Welche Rechte brauchen Tiere? Tierrechte ja, aber...

Bild von Martin Huth
Wissenschaftlicher Mitarbeiter (Postdoc) Messerli Forschungsinstitut

Expertise:

Dr. Martin Huth ist Senior Scientist am Messerli Forschungsinstitut der Universität Wien, der Veterinärmedizinischen Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien. Der Philosoph und Historiker promovierte 2007 zu Medizinethik mit der Dissertation „Den Anderen behandeln und betreuen. Phänomenologische Ansätze für Grundfragen der Medizin“, die 2011 im Verlag Alber erschienen ist. Zu seinen Schwerpunkten zählen vor allem Medizin- und Tierethik.

Tierliebhaber sind nicht selten auch Schnitzelliebhaber. Die moralischen Inkonsequenzen im Mensch-Tier-Verhältnis müssen diskutiert, aber nicht in Gesetzform gegossen werden.

Die Debatte um den Umgang mit Tieren erweist sich in den letzten Jahren als veritabler Kampfplatz. Das Unbehagen angesichts der – trotz jahrzehntelanger Kritik – immer noch verbreiteten Praktiken industrieller Tierhaltung ist nur ein kleiner Ausschnitt eines breiten Diskurses, in dem sich eine kollektive Unsicherheit hinsichtlich unserer moralischen Bringschuld gegenüber Tieren auszudrücken scheint.

Die mediale Präsenz ist frappierend. Wer eine Boulevardzeitung aufschlägt, findet den in der U-Bahnstation misshandelten Hund fast genauso aufgemacht wie Berichte über Bombenattentate oder die Flüchtlings„krise“. Wer sich Menschlichkeit bescheinigen lassen will, kümmert sich um das Anliegen der Tiere, die zu prototypischen Figuren vulnerabler, schutzbedürftiger Wesen avanciert sind.

Tiere sind medial zu prototypischen Figuren schutzbedürftiger Wesen avanciert

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Zugleich wollen wir uns aber weder haarklein vorschreiben lassen, was wir essen dürfen, noch, wie wir mit unseren tierlichen Familienmitgliedern umgehen sollen. Besonders augenfällig wird dies anhand medial von „Skandalen“ wie jenem der Giraffe Marius im Kopenhagener Zoo 2014. Das aus Platzgründen eingeschläferte Jungtier wurde an Löwen verfüttert. Ein regelrechter Aufschrei war die Folge, Onlinepetitionen mit zigtausend Unterzeichnern forderten die Schließung des Zoos, das Management sah sich mit Morddrohungen im Namen des Lebens der Giraffe konfrontiert.

Es ist moralisch und logisch inkonsistent sich über an Löwen verfütterte Giraffen zu echauffieren, aber Kälber zu essen

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Nun fragt sich, was hinter einem solchen kollektiven Affekt steckt. Ist anzunehmen, dass hier zigtausend Menschen nicht bemerkt haben, dass Löwen und die meisten Menschen auch sonst nicht rein pflanzlich ernährt werden, nur eben andere, weniger „elegante“ Tiere verspeisen? Unterliegen wir einer kollektiven Schizophrenie, durch die wir uns für Giraffen, denen wir Namen geben und ihnen eine Identität zu schreiben, einsetzen und Kälber essen, die allenfalls Nummern haben bzw. sind? Ist es nicht, wie die US-amerikanische Psychologin Melanie Joy suggeriert, eine inakzeptable moralische und auch rational-logische Inkonsistenz, dass wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen – noch dazu, wo wir doch wissen, wie sehr sie einander hinsichtlich ihrer Intelligenz ähneln?

Ist nun die Einführung von unverbrüchlichen Tierrechten (etwa auf die Unversehrtheit von Leib und Leben) ein probates Mittel, um der Ungleichbehandlung der Tiere ein Ende zu machen? Wäre damit der Verunsicherung und den Konflikten ein jähes und für die Tiere gedeihliches Ende gesetzt?

Moralische Fragen zum Umgang mit Tieren spalten Gesellschaften - und Individuen

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Moralische Probleme drängen sich auf. Es gibt Unbehagen hinsichtlich unseres Umgangs mit Tieren, ob wir wollen oder nicht, und es gibt unterschiedliche Anschauungen. Die Gesellschaft scheint gespalten, zum Teil scheinen die Individuen gespalten – eben jene Tier- und Schnitzelliebhaber in Personalunion. Dies liegt wohl daran, dass unsere Lebenswelt, der Boden und Horizont unserer Praktiken und Gewohnheiten, sich beständig im Fluss befindet und sich dadurch neue Perspektiven und damit moralische Fragen überhaupt öffnen.

