Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien Es ist richtig, dass Medien in Bezug auf die Einwanderung Optimismus verbreiten

Bild von Prof. Dr. Andrea Römmele und Marie Wachinger
Professorin für Politische Kommunikation und Politische Partizip Hertie School of Governance

Expertise:

Der Lügenpresse-Vorwurf ist ein strategisches Tool der Pegida-Anhänger, denen das Flüchtlingsthema sehr entgegenkommt.

Mehrere Umfragen zeigen, dass ein überwiegender Teil der Deutschen wenig oder gar kein Vertrauen in die Medien hat - die Befragten sagen außerdem von sich selbst, ihr Vertrauen sinke. Wann hat die Glaubwürdigkeitskrise begonnen - und welche Themen oder welches Verhalten der Medien treibt sie voran?

 

Die "Lügenpresse" skandieren, sollten nicht pauschal als rechtsradikal abgetan werden, das stärkt ihren Zusammenhalt.

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Es gibt auch Umfragen, die nahelegen, dass eine große Mehrheit der Deutschen weiterhin Vertrauen in die Medien hat – oder sich zumindest vom rechtspopulistischen Kampfbegriff „Lügenpresse“ vehement distanziert. Mit dem Begriff der Glaubwürdigkeitskrise wäre ich daher vorsichtig. Es gibt es einen Unterschied zwischen sachbezogener Kritik an den Medien aufgrund eines höheren Qualitätsanspruchs der Konsumenten, und einer pauschalen Ablehnung aller journalistischen Arbeit! Beides tritt auf, muss aber natürlich völlig unterschiedlich bewertet und eingeordnet werden. Ersteres ist meines Erachtens Zeichen einer wachen, kritischen Zivilgesellschaft und einer funktionierenden Demokratie. Die Gruppe, die gern „Lügenpresse“ skandiert, ist jedoch problematischer, sollte aber deswegen nicht pauschal ignoriert und als „rechtsradikal“ abgefertigt werden. Ich denke, genau diese Reaktion treibt sie nämlich voran – die gesellschaftliche Distanzierung führt zu stärkerem Zusammenhalt und größerer Mobilisierung innerhalb der Gruppe.

Ein weiterer begünstigender Faktor ist die (vergleichsweise neue) Möglichkeit, öffentlich anonym extrem hasserfüllte oder gewalttätige Botschaften im Internet zu posten – dem Kommentar unter dem Artikel geht eine weitaus geringere Hemmschwelle voraus als ehemals dem Leserbrief, und das Gefühl, online Gleichgesinnte zu finden, suggeriert Rückhalt und Macht, auch wenn die absolute Zahl der Beteiligten gar nicht so hoch ist.

Was konkrete Themen angeht, denke ich, dass einige Medien einer Berichterstattung nachgehen, die zu stark am Nachrichtenwert orientiert ist. Eine Schlägerei im Flüchtlingsheim generiert momentan einfach mehr Klicks als eine Schlägerei unter Betrunkenen auf dem Weihnachtsmarkt. Das ist jedoch nicht bei allen Medien der Fall.

Wie hat sich die Flüchtlingskrise auf die Glaubwürdigkeitskrise ausgewirkt?

Flüchtlingskrise ist an sich schon ein Begriff, der Medienkonsumenten in eine bestimmte Gedankenrichtung lenkt – eine Krise ist etwas negatives, das beseitigt werden muss, ebenso bedrohlich wie eine „Lawine“ oder „Welle“. Menschen auf Booten, an Grenzzäunen und in Turnhallen werden dadurch zu einer Gefahr auf der Ebene von „Krisenherden“ wie Krieg, Hurricane oder selbst Finanzmärkten. Die momentane Einwanderung wird in den Medien sehr unterschiedlich dargestellt. Während es einerseits stimmen mag, dass manchmal vorrangig Frauen und Kinder fotografiert werden, obwohl die Mehrzahl der Geflüchteten männlich ist, stimmt eben auch, dass viele Medien mit „Das Boot ist voll“-Rhetorik Untergangsszenarien unterstützen.

Die gezielte Propaganda gegen die Presse ist ein strategisches Tool der Pegida-Anhänger.

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Natürlich sollen Medien nicht beschönigen. Sie sollen aber sehr wohl (berechtigten) Optimismus verbreiten angesichts einer Herausforderung, um die Deutschland ohnehin nicht herumkommt. Was Pegida-Anhänger angeht, so halte ich die gezielte Propaganda gegen die Presse (und Politik) für ein strategisches Tool, bei der das Flüchtlingsthema sehr gelegen kommt.

Wie ist der „Lügenpresse-Vorwurf“ der Pegida-Anhänger aus Ihrer Sicht zu bewerten – ist er tatsächlich Symptom einer gesellschaftlichen Stimmung oder ein Propaganda-Schachzug von Rechtsaußen?

Ganz klar ein Propaganda-Schachzug, aber auch eine Reaktion auf eine fehlende Auseinandersetzung von Medien und Politik mit den Pegida-Anhängern. Für volksverhetzende und verfassungsfeindliche Botschaften brauchen wir keine Toleranz, das ist klar. Pegida hat aber auch genug „Mitläufer“ in den eigenen Reihen, die sich vermutlich von der Politik nicht mehr angesprochen fühlen und für eine solche Bewegung mit klarem Feindbild leichte Beute sind. Einfach ignorieren hilft da wenig.

Was können Medien tun, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen?

Es hilft nur der Dialog. Medien haben die Aufgabe, Meinungen der Bevölkerung zu bilden, aber auch abzubilden. Wo die Politik in Deutschland zugelassen hat, dass überhaupt so etwas wie ein „abgehängtes Milieu“ existiert, müssten die Medien wieder um Vertrauen in demokratische Prozesse werben.

Um Vertrauen zu gewinnen, müssen Medien abgehängte Milieus zurückgewinnen und vermitteln, dass Demokratie funktioniert.

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Dazu gehört neben der korrekten Berichterstattung auch die Vermittlung der Erkenntnis, dass Demokratie funktioniert und Gewalt nicht der richtige Weg ist, um die eigenen Lebensumstände zu verbessern. Ich finde außerdem, dass die Moderation von Online-Kommentaren auch zum Dialog beiträgt – das machen ja bereits viele Medien.

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