Welche Rechte brauchen Tiere? Tierschutz ist menschlich

Bild von Alexander Ecker
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Universität Tübingen

Expertise:

Alexander Ecker ist Postdoc am MPI für biologische Kybernetik in Tübingen. In seiner Forschungsarbeit setzt sich der Neurobiologe mit der Frage auseinander, wie Neuronen-Populationen interagieren, um visuelle Informationen zu verarbeiten.

Der Tierschutz ergibt sich nicht aus Rechten, die ihnen zustehen, sondern aus der menschlichen Reflexion des eigenen Handelns. Und der ethischen Verantwortung, die dadurch entsteht.

Menschenrechte für Menschenaffen fordert das "Great Ape Project". Für einen Großteil der Tierrechtsbewegung, die hinter dieser Forderung steht, ist dies jedoch nur die Spitze des Eisberges: Sie fordert Grundrechte für Tiere im Allgemeinen. Der Grundgedanke ist, viele Tiere seien fühlende, schmerzempfindliche Wesen. Sie hätten daher ein Grundrecht z.B. auf körperliche Unversehrtheit und Leben. Ihre Nutzung sei ethisch nicht vertretbar.

Eine Forderung nach Grundrechten für Tiere im Allgemeinen ist unrealistisch.

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Nahezu jeder nutzt Tiere – ob bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt. Weit über 90% verzehren Tiere oder tierische Produkte. Tatsache ist auch: Jeder, der eine medizinische Behandlung in Anspruch nimmt, nutzt Grundlagenwissen über biologische Prozesse sowie Medikamente und Behandlungsmethoden, die es ohne Tierversuche nicht gäbe. Selbst wer vegan lebt, jegliche medizinische Behandlung ablehnt und auf andere Nutzung von Tieren verzichtet (Haustiere, Unterhaltung, Sport), kann Tieren kaum das Recht auf körperliche Unversehrtheit gewähren – bereits dem Pflügen oder Ernten eines größeren Ackers fallen eine Menge Tiere zum Opfe

Jede medizinische Behandlung stützt sich auf Grundlagenwissen, das durch Tierversuche gewonnen wird

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Die Forderung von Tierrechten ist zudem schwer zu begründen. Menschenrechte sind menschliche Vereinbarungen, mit denen wir unser Zusammenleben regeln. Indem wir anderen beispielsweise das Recht auf körperliche Unversehrtheit zugestehen, können wir uns darauf verlassen, dieses Recht ebenfalls zu haben. Mit den eigenen Rechten ist die Pflicht verknüpft, die der anderen zu respektieren – es gilt das Prinzip der Gegenseitigkeit.

Nach derzeitigem Wissensstand ist kein Tier in der Lage, Rechte oder Pflichten anderer zu respektieren

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In der Natur gibt es dieses Prinzip aber nicht: Kein Tier ist nach unserem derzeitigen Wissensstand in der Lage, die Rechte anderer zu respektieren. Wären Schimpansen also Teil der moralischen Gemeinschaft und hätten Grundrechte, müssten wir ihre Rangkämpfe unterbinden, da sie die Grundrechte des Unterlegenen verletzen würden. Dazu kommt: Die physischen und psychischen Eigenschaften, die zur Begründung von Rechten bei Menschenaffen angeführt werden, sind auch bei anderen Tierarten in gewissem Grade vorhanden. Aus biologischer Sicht gibt es keine Grenze, die eine Unterscheidung zwischen Tieren mit bestimmten Rechten und solchen ohne erlaubt – es handelt sich um ein Kontinuum. Folglich müssten wir nicht nur Schimpansen, sondern beispielsweise auch Mäuse als Teil der moralischen Gemeinschaft betrachten und sie vor ihren natürlichen Fressfeinden schützen. 

Keine Tierrechte zu haben heißt noch lang nicht keinen Tierschutz zu haben

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Wenn Tiere keine Rechte haben, heißt das, wir können mit ihnen tun und lassen, was wir wollen? Selbstverständlich nicht! Im Gegenteil: Tierschutz ist für uns Menschen eine ethische Verpflichtung, die sich daraus ableitet, dass wir unser Handeln reflektieren können. Er begründet sich jedoch nicht auf Tierrechte. Dies hat auch der Gesetzgeber erkannt: Das Grundgesetz schützt "die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere" und Deutschland verfügt über ein Tierschutzgesetz.

