Kinder und der Weihnachtsmann  Das Kind muss selber entscheiden, woran es glaubt. 

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Erziehungsberater

Expertise:

Jan-Uwe Rogge ist ein deutscher Autor, Erziehungsberater und Kolumnist. Seine seit 1984 verfassten Bücher zu Erziehungsfragen wurden teilweise Bestseller und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er gilt als Erziehungsexperte und war mehrfach Gast in Rundfunk- und Fernsehsendungen.

Kindern den Glauben an Fantasiegeschichten zu nehmen, heißt auch, sie aus ihrer Kinderwelt herauszuzerren. Der Weihnachtsmann ist ein wichtiger Bestandteil der kindlichen Entwicklung. 

Seit über 20 Jahren habe ich mein ganz eigenes Weihnachtsritual. Alle Jahre wieder, werde ich von Eltern oder Medienvertretern gefragt, wie man es mit dem Christkind, dem Weihnachtsmann und den anderen Weihnachtsritualen halten soll. Darf man die eigenen Kinder im Glauben an diese Geschichten lassen, oder sollte man sie aufklären?

Dieses wiederkehrende Ritual des „Wissen-wollen“ zeigt, dass es immer noch keinen Konsens gibt und sich Eltern immer noch schwertun mit der Frage, ob es moralisch vertretbar ist, das eigene Kind im Glauben an das Christkind oder den Weihnachtsmann zu lassen und sie somit anzulügen. Konsens kann es hier aber auch nicht geben, denn diese Frage – genau wie viele andere Fragen der Erziehung – hängen vom jeweiligen Standpunkt ab. Ein Religionspädagoge wir wahrscheinlich anders argumentieren als ein Kinderpsychologe oder Pädagoge, religiös geprägte Eltern anders als nicht-religiöse Eltern. Als Erziehungsberater betrachte ich das Thema aus entwicklungspsychologischer Sicht.

Das Kind muss selber entscheiden, an was es glaubt und an was es zweifelt

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Die Weihnachtserzählung und –rituale haben viel mit der magisch-phantastischen Phase des Kindes zu tun, in der es sich vom dritten bis zum achten Lebensjahr befindet. In dieser Phase vermischen sich Wirklichkeit und Fiktion im Kopf des Kindes - alles ist möglich und für die Kinder auch zu einem gewissen Grad real. Ab dem siebten oder achten Lebensjahr kommen dem Kind aber oft Zweifel. Es fängt an zu zweifeln und zieht in Betracht, dass gewisse Dinge vielleicht in Wirklichkeit anders sind: könnte es sein, dass es keinen Weihnachtsmann gibt? Könnte es sein, dass die Geschenke in Wahrheit von Mamma und Papa kommen?

In dieser kognitiv-realistischen Phase geht es den Kindern darum, eigene Antworten auf Fragen zu finden. Die Eltern sollten sie auf diesem Weg begleiten, sie aber nicht in eine Richtung drängen. Es ist wichtig, dass das Kind selber entscheidet, woran es glaubt oder was nicht stimmt. Das gilt natürlich nicht nur für Weihnachten, sondern allgemein. Typisch sind die unsichtbaren Freunde, die sich Kinder in ihrer magisch-phantastischen Welt erdenken und die nur sie sehen und mit denen nur sie kommunizieren können. Diese Phantasiegefährten sind für die Entwicklung des Kindes ungemein wichtig, denn es wird hier zum kreativen Schöpfer seiner Welt. Das Kind baut sich sein eigenes Reich auf, in dem alles möglich ist. Manchmal fürchten sich Kinder sogar vor ihren eigenen Kreationen – vor Gespenstern beispielsweise – doch wie langweilig wäre es ohne diese?

Wer dem Kind die Phantasie nimmt, nimmt ihm auch die Kindheit

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Der Weihnachtsmann oder das Christkind entspringen zwar nicht der Phantasie des Kindes, aber sie sind Teil der Phantasiewelt, in der das Kind sich entwickelt und in die es sich auch zurückziehen kann. Diese Welt steht neben der realen Welt und dient den Kindern als Aussichtspunkt, von dem aus es sich auf die realen Geschehnisse blicken lässt. Ihnen den Glauben an diese Weihnachtsrituale zu nehmen, heißt deshalb auch, sie ein Stück weit aus dieser Welt herauszuzerren.

Kinder lassen sich ihre Phantasien nicht so schnell mies machen

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Kinder denen das passiert, geht das Gefühl verloren, selbstschöpferisch tätig zu sein und in den eigenen Träumen oder Phantasien angenommen zu werden. Wenn man das Kind ständig auf das Kognitive reduziert, kann es passieren, dass das Kind sich als anormal empfindet, weil seine Phantasien von seinem Umfeld abgestoßen werden. Auch verliert es womöglich den Bezug zu Gleichaltrigen, die noch in dieser magischen Phase stecken. Würde ein Kind anderen Kindern berichten, dass es in Wahrheit gar keinen Weihnachtsmann gibt, müsste es wohl mit viel Protest rechnen. Kinder lassen sich ihre Phantasien nicht so schnell mies machen.

Der Weihnachtsmann kann den kindlichen Bezug zur Religion herstellen 

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Auch sollte man nicht befürchten, dass die Christkind-Phantasie dem christlichen Glauben der Kinder schaden könnte. Dafür sind andere Großbaustellen innerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaften verantwortlich, die an den Grundfesten des Glaubens rütteln. Die Bibel hat heute noch ihre Aussagekraft weil sie Geschichten in Bildern erzählt, die nicht immer realitätsnah sind. Auch hier taucht man in eine Phantasiewelt ein. Das Christkind und der Weihnachtsmann können sogar den kindlichen Bezug zur Religion herstellen und verstärken. Wir sollten die Kraft des Imaginären nicht unterschätzen.

Daher mein Rat an alle Eltern: Bleiben Sie ruhig beim Christkind-Ritual und machen Sie sich keine Sorgen. Wenn Kinder das Gefühl haben angelogen zu werden, teilen sie uns das unmissverständlich mit. Dann kann man ihnen irgendwann sagen, dass der DHL-Bote und nicht das Christkind die Geschenke gebracht hat. Bis dahin sollte man das Kind Kind sein lassen.

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