Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien Hauptursache für die Glaubwürdigkeitskrise der Medien ist ihre Gefallsucht

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Fernsehjournalist, Autor von "Die Gefallsüchtigen"

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Wolfgang Herles ist Journalist und Schriftsteller. Beim ZDF leitete er unter anderem das Studio Bonn und moderierte zuletzt die Sendungen "aspekte" und "Das blaue Sofa". 2015 ist sein Buch "Die Gefallsüchtigen" erschienen (Knaus).

Die Glaubwürdigkeit der Medien schwindet. Hauptursache ist Gefallsucht. Die Kultur des „Gefällt mir“ kommt aus der Angst vor dem Markt. Mit dem Netz sind vor allem die Printmedien in die ökonomische Krise geraten. Konformismus und Anpassung an den Mainstream sind jedoch die falschen Antworten. Mit der Glaubwürdigkeit der Medien schwindet die Fähigkeit der Gesellschaft, Herausforderungen zu meistern. Darunter leidet auch das Vertrauen in die Demokratie.

Konformismus und Konsumismus sind eng miteinander verwandt. Der Konformismus geht einher mit jenem Populismus, der nicht an den Rändern, sondern in der Mitte der Gesellschaft gedeiht. Es zählt, was sich gut anfühlt. Fühlen gilt überhaupt mehr als Wissen und Argumentieren.

Die Gefallsucht der Medien führt dazu, dass geschrieben und gesendet wird, was ankommt. Es ist nicht immer das, was wichtig wäre. Denn Gefallen heißt: Das Publikum bestätigen, nicht Denkschablonen in Frage stellen, sondern bestätigen. Medien, die sich anbiedern sind leichter verkäuflich. Sie vermitteln die angenehme Illusion, die Welt sei zwar nicht einfach, doch wenigstens einfach zu erklären.

Manche notwendige Debatte wird vom Mainstream tabuisiert, etwa der tiefere Zusammenhang zwischen Islamismus und Islam.

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Manche notwendige Debatte wird vom Mainstream verdrängt und tabuisiert. Zum Beispiel der tiefere Zusammenhang zwischen Islamismus und Islam. In welcher Talkshow wurde jemals über die notwendige Trennung von Staat und Religion debattiert?

Gegen die Wucht der Mehrheit aufzumucken, war lange nicht opportun (Beispiel Energiewende, Beispiel Euro-„Rettung"). Erst in der Flüchtlingsfrage und im Zuge der Terroranschläge ist Konsens nicht mehr leicht zu haben. Doch auch jetzt gelten noch konformistische Tabus. Etwa die These, der Islam habe nichts mit Islamismus zu tun. Wer gegen die Mehrheitsmeinung des „hellen“, „anständigen“ Deutschland spricht, fängt sich den Vorwurf ein, AfD und Pegida zu unterstützen.

Die Öffentlich-Rechtlichen setzen zu stark auf die Quote. Fernsehen ist zu Junkfood für den Kopf geworden.

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Besonders die öffentlich-rechtlichen Medien setzen zu stark auf die Quote. Die Zwangsgebühr soll das öffentlich-rechtliche Fernsehen von den Regeln des Marktes befreien. Der gesellschaftliche Auftrag von ARD und ZDF ist es, die Bevölkerung durch Information und Bildung diskursfähig zu machen. Ein Fernsehprogramm dagegen, das immer nur möglichst allen gefallen will, bleibt beliebig. Es biedert sich an, ist mutlos, vermeidet den besonderen, genauen Blick auf die Welt, kommt glatt und gefällig daher, scheut Irritation und Provokation, erstarrt aus Angst vor Überforderung der Zuschauer. Fußball und Krimis sichern die Marktführerschaft, aber erfüllen nicht den Programmauftrag. Fernsehmacher, die glauben, sie erfüllten den Auftrag der Gesellschaft durch Marktführerschaft um jeden Preis, haben ihren Auftrag nicht verstanden. Sie verkaufen ihre Seele. Nicht politischer Druck, die Quote ist die schärfste Schere, die je in den Köpfen der Redakteure geklappert hat. Weil alles unterhalten muss, ist Fernsehen zu Junkfood für den Kopf geworden. So wie es ist, macht sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen selbst überflüssig. So wie es sein sollte, wäre es unverzichtbar.

Gut verkäuflich ist, was so einfach ist, dass es jeder versteht.
Gut verkäuflich ist, was die Kunden bewegt, rührt, ängstigt oder amüsiert.
Deshalb emotionalisieren alle Medien über Gebühr. Emotionalisieren ist auch eine Form der Versimplung.

Wer gefallen will, sucht Themen, von denen er annimmt, dass sie das Publikum erreichen. Es gibt aber viele Themen - die Europapolitik gehörte lange dazu - die als schwer verkäuflich galten, obwohl sie enorm wichtig gewesen wären. So ist das verkorkste Ansehen Europas auch eine Folge des verschlafenen Diskurses, des medial geförderten Desinteresses.

