Welche Rechte haben Tiere? Menschenaffen brauchen personelle Grundrechte

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Psychologe, Aktivist, Beiratsmitglied Giordano Bruno Stiftung

Expertise:

Colin Goldner ist Mitgründer des Great Ape Project, das Grundrechte für Menschenaffen fordert. Der Experte für Tierrechte und Tierethik ist im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung.

Tiere werden vor dem Gesetz noch immer als Ware gesehen. Das muss sich ändern. Ein erster Ansatzpunkt sind Grundrechte für Menschenaffen.

Entgegen allem Anschein geht es dem deutschen Tierschutzgesetz nicht primär um einen Schutz der Tiere. Gemäß § 1 TierSchG darf „niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen“. Da allerdings ökonomische Gründe allemal als „vernünftig“ gelten, können Tiere, sofern dies wirtschaftlichem Interesse dient, in jeder nur denkbaren Weise gequält und letztlich auch getötet werden.

Das gleiche gilt bei wissenschaftlichem, sportivem oder sonstigem Hobby- oder Freizeitinteresse: Tiernutzung ist selbst dann erlaubt, wenn dem Tier dabei Schmerzen zugefügt werden, wenn es leidet, 
Schaden nimmt oder gar zu Tode kommt.

Dem Tier kommt allenfalls der Rechtsschutz einer Ware zu

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Auch wenn im Jahre 1990 durch das sogenannte „Gesetz zur Verbesserung der Rechtsstellung des Tieres im bürgerlichen Recht“ ein Zusatzparagraph in das Bürgerliche Gesetzbuch aufgenommen wurde, der aussagt, dass Tiere keine Sachen mehr sind, die sie bis dahin rechtlich waren, sagt der gleiche Paragraph, dass sie weiterhin rechtlich wie Sachen zu behandeln seien. Nach wie vor kann man ein Tier genauso kaufen oder verkaufen wie ein Fahrrad oder ein Auto.

Bei besagtem Zusatzparagraphen handelt es sich um eine dem Zeitgeist geschuldete Deklamation, eine Phrase ohne rechtlichen Inhalt. De facto gelten Tiere vor dem Gesetz nach wie vor als Sachen. Auch die Aufnahme von Tierschutz als Staatsziel in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland im August 2002 hat, obwohl als Meilenstein gerühmt, für die Tiere nicht das Mindeste geändert oder gebessert. 

Eine der Initiativen, Tieren bestimmte Grundrechte zuzuerkennen, über die sie aus dem gegenwärtigen Rechtsstatus als „Sachen“ herausgelöst würden, ist das „Great Ape Project“, das, begründet Anfang der 1990er von den Philosophen Paola Cavalieri und Peter Singer, von der im deutschsprachigem Raum aktiven Giordano Bruno-Stiftung - ein Zusammenschluß von Philosophen, Wissenschaftlern und Künstlern im Geiste des evolutionären Humanismus - vorangetrieben wird.

Kognitiv, emotional, sozial und kommunikativ unterscheiden sich Menschen und Menschenaffen allenfalls graduell

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Das Great Ape Project setzt sich für personale Grundrechte Großer Menschenaffen, also von Orang Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos, ein: das Recht auf Leben, auf individuelle Freiheit sowie aus körperliche und psychische Unversehrtheit, wodurch praktisch alle Bereiche erfasst sind, in denen Menschenaffen von Menschen beeinträchtigt werden: Jagd, Wildfang, Zirkus, Zoo, Tierversuche und Vernichtung ihrer Lebensräume. Angesichts der großen Ähnlichkeit zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Primaten in sämtlichen entscheidenden Parametern – mit Blick auf ihre kognitiven, emotionalen, sozialen und kommunikativen Fähigkeiten unterscheiden sie sich allenfalls graduell voneinander - gibt es keinen plausiblen Grund, letzteren Grundrechte vorzuenthalten, die erstere ganz selbstverständlich haben. Wer den Menschenaffen solche Rechte vorenthalten will, muß, ethisch wie auch juristisch, begründen, weshalb er das tut. 

Menschenaffen brauchen das Recht auf Leben, auf individuelle Freiheit, auf körperliche und psychische Unversehrtheit.

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Ohne Zuhilfenahme religiöser Konstrukte ist das kaum möglich. Zuerkannte Rechte haben anderes Gewicht als Schutzansprüche, die nach Gutdünken gewährt oder auch nicht gewährt werden können. Rechte können eingeklagt werden,  im Falle der Großen Menschenaffen, ähnlich wie bei nicht-rechtsmündigen Menschen, von einem für sie tätigen Anwalt oder Sachwalter. 

Bei den Forderungen des Great Ape Project, den Großen Menschenaffen bestimmte Grundrechte zuzuerkennen, handelt es sich um einen pragmatischen - oder wenn man so will: strategischen - ersten Schritt: irgendwo muß man schließlich anfangen. Zudem, und das ist das Entscheidende, stellen die Großen Menschenaffen den Dreh- und Angelpunkt des Verhältnisses Mensch-Natur dar, sie definieren wie nichts und niemand sonst die sakrosankte Grenzlinie zwischen Mensch und Tier: sind sie festgeschrieben „auf der anderen Seite“, wie alle anderen Tiere mit ihnen. Würde die Grenze an einer Stelle durchlässig, am naheliegendsten natürlich anhand jener Tiere, die dem Menschen am nächsten stehen, könnte das eine Art „Türöffner“ sein, der letztlich allen Tieren zugute käme. Es könnte ein erster Schritt sein hin zu einem grundsätzlichen Wandel des gesellschaftlichen Konsenses über das Verhältnis Mensch-Tier. 

Die sakrosankte Grenzlinie zwischen Mensch und Tier muss durchlässig werden

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Das Great Ape Project hat Anfang 2014 eine Initiative auf den Weg brachte, besagte „Grundrechte für die Großen Menschenaffen“ in der Verfassung zu verankern. In einer parlamentarischen Petition wurde der Bundestag aufgefordert, die Großen Menschenaffen als Rechtspersonen anzuerkennen. Hierzu solle Artikel 20a des Grundgesetzes – ebenjener Artikel, in dem 2002 Tierschutz als Staatsziel verankert wurde - entsprechend erweitert werden. Erwartungsgemäß wurde die Petition ein Jahr später abgelehnt. Gleichwohl hat sich der Aufwand gelohnt: das Anliegen des Great Ape Project zeitigte enorme Resonanz in den Medien und weithin positives Feedback. Es scheint sich insofern ein Paradigmenwechsel abzuzeichnen: die Zahl der Menschen, die die Haltung nicht-menschlicher Primaten in Pharmalaboren und in Zoos nicht nur ablehnen, sondern sich aktiv dagegen engagieren, steigt stetig an. Und selbst auf Behördenebene tut sich etwas: Ende Oktober 2015 wurde verfügt, dass ROBBY, der letzte Zirkusschimpanse Deutschlands, Ende des Jahres an eine auf die Resozialisierung fehlgeprägter Menschenaffen spezialisierte Einrichtung in Holland abgegeben werden muss. Für 2016 ist ein neuer parlamentarischer Anlauf zur Implementierung von „Grundrechten für Große Menschenaffen“ ins Grundgesetz geplant. 

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