Tierschutz ergibt sich aus der menschlichen Reflexion des eigenen Handelns. Nicht aus Tierrechten

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Aus der ethischen Verpflichtung zum Tierschutz folgt, dass wir – wo auch immer wir Tiere nutzen – unnötige Schäden oder Leid vermeiden und Tiere als Mitgeschöpfe respektvoll und bestmöglich behandeln. Tierrechtler halten dagegen, unsere Gesellschaft käme dieser Verantwortung nicht nach. Ein Thema, das dabei gerne ins Feld geführt wird, sind Tierversuche. Unterlegt mit schaurigen Bildern, die den angeblich grausamen Alltag der Tiere dokumentieren sollen, wird behauptet, in Forschungslaboren würden täglich Millionen von Tieren vollkommen sinnlos gequält.

Diese Behauptung ist Blödsinn: Warum sollten tausende WissenschafterInnen, Menschen wie Du und Ich, die Familien und Kinder haben, aus reiner Willkür ihre Mitgeschöpfe quälen? Doch diese Frage stellt kaum jemand. Tierversuche sind kein Thema, das man gerne bei einer Party erwähnt. Zudem gehen die wenigsten Universitäten und Forschungseinrichtungen offen damit um. Nur allzu oft verstecken wir Wissenschaftler uns in unserem vielzitierten Elfenbeinturm, anstatt der Bevölkerung zu erklären, was wir tun und warum wir es tun. Und warum es wichtig, ja sogar notwendig ist. Das müssen wir ändern, denn sonst können wir niemandem vorwerfen, Fehlinformationen für bare Münze zu nehmen.

Aus meiner eigenen Arbeit in der biomedizinischen Forschung kenne ich die Situation in mehreren Forschungseinrichtungen sehr gut. Die Regel ist dort, dass es den Tieren gut geht. Alle Beteiligten gehen fürsorglich und respektvoll mit ihnen um, und es wird viel getan, gute Haltungsbedingungen sicherzustellen und Belastungen zu minimieren. Die Berichte von Tierrechtsorganisationen zeigen ein Zerrbild, indem Fakten aus dem Kontext gerissen, seltene medizinische Extremsituationen als Normalfall dargestellt und Maßnahmen zum Tierschutz unter den Teppich gekehrt werden.

Tierversuche gehören in Deutschland zu den am strengsten regulierten Bereichen der Tiernutzung

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In der Wissenschaft wird seit vielen Jahren zwischen dem Wert des Tierwohls und dem Nutzen für den Menschen abgewogen. Sie ist in dieser Hinsicht der in Deutschland wohl am strengsten regulierte Bereich. Jeder Tierversuch muss von einer unabhängigen Kommission genehmigt werden, Tiere dürfen nur verwendet werden, wenn keine Alternativmethoden existieren und es muss immer die niedrigstmögliche Tierart zum Einsatz kommen. Zudem ist das Prinzip der 3R (Replace, Reduce, Refine; zu deutsch: Vermeiden, Verringern, Verbessern) fester Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis.  

Im Wissenschaftsbetrieb verfügen wir in Deutschland aktuell über einen ausgezeichneten Tierschutz

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Das Beispiel der Wissenschaft zeigt: Wir verfügen in Deutschland aktuell über einen ausgezeichneten gesetzlichen Rahmen für funktionierenden Tierschutz, der keiner fundamentalen Neugestaltung bedarf. Der Umgang mit Menschenaffen unterstreicht das. Aufgrund ihrer evolutionären Nähe zum Menschen und ihrer besonders ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten sind wir als Gesellschaft zu dem Schluss gekommen, dass sie besonders schutzwürdig sind. Invasive Forschung mit Menschenaffen wurde daher in Deutschland vor vielen Jahren beendet. Zudem wurden die Haltungsbedingungen in den meisten Zoos deutlich verbessert. Ob sie schon überall angemessen sind, ist eine Frage, die man stellen darf. Ebenso sollten wir uns fragen, ob wir nicht anderen, ähnlich intelligenten Arten wie z.B. Rabenvögeln oder Delphinen ebenso eine hohe Schutzwürdigkeit zugestehen sollten, und was die Kriterien dafür wären.

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