Obdachlosigkeit in Berlin Das Momentum nicht verpassen

Bild von Ephraim Gothe
Stadtrat für Stadtentwicklung, Soziales und Gesundheit SPD

Expertise:

Stellvertretender Bezirksbürgermeister und Stadtrat für Stadtentwicklung, Soziales und Gesundheit im Bezirk Mitte von Berlin.

Nicht nur die Frage, wie die richtige Obdachlosenhilfe aussieht, gibt Rätsel auf. Schon über Herkunft und Gesundheitszustand der obdachlosen Berliner wissen wir nichts. Dabei wäre das die Voraussetzung, um den unterschiedlichen Problemen der Betroffenen gerecht zu werden. 

Sozialsenatorin Breitenbach hat den richtigen Schritt getan, indem sie beherzt den Vorschlag des Rats der Bürgermeister aufgegriffen hat, am 10. Januar eine gut strukturierte erste Strategiekonferenz zur Obdachlosigkeit mit Betroffenen, Ämtern und Trägern durchzuführen.Themen wie „Neuausrichtung der sozialen Wohnhilfe“, „EU-Ausländer“ oder „Kältehilfe“ werden nun systematisch mit dem Ziel durchgearbeitet, im Herbst in der nächsten Strategiekonferenz Entwürfe von Leitlinien vor zu stellen, die von Senat, Bezirken und Trägerlandschaft mitgetragen werden.

Die erste große Aufgabe heißt: Statistisches Wissen über die Berliner Obdachlosigkeit sammeln.

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Hierbei gibt es ein Momentum, das genutzt werden muss: Allen Akteuren ist der Wunsch gemeinsam, dass es gelingen muss, die Obdachlosenhilfe ganzheitlich, zeitgemäß und für alle Akteure einheitlich verbindlich auszurichten. Dazu gehören auch kritische Fragen, wie der Umgang mit EU-Ausländern, die keine Leistungsansprüche im bundesdeutschen Sozialhilfesystem haben oder zum Campieren in Grünanlagen. Es muss eine von allen getragene „Berlinier Linie“ gefunden werden. Leider wissen wir nichts. Nicht, wie viele Obdachlose wir in der Stadt haben, nicht, woher sie kommen, ob sie krank sind, wohnfähig sind, Ansprüche in unserem Sozialsystem haben oder nicht. Statistisches Wissen erzeugen, ist die erste große Aufgabe, um Lösungen zu entwickeln, die den sehr verschiedenen Problemlagen der Obdachlosen gerecht werden.

Wir brauchen mehr Anlaufpunkte für Obdachlose, am Alexanderplatz und in Neukölln.

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Ein Plus für Berlin ist sicherlich die breit aufgefächerte Trägerstruktur, die dezentral und spezifisch agieren kann. Trotzdem brauchen wir ein System fester leistungsstarker Anlaufpunkte für Obdachlose. Die Stadtmission am Bahnhof Zoo und am Hauptbahnhof/Lehrter Straße sind nicht ausreichend, wir brauchen hier in der Inneren Stadt weitere Anlaufpunkte am Alex, einen in Lichtenberg, in Neukölln, in Kreuzberg und in Schöneberg.

Im Jahr 2017 konnte die bezirkliche Wohnungsvermittlungsagentur, das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk, 208 statusgewandelte wohnungslose Flüchtlinge in 56 normale Wohnungen vermitteln. Die Jahresgesamtmiete dieser Wohnungen ist um 565.000 € günstiger, als die Unterbringung in (betreuten) Flüchtlingseinrichtungen oder Hostels. „Was kostet wie viel?“ muss transparent gemacht werden.

Berlin muss seinen Immobilienbestand ausweiten, damit Wohnungslose vermittelt werden können.

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Ein Aspekt bewegte in der Strategiekonferenz alle Arbeitsgruppen gleichermaßen: die „Raumfrage“. Oder auch die „Immobilienfrage“. Es mangelt nicht an gutem Willen, nicht so sehr am Geld oder effizienter Verwaltung, es mangelt an Häusern, in denen Träger besondere Bedarfsgruppen betreuen können, an Gebäuden, die im Winter für die Kältehilfe genutzt werden können, an Wohnungen, in die wohnfähige Wohnungslose vermittelt werden können. Starke Stadt heißt hier: Berlin muss seinen Immobilienbestand ausweiten. Das Ziel, den städtischen Wohnungsbestand von 300.000 auf 400.000 Wohnungen zu vergrößern, erweist sich auch in der Obdachlosenfrage als Schlüsselprojekt.

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