Der status quo unseres Umgangs mit Tieren ist jedoch die Konsequenz früherer, komplexer Wertauffassungen und gesellschaftlicher Entscheidungen, wie wir das Wohl uns naher oder auch ferner Tiere, Forschung, Nahrungsgewohnheiten und vieles mehr in Abwägung bringen. Gefallene Entscheidungen und eingelernte Gewohnheiten geraten mit mehr oder minder neuen Wertauffassungen in Konflikt. Damit ergibt sich gleichsam automatisch eine Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem zwischen und auch in den Individuen, die als schizophren abzutun allzu einfach und bisweilen moralinsauer erscheint.

Rechtslage und gesellschaftlicher common sense sind sich nicht immer einig

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Recht lässt sich als geronnene Form gesellschaftlicher Anschauungen lesen, aber natürlich auch als Ausfluss von Machtentscheidungen, zumal es in pluralistischen Gesellschaften selten Einstimmigkeit gibt. Nicht jede Rechtslage spiegelt einen gesellschaftlichen common sense wieder, auch nicht in Demokratien.

Tierliche Bedürfnisse sind ständig in Konkurrenz mit menschlichen

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Die Auswirkungen unverbrüchlicher Tierrechte würden sich nicht nur auf verordneten Tierschutz beschränken. Tierrechtsbewegungen haben allerdings einen bestimmten, exklusiven Fokus. Suggeriert wird häufig, dass uns das Tier „an sich“ schon sagt, was wir ihm als moralisch verantwortliche Individuen oder Gesellschaft schuldig seien…wir wissen immer besser um Leidensfähigkeit, rationale Fähigkeiten, natürliche Verhaltensweisen usw und müssten dies nur noch in Recht gießen. Und vielleicht ist ohne jegliche rechtliche Einbettung tierlicher Bedürfnisse dem tatsächlich sehr schwer zu entsprechen (und Tiere spielen mittlerweile rechtlich durchaus eine Rolle).

Klare Gesetzgebung zu Tierrechten könnte das komplexe Mensch-Tier-Verhältnis problematisch vereindeutigen

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Doch haben wir es niemals mit Tieren per se zu tun. Das Mensch-Tier-Verhältnis ist derartig divers, zum Teil auch derartig symbolisch aufgeladen, dass eine klare Gesetzgebung sich als problematische und unpraktikable Vereindeutigung herausstellen könnte. Darüber hinaus sind tierliche Bedürfnisse ja beständig in Konkurrenz mit menschlichen Bedürfnissen, mit Fragen der Umweltethik, mit Fragen selbst des Artenschutzes, zumal Arterhaltung und individuelles Wohl miteinander in Konflikt geraten können.

Sensibilität gegenüber Tieren wird nicht durch aufoktroyierte Gesetze geschaffen

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Bei der Mensch-Tier-Beziehung (ebenso wie bei zwischenmenschlichen Beziehung) handelt es sich um Prozesse, die nicht gänzlich in rechtliche Rahmenregelungen gegossen werden können. Vieles spielt sich auf einer subjuridischen Ebene ab, die Praktiken der Tierhaltung erschöpfen sich keinesfalls in Rechtsbefolgung. Rechte, vor allem wenn sie einem Teil der Gesellschaft als aufoktroyiert erscheinen, erzeugen per se kein Interesse an bzw. Sensibilität gegenüber den Tieren. Gerade auf dieser subjuridischen Ebene manifestiert sich ein Ethos, kollektive moralische Gewohnheiten, die nicht im eigentlichen Sinne einklagbar sind.

Ethos und kollektive, moralische Gewohnheiten sind nicht im eigentlichen Sinne einklagbar

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Als Beispiel zur Verdeutlichung mag die Schweiz dienen, wo die „Würde der Kreatur“ seit 2005 in der Verfassung zu finden ist. Nähme man die Rede von Würde als radikales Instrumentalisierungsverbot im Sinne Kants oder der UNO-Deklarationen ernst, wäre es womöglich vorbei mit Tierhaltung, auch der Heimtierhaltung, jedenfalls aber mit jeglicher Tiertötung. Da dies dem gesellschaftlichen common sense zu sehr widerspräche, ist mit dem Passus in der Verfassung selbst eher eine Schärfung der Debatte (immerhin!) als eine Lösung aller Fragen geschafft worden.

Die Antwort auf die Frage, ob wir mehr und weitergehende Tierrechte brauchen, lässt sich also nicht mit einem klaren Ja (oder Nein) beantworten, wenn man in Betracht zieht, dass damit nur ein Rahmen moralisch relevanter Praktiken gezogen wird, deren Veränderung man nicht einfach verordnen kann.

 

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