos – bedeutet sorgfältiges Management. Gut gesteuerte Populationen brauchen einen Überschuss an zuchtfähigen, jungen Tieren. Weil diese Populationen in räumlich begrenzten Schutzräumen leben, wird die Tierdichte aufgrund des gewährten Schutzes und der fehlenden Abwanderungsmöglichkeiten zwingend irgendwann zu groß. Kann man überzählige Tiere nicht mehr sinnvoll umsiedeln, müssen Tiere für die Stabilität und das Überleben der Population getötet werden.

Das Töten von Tieren ist ein unverzichtbares Werkzeug im Artenschutz

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Das Töten von Tieren ist eine schwer vermittelbare Maßnahme, aber ein unverzichtbares Werkzeug im Artenschutz, egal ob in Zoos oder in den Nationalparks der USA und Südafrikas. Je erfolgreicher Schutz- und Zuchtprogramme sind, umso stärker werden die Verantwortlichen in der öffentlichen Wahrnehmung von der Rolle des warmherzigen Retters in die des analytischen Wissenschaftlers gedrängt, der Abschussquoten begründet.

Parallel zu dem globalen Bekenntnis zum Artenschutz wurde in Europa ein Konsens gefunden, dass Tiere keinem systematischen Leiden ausgesetzt werden dürfen. Dieser Konsens hat seinen Niederschlag auch im deutschen Tierschutzgesetz gefunden.

Tierschutz ist unteilbar wie Menschenrechte. Das heißt aber nicht, dass von Wurm bis Wal alle gleich zu behandeln sind

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Tierschutz ist unteilbar wie die Menschenrechte. Er gilt unabhängig von Artzugehörigkeit, Domestikationsgrad und Bedrohungsstatus für alle Tiere gleich. Das bedeutet nicht, dass alle Tiere vom Wurm bis zum Wal gleich behandelt werden müssen. Es bedeutet, dass für alle Tiere die gleichen Kriterien zur Bewertung ihrer Lebensqualität gelten: ihre Leidensfähigkeit und Empfindsamkeit. Ob eine Heuschrecke Schmerz empfindet und diesen erinnert, wenn man ihr ein Bein ausreißt, entscheidet darüber, ob man ihr straffrei ein Bein ausreißen darf oder nicht. 

Tiergehege müssen den unterschiedlichen Bedürfnissen der jeweiligen Tierart gerecht werden. Was dem Löwen ein großes Gehege sein mag, stellt unter Umständen für den Tiger eine unzumutbare Enge dar. Was für einen Löwen gut ist, kann für einen Tiger eine tierschutzwidrige Haltung darstellen. Das ist der Ansatz des pathozentrischen Tierschutzes: aus der Erlebniswelt des einzelnen Tieres seine Lebensqualität betrachten und bewerten und daraus gute Haltungssysteme entwickeln. 

Tierschutzforschung versucht die art- und situationsabhängigen Bedürfnisse, die Verhalten und Wohlbefinden von Tieren steuern, zu ergründen. Wann sind Hunger, Revierabgrenzung, Angst, Neugierde, Spiel oder genetische Programme ursächlich für welches Verhalten?

Beobachtungen von Tieren im Freiland zeigen das Selbstverständliche: überall gibt es Gewinner und Verlierer. Manchen geht es gut, manchen geht es schlecht, manche werden getötet, manche aus der Gruppe vertrieben, viele haben Stress, einige haben Erfolg. Die mittleren Lebenserwartungen der Tiere einer Art schwanken extrem, je nachdem ob sie in einem optimalen oder suboptimalen Lebensraum ihr Territorium gefunden haben. Die mittlere Lebenserwartung Großer Tümmler liegt in Sarasota Bay bei 17 Jahren, im Wild Mississippi Sound bei 9 Jahren und in Europäischen Delphinarien bei 24 Jahren. Das biologische Höchstalter dieser Delphinart ist dabei in allen drei genannten Lebensräumen mit 50-60 Jahren ungefähr gleich hoch und wird überall selten erreicht.

Im statistischen Mittel überleben in allen sich sexuell vermehrenden Tierarten immer nur zwei reproduktive Jungtiere eines Muttertiers. Für alle darüber hinaus produzierten Nachkommen bedeutet das Leben in der Freiheit statistisch ein vorzeitiges Ableben ohne den Erfolg der Fortpflanzung. Dies ist erforderlich für das Aufrechterhalten des ökologischen Gleichgewichts und des Nahrungskreislaufs und ist der Motor der Evolution.

Tatsächlich bietet Natur nicht viele Freiräume, vor allem nicht sehr viele Wahlmöglichkeiten bei der Erfüllung individueller Bedürfnisse. In welchem Maße die Einschränkung der Bewegungs- und Wahlfreiheit in Zoos durch einen Zugewinn an territorialer und sozialer Sicherheit und menschliche Fürsorge kompensiert werden kann, hängt von vielen Faktoren ab und muss in jedem Einzelfall bewertet werden.

Der Gesetzgeber hat die komplexen Aufgaben für Zoos einfach formuliert: Artenschutz muss von Zoos geleistet und darf nur mit tierschutzkonformen Tierhaltungen betrieben werden. Artenschutz und Tierschutz sind in Deutschland gleichwertige Staatsziele. Diese komplexe Herausforderung haben die Zoos schon vor vielen Jahren angenommen.

 

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.