Welche Rechte brauchen Tiere? Die Diskussion einer übersättigten Gesellschaft

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Rechtsanwalt, Autor des Buches "Tiere essen dürfen"

Expertise:

Dr. Florian Asche ist Rechtsanwalt und Autor des Buches "Tiere Essen Dürfen - Ethik für Fleischfresser".

Rechtsphilosophisch schwierig, rechtspraktisch unmöglich: Tierrechtsforderungen gehören zu einer Wohlstandsdiskussion, die wirklichen Problemen der Menschheit die Aufmerksamkeit raubt.

Schließt sofort die Grenzen für Flüchtlinge! Als Tierrechts-Funktionär wäre das wahrscheinlich meine wichtigste politische Forderung. Der große Zustrom junger Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten verschiebt nämlich gerade die öffentliche Diskussion über Luxusthemen auf den Bereich der grundlegenden, praktischen Mitmenschlichkeit.

Während Deutschland früher über Klimaschutz, Mülltrennung und Frauenquote diskutierte, da blicken wir heute in die erwartungsvollen Gesichter einer Million Menschen, die nicht nur ihr Leben retten, sondern ein neues Leben beginnen wollen. Unter dem Druck dieser Erwartung fallen Schranken des Baurechts, der öffentlichen Sicherheit und Ordnung bis hin zu völkerrechtlichen Verträgen.

Vor allem aber wird diese demographische Verjüngungsspritze aus dem Süden unsere Gesellschaft wieder ein Stück archaischer und anthropozentrischer machen. Ein Huhn im Topf für jeden, das war schon politisches Programm des französischen Königs Heinrich IV und es ist das Ziel der Menschen, die zu uns kommen. Über Tierrechte wird man mit ihnen, die gerade ihr eigenes Leben aus dem Terror des Bürgerkrieges gerettet haben, schwerlich diskutieren können.

Tierrechtsdebatten sind Wohlstandsdiskussionen

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Dieser Flüchtlingsstrom zeigt uns wie lächerlich Wohlstandsdiskussionen werden, wenn man die Käseglocke der Gesellschaft lüftet. Tiere sollen Rechte haben?

Recht entsteht dort, wo es jemand einfordert. Wo Recht ist, ist Pflicht. Beides ist Tieren fremd

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Das Recht ist eine Erfindung des Menschen zur sozialen Interaktion. Es entsteht dort, wo es jemand einfordert, der unter Ungerechtigkeit leidet. Dem Recht steht notwendig die Pflicht gegenüber, sich so oder so zu verhalten.  All dies ist der Tierwelt völlig fremd.

Selbst die kognitiv menschenähnlichsten Tiere wie Schimpansen und Delphine töten ohne die geringste ethisch-moralische Begrenzung. Aus diesem Grund gehen auch die geschmacklosen Vergleiche von PETA fehl, wonach Tiere die Sklaven des 21. Jahrhunderts seien. „Der Holocaust auf ihrem Teller“, eine Kampagne dieser Organisation aus dem Jahr 2003, die jüngst vom EuGH für unzulässig erklärt wurde, vergleicht die Massentierhaltung gar mit dem Genozid an den Europäischen Juden. Dabei wussten Sklaven und Juden zu jedem Zeitpunkt, welches grauenhafte Unrecht ihnen angetan wurde. Sie hofften auf Rettung und kämpften für ihre Freiheit.

Dieses reflexive Bewusstsein des Menschen, sich ins Verhältnis zu seinen Lebensumständen zu setzen, macht den wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier aus. Ein Hühnchen im Stall weiß gar nicht, dass es eine andere Lebensmöglichkeit als die seine gibt. Es hat weder ein Wort für Freiheit, noch ein Gefühl für Gerechtigkeit. Es hofft nicht und kennt deshalb auch nicht die Qualen der Enttäuschung. Rechte entstehen eben ausschließlich aus dem Bewusstsein des Menschen, in seinem Kopf.

