Welche Rechte brauchen Tiere? Gerechtigkeit für Tiere

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Herausgeberin des Buches "Tierethik", Postdoc Otto-Suhr-Institut der FU Berlin

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Friederike Schmitz ist Herausgeberin des Buches "Tierethik"

Jedes Tier ist ein eigenes Individuum mit einer eigenen Lebenswelt. Das institutionelle und systematische Töten dieser Tiere ist falsch. Es bedarf einer Befreiung von Tieren von menschlicher Gewalt.

Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der bestritten hätte, dass Tiere wie Schweine, Tiger, Hühner oder Mäuse Empfindungen haben. Was bedeutet das? Alle diese Tiere sind nicht bloß Gegenstände in der Welt. Jedes einzelne von ihnen ist sein eigenes Zentrum der Welt. Sie alle haben ihre eigene Perspektive, ihre eigenen Wahrnehmungen und Gefühlszustände. Für sie alle kann das Leben besser oder schlechter verlaufen. Sie können leiden und sich freuen. Ihr Tod bedeutet das Ende ihrer Welt. 

Jedes Tier hat seine eigene Perspektive, seine eigene Wahrnehmung. Sein Tod ist das Ende seiner Welt

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Die meisten Menschen stimmen auch zu, dass wir mit Tieren nicht beliebig umspringen dürfen. Dass es zum Beispiel nicht okay ist, aus Spaß Hunden in den Magen zu treten oder Mäuse zu überfahren. Das ist eine ethische Position und drückt aus, dass wir das Wohlergehen und das Leben der Tiere wichtig nehmen. Wir erkennen an, dass viele Tiere verletzliche, empfindsame Individuen sind und unsere Rücksicht verdienen. 

Vor diesem Hintergrund ist die Realität dessen, wie in unserer Gesellschaft mit Tieren tatsächlich umgegangen wird, kaum zu verstehen. Entsprechend groß ist das Ausmaß an Beschönigung auf der einen und Verdrängung auf der anderen Seite, das immer wieder verhindert, dass die brutale Gewalt gegen Tiere offen diskutiert wird. 

Schwänze abschneiden, Schnabel kürzen, Hörner ausbrennen - ist das etwa keine Gewalt?

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Schon diese Bezeichnung – Gewalt – wird vielen unangemessen erscheinen. Aber erfährt ein Tier, dem der Schwanz abgeschnitten, der Schnabel gekürzt oder die Hörner ausgebrannt werden, etwa keine Gewalt? Ist es keine Gewalt, Mäuse in Käfige zu sperren und sie mit Krankheiten zu infizieren, oder Affen die Köpfe festzuschrauben? Ist es keine Gewalt, Tiger in Lastwagen zu transportieren, weil sie Kunststücke aufführen oder sich im Namen des Artenschutzes mit bestimmten anderen Tigern fortpflanzen sollen?

Eine offene Diskussion beginnt mit einer unverzerrten Darstellung der Realität. Die Agrarlobby lügt, wenn sie behauptet, den Tieren in den Zuchteinrichtungen und Ställen gehe es gut. Die Schweine in den Mastanlagen, auf ein paar Metern Beton über ihrem eigenen Kot, führen ein elendes Leben. Die Milchkühe trauern um ihre Kälber, die Legehennen leiden in den beengten Ställen mit viel zu vielen Artgenossen. Aber auch die Tierschutzvereine und Umweltverbände lügen, wenn sie behaupten, ein paar Quadratmeter mehr und etwas Stroh würden den Nutztieren ein artgerechtes Leben ermöglichen. 

Eine unverzerrte Sicht der Realität bedeutet auch, offen darüber zu sprechen, dass Tiere in gigantischer Zahl zugunsten menschlicher Ziele umgebracht werden: sie werden erschlagen, erschossen, aufgeschlitzt, geköpft oder totgespritzt – Millionen über Millionen je einzelner, fühlender Individuen, die nicht sterben wollten. 

Wenn wir nun darüber diskutieren wollen, ob all diese Praktiken legitim sind oder nicht, dann müssen wir die Rechtfertigungsfrage stellen. Genau diese wird von den Lobbyverbänden gerne vermieden. Sie reden lieber über den Markt, über die Verbraucher, über die Politik, über vermeintliche wirtschaftliche oder medizinische Notwendigkeiten. 