Es ist leichter, Publikum für das zu interessieren, was bereits Lärm produziert als selbst ein Thema abzuschlagen. Deshalb verkommen Medien zu Lautsprechern. Europa wurde erst in der Euro-Krise interessant.

Die Gefallsucht führt auch zu Alarmismus. Doch der Skandal lenkt von den wahren Versäumnissen der Politik ab.

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Eine weitere Strategie der Gefallsucht ist der Alarmismus. Dramatisierung und Skandalisierung prägen die Erregungsgesellschaft. Sie ist auf Skandale angewiesen. Das Geschäft nährt sich an sich selbst. Denn leicht kann zum Skandal werden, wie man sich zu Skandalen äußert. Auch der Skandal ist eine Form der Volksbelustigung. Der gesenkte Daumen ist keine Erfindung des Internets, sondern der römischen Arena. Auch lenkt der Skandal von den wahren Versäumnissen der Politik ab.

Der herrschende Konformismus zieht die moralischen Debatten den politischen vor. Statt also zum Beispiel beizeiten die Einwanderungsfrage zu beantworten, einigt man sich darauf, dass Pegida eine Schande für Deutschland ist. Das ist zwar nicht falsch, aber kein Ersatz für Politik.

Medien personalisieren, doch frierende Flüchtlinge ersetzen nicht die Debatte um die Komplexität der Integration.

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Personalisierung, Exemplifizierung: Ein Einzelbeispiel ist allemal anschaulicher als es ökonomische Zusammenhänge sind. Vor lauter Einzelbeispielen sieht der Konsument das Ganze, den Wald also vor lauter Bäumen nicht mehr. Wer mit Emotionen arbeitet, erspart sich Recherche und komplizierte Argumente. Es finden sich immer „Opfer“. Frierende Flüchtlinge, tote Kinder können die Debatte um die Komplexität der Integration aber nicht ersetzen. Trotzdem bestimmten sie die Berichterstattung.

Unter dem Strich gilt: Die Lügenpresse lügt selten, aber am mangelnden Vertrauen haben die Medien Anteil. Medienverdrossenheit ist Teil der Politikverdrossenheit geworden und droht zu Demokratieverdrossenheit zu werden. Deshalb ist die Vertrauenskrise von Politik und Medien gleichermaßen  gefährlich. Gefallsucht gibt es auf beiden Seiten. Die einen sind auf der Jagd nach Reichweiten, die anderen nach Zustimmung von politikmüden Bürgern.

Gefallsucht und politisch korrekte Mitte bringen einen Journalismus hervor, der ganz überwiegend mehrheitskonform ist. Überall in der Qualitätspresse sind die gleichen Themen und Meinungen zu finden. Der Konformitätsdruck nimmt unter ökonomischen Bedingungen zu und führt zum Rudeljournalismus. Die Empörungsmaschine des Internet ist keine Korrektur des Mainstream-Journalismus. Sie bringt nur Meinungsblasen hervor. Statt miteinander zu streiten, redet man schlecht übereinander. Gemeinden und Szenen igeln sich ein. Die Spaltung der Gesellschaft wird im Internet noch klarer.

Der Konformitätsdruck der Medien führt dazu, dass Gemeinden und Szenen sich einigeln.

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Das mangelnde Verständnis für Komplexität ist nicht nur eine Frage mangelnder Informiertheit. Es zeigt sich hier ein genereller Mangel an Bildung. Fehlt es an Bildung, wird Politik zur Angelegenheit von Interessengruppen und Eliten, wird aus Demokratie „Postdemokratie“ (Colin Crouch). Die Gesellschaft ist nicht nur ökonomisch gespalten, sondern auch in eine schrumpfende Minderheit gut Informierter und einer wachsenden Mehrheit zunehmend unpolitischer, bloß noch Unterhaltener. Dagegen an zu wirken ist der eigentliche „Kultur“-Auftrag der öffentlich-rechtlichen Medien, aber auch die gesellschaftliche Aufgabe der Medien überhaupt.

Konformistische Medien und demoskopiehörige Politiker sind einander in Gefallsucht verbunden.  Die Gesellschaft ist konfliktscheu, zunehmend gelähmt von moralisierender Selbstgefälligkeit und Zukunftsängsten. Medienkritik ist deshalb Gesellschaftskritik.

Es gibt einen Konformismus der Mitte, der für die Kreislaufschwäche unserer Demokratie verantwortlich ist.

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Die Gefallsucht der Medien und der Konformismus in der Politik verursachen einen Populismus der Mitte, der für die Kreislaufschwäche unserer Demokratie verantwortlich ist.

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