Recht entsteht im menschlichen Sozialverbund. Einem Huhn ist das Schicksal seiner Artgenossen völlig egal

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Tierrechtsorganisationen wenden demgegenüber häufig ein, auch unbewusstes menschliches Leben könne Rechte haben, beispielsweise in der Person von Säuglingen oder Komapatienten. Dabei vergessen die selbst ernannten Tierrechtsanwälte gern, dass dieses Recht nur deshalb entsteht, weil das Leben im menschlichen Sozialverbund einen Wert genießt. Die Familie des Säuglings, der Erbe des Komapatienten, der Staat als Wächter über Sicherheit und Ordnung, sie alle messen dem einzelnen Leben einen Wert zu. Gerade dies ist jedoch im Sozialverbund der Tiere nicht der Fall. Einem Huhn ist das Schicksal seiner Artgenossen im Stall völlig gleichgültig. 

Doch die Forderung nach Tierrechten stößt nicht allein auf rechtsphilosophische Bedenken, sondern auch an rechtspraktische Grenzen. Rechte, die a priori nicht einhaltbar sind, überfordern unseren Anspruch an rechtskonformes Verhalten.

Tierrechte überfordern unseren Anspruch auf Rechtskonformität. Sie sind a priori nicht einzuhalten

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Wenn beispielsweise von Tierrechtsorganisationen Leben und Freiheit der „nichtmenschlichen Mitgeschöpfe“ angemahnt wird, dann sind das wahrlich grundlegende Forderungen. Sollen deshalb jedoch die Getreideäcker nicht mehr gemäht werden, um das „Lebensrecht“ der Millionen Mäuse, die darin stecken, zu achten? Schließlich ist auch eine vegane Ernährung nicht möglich, ohne zu töten und anderen Lebewesen ihren Lebensraum zu entziehen.

Wird es Tempo 30 auf allen Straßen geben, um die Anzahl nicht menschlicher Verkehrsopfer zu minimieren? Wird die kulturbildende Weihnachtsgans ebenso abgeschafft wie das Osterlamm? All das ist unsinnig, praxisfern und kulturschädlich, vor allem aber unnatürlich. Jedes Leben, so hat schon der Vorsokratiker Anaximander festgestellt, vollzieht sich immer auf Kosten anderen Lebens. Das ist der Grund für den Tod als Mittel des Ausgleichs. Die Tierrechtsbewegung übersieht diese Maxime geflissentlich.

Tierrechtsbewegungen ignorieren mit religiösem Eifer die Nutzungskultur des Menschen

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Sie sucht stattdessen mit einem quasi-religiösen Eifer nach einer Welt, in der es keine toten Tiere mehr gibt, ohne Rücksicht auf die Nutzungskultur des Menschen. Überhaupt spielt die eigene Spezies, ihre Freiheit und ihre Kultur im Denken der Tierrechtler die geringste Rolle. „Wir sind ein Pesthauch auf diesem Planeten“, so tönt die Gründerin von PETA, Ingrid Newkirk. Gegen diesen Pesthauch zu kämpfen ist süß und ehrenvoll. Es macht sogar aus kriminellen Organisationen wie der Animal Liberation Front, die Versuchstierzüchter erpresst, Bauern bedroht oder Forscher beleidigt, in den Augen von PETA eine „Weiße Rose“ des Tierschutzes.

Nun stehen also weitere Millionen Vertreter des „Pesthauchs“ vor den Grenzen der Tierfreundenation Deutschland. Sie suchen nach einem Dach über dem Kopf und nach dem Huhn im Topf. Ein Huhn, das nach Möglichkeit zuvor geschächtet wurde. Über Tierrechte wird man mit diesen Menschen nicht diskutieren können, dafür haben sie zu hart um ihre eigenen Rechte gerungen. Schwere Zeiten. Zum Glück bin ich kein PETA-Funktionär.

 

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