Die eigentliche Frage lautet aber: Warum sollte es okay sein, Tieren all diese Gewalt zuzufügen – besonders wenn wir daran denken, dass wir einen entsprechenden Umgang mit Menschen strikt ablehnen, ja verabscheuen? Was an Tieren ist es, das es uns erlaubt, sie unter Missachtung ihrer eigenen Bedürfnisse zu unseren Zwecken zu gebrauchen, sie zu Opfern unserer Ziele zu machen?

Tiere sind keine Menschen reicht nicht als Rechtfertigung für Gewalt

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Zu sagen, dass Tiere keine Menschen sind, reicht als Rechtfertigung nicht hin, genauso wenig, wie es zur Rechtfertigung ungleicher Bezahlung hinreicht zu sagen, dass Frauen keine Männer sind. Zu sagen, Tiere hätten keine Vernunft oder könnten selbst nicht moralisch handeln, reicht auch nicht hin. Erstens ist unklar, warum z. B. fehlende Vernunft Gewalt rechtfertigen sollte. Zweitens gibt es auch viele Menschen, denen solche Eigenschaften fehlen, allen voran Säuglinge. Natürlich ist das kein Grund, ihnen für unsere Zwecke Leid zuzufügen. 

Fehlende Vernunftbegabung reicht nicht als Rechtfertigung

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Zu sagen, dass der Verzicht auf Gewalt gegen Tiere unmöglich sei, ist auch nicht überzeugend. Wir können uns hier und heute gesund und lecker ohne Tierprodukte ernähren. Auch eine ökologische Landwirtschaft ohne Tierhaltung ist möglich. Wir können auch medizinische Forschung betreiben und Krankheiten behandeln, ohne Tierversuche zu machen. Und mit Sicherheit können wir uns die Freizeit vertreiben, ohne gefangenen und dressierten Tieren zuzusehen.

Es ist möglich, auf zentrale Formen der Gewalt gegen Tiere – wie Nutztierhaltung oder Tierversuche – zu verzichten.

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Meine Forderung ist nicht, dass Menschen und Tiere in jeder Situation gleich behandelt werden sollten. Das ist weder sinnvoll noch praktisch möglich. Meine Forderung ist stattdessen, dass wir die institutionalisierte und systematische Gewalt gegen Tiere beenden. Dafür ist es nötig, dass Tiere nicht mehr als Eigentum kategorisiert und zum Zwecke von Nahrungsmittelproduktion, Forschung oder Unterhaltung gehalten werden. 

Es geht nicht um Gleichbehandlung von Mensch und Tier. Sondern um ein Ende der institutionellen Gewalt gegen Tiere

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Man kann diese Forderung mithilfe des Begriffs der Tierrechte formulieren und sagen, dass Tiere ein Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit haben. Ich rede statt von Tierrechten lieber von einer Befreiung der Tiere aus menschlicher Ausbeutung oder von Gerechtigkeit. So vermeidet man Kontroversen um den Rechtsbegriff, die oft von den sachlichen Fragen – sollten wir Tiere töten und essen, z. B. – ablenken. Außerdem legt die Idee von Tierrechten nahe, dass es Aufgabe des Staates sei, etwas für Tiere zu tun, nämlich ihre Rechte einzuführen und durchzusetzen. 

Wir sollten die institutionalisierte Gewalt gegen Tiere beenden, also Nutztierhaltung und Tierversuche abschaffen. 

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Es ist aber stattdessen die Aufgabe von uns allen. In der gegebenen Situation steht der Staat im Allgemeinen auf der Seite der Ausbeuter der Tiere: er stützt sie finanziell, er vertritt und verteidigt sie. Es ist an uns, für eine andere Realität zu kämpfen. Wenn wir die systematische Gewalt gegen fühlende Lebewesen nicht länger hinnehmen wollen, dann sollten wir erstens sofort aufhören, uns durch unseren Konsum daran zu beteiligen. Zweitens sollten wir uns aktiv für mehr Gerechtigkeit für Tiere einsetzen. Wir alle haben eine Vielzahl an Möglichkeiten, uns zu engagieren. Tun wir es!

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