Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien Die Leser sind skeptisch? Gut so!

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Chefredakteur Der Tagesspiegel

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Lorenz Maroldt ist seit 2004 Chefredakteur des Tagesspiegels. Er schreibt den täglichen Newsletter "Checkpoint", der 2015 mit einem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde.

Medienskepsis bedeutet zuerst Skepsis gegenüber Autoritäten - und das ist Ausdruck einer demokratischen Grundhaltung. Erst, wenn auch die Leser immun gegen eine Vielfalt von Meinungen werden, wird es gefährlich.

Skepsis gegenüber Medien bedeutet Skepsis gegenüber Autoritäten und "Experten": Das ist eine demokratische Haltung.

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Eine Mehrheit der Deutschen hat kein uneingeschränktes Vertrauen in „die“ Medien? Prima! Das haben doch unsere demokratiebegeisterten Lehrer (in den Schulen und anderswo) spätestens seit den siebziger Jahren immer gewollt: aufgeklärte, selbstbewusste, skeptische Bürger, die nicht alles schlucken, was ihnen serviert wird. Die sich nicht mitreißen lassen von angeblich alternativloser Politik, die vermeintliche „Wahrheiten“ von so genannten Experten in Zweifel ziehen, die offen kritisieren, was ihnen nicht passt - auch dann, wenn es in „ihrer“ Zeitung steht, nein: gerade dann, wenn es in ihrer Zeitung steht. Kein blinder Glaube an die allumfassende Weisheit von Autoritäten, bravo: So geht Demokratie. Die Medien bestimmen nicht die Meinung, sie wirken an der Meinungsbildung mit - und sei es als Antipode. Das müssen sie schon aushalten.

Der Mainstream-Vorwurf gegen „die Medien“ ist nicht haltbar - der deutsche Journalismus ist erfreulich vielseitig.

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Gefährlich wird es allerdings, wenn der Skeptizismus in Respektlosigkeit umschlägt und bis zur Verachtung führt. Dann verlässt ein Teil der Gesellschaft den Diskurs und verhält sich genau so, wie ihr Urteil über die „Lügenpresse“ lautet: unwillig, das ganze Bild zu sehen, verschanzt in einem ideologisch gefestigten Lager. Dabei gibt es die eine Meinung eines Mediums, einer Zeitung gar nicht - und schon gar eine „der Medien“. Wer in Deutschland einen Mangel an publizistischer Vielfalt beklagt, hat lange nicht mehr reingeschaut in „die Medien“.

Redaktionen nehmen die Wahrnehmung ihrer Leser, Zuhörer und Zuschauer nicht ernst genug. Das ist gefährlich.

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Der große Fehler von Journalisten ist es jedoch, mit dieser Gewissheit im Kopf den stärksten Gegner der Erkenntnis zu ignorieren: das Empfinden ihrer Leser, Zuschauer und Zuhörer. Der Eindruck, dass ihre Zeitung, ihr Sender eine bestimmte politisch Agenda verfolgt, lässt sich selbst mit statistischen Argumenten selten erschüttern. Neu ist das allerdings nicht - und tatsächlich gab es ja auch immer Medien, die in der Summe ihrer Beiträge eine bestimmte politische Haltung erkennen lassen, grundsätzlich und im konkreten Fall. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Nur gibt es heute eben viel mehr Möglichkeiten, sich auch anderswo zu informieren, und da fällt eines mehr auf als früher: wenn Informationen nicht vollständig und fehlerhaft sind. Und wenn das so ist, wird auch die Pluralität innerhalb eines Mediums nicht mehr wahrgenommen. Es wächst der Verdacht: Hier soll ich manipuliert werden.

Nur weil die Mehrheit der Gesellschaft (darunter Journalisten) einer Meinung ist, liegt der "Mainstream" nicht falsch.

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Unterstützt wird so ein Eindruck durch offene Kampagnen eines Mediums. Diese verstoßen nicht selten gegen Grundsätze der Journalismus (es gibt kein Ende der Erkenntnis und nicht nur eine Wahrheit), sondern auch der Lebenswirklichkeit von Redaktionen - denn die sind pluraler und selbstbewusster, als Leser und Zuschauer oft glauben. Wenn sich dennoch ein „Mainstream" herausbildet, liegt das meistens nicht am Marschbefehl einer Chefredaktion (oder eines Verlages, oder, noch absurder, „der Politik“), sondern daran, dass die Mehrheit der Gesellschaft, zu der eben auch Journalisten gehören, in ihren Grundüberzeugungen gefestigt ist. Dazu gehört, unter anderem, dass Länder nicht besetzt werden und Menschen in Not zu helfen ist. Nur weil viele einer Meinung sind, heißt das ja nicht, dass sie falsch ist.

Ein Journalist, der sich einer (guten) Sache gemein macht, wird Aktivist und schadet der Glaubwürdigkeit seines Medium.

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Dennoch wäre es naiv, einen gewissen Konformitätsdruck innerhalb von Redaktionen und vor allem auch bei Twitter und Facebook abzustreiten. Kollegen, Follower und Freunde haben eine gewisse Erwartungshaltung, die manche Journalisten lieber befriedigen, als sie zu enttäuschen. Dass guter Journalismus sich mit keiner Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten (Hans-Joachim Friedrichs), war zwar schon immer realitätsferner Unsinn. Wer als Journalist allerdings penetrant immer nur über die Aspekte einer Seite berichtet und sich in den sozialen Medien wie ein Aktivist verhält, schadet seiner Glaubwürdigkeit und der des Mediums, in dessen Namen er schreibt. Im Umgang mit den Themen Flüchtlinge, Islam, Islamismus, Terror u.a. zeigt sich das besonders krass - das ist oft der Agitation näher als der Information und hat mit einer journalistischen Meinung, die aus unabhängiger Erkenntnis und freier Abwägung besteht, nicht mehr viel zu tun.

Wir brauchen eine deutlich bessere Fehlerkultur als bisher, dazu gehört auch eine intensivere Kommunikation mit Lesern.

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Zur Mitgliedschaft in der „Lügenpresse“ qualifiziert aber auch das nicht. Es wird nicht gelogen, extreme Fälle ausgenommen, es werden Fehler gemacht: falsch zugeordnete Bilder, unvollständige Darstellung, unkritische Wiedergabe - das ist der Stoff, der zweifeln lässt. Dagegen hilft nur eine deutlich bessere Fehlerkultur als bisher, zur der auch eine intensivere Kommunikation mit den Lesern (Zuhörern, Zuschauern) gehört. Die Basis dafür ist eine selbstverständliche und offene Darstellung aller Argumente in einem Konflikt. Die „Lügenpresse“-Rufer erreichen wir damit nicht - die gefallen sich in einer aggressiven Opferhaltung. Sie wollen nicht überzeugt werden, sondern ihre zumeist radikale Überzeugung pflegen. Mit den Skeptikern und Zweiflern aber müssen sich Redaktionen offener auseinandersetzen als bisher. Denn wer ignoriert wird, neigt eher zu selektiver Wahrnehmung des Auftritts eines Mediums, zur Bestätigung des eigenen Vorurteils. Die Glaubwürdigkeit eines Mediums wächst mit der Bereitschaft und vor allem: der Fähigkeit zu Gründlichkeit und Sachlichkeit. Rerum Cocnoscere Causas - alles andere leitet sich daraus ab.

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