Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien Die Antwort auf Medienverdrossenheit kann nicht Publikumsverdrossenheit sein

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Professor für Medienwissenschaft am Institut für Medienwissenschaft der Eberhard Karls-Universität Tübingen

Expertise:

Bernhard Pörksen, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Zuletzt veröffentlichte er gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun das Buch „Kommunikation als Lebenskunst“ im Carl-Auer-Verlag.

Vertrauen zurückzugewinnen ist schwierig. Medienmacher müssen den Dialog suchen, wo es sich lohnt - und dagegenhalten, wo rechtsradikale Verschwörungstheoretiker manipulieren.

Mehrere Umfragen zeigen, dass ein überwiegender Teil der Deutschen wenig oder gar kein Vertrauen in die Medien hat - die Befragten sagen außerdem von sich selbst, ihr Vertrauen sinke. Wann hat die Glaubwürdigkeitskrise begonnen - und welche Themen oder welches Verhalten der Medien treibt sie voran?

Es lassen sich eine ganze Reihe von Trends beobachten, man sieht ein Mischbild aus Langzeitentwicklungen und aktuellen Tendenzen. Zum einen waren die schleichende, in westlichen Mediensystemen schon seit Jahren nachweisbare Glaubwürdigkeitsverluste lange journalistisch einfach kein Thema – vielleicht wollte man diese schmerzhafte Selbsterkundung der eigenen Situation einfach vermeiden. Zum anderen zeigt sich, dass die aktuelle Medienkritik am Beispiel von Reizthemen aufflackert. Sie ist ereignisgesteuert.

Man denke nur an die Affäre um Christian Wulff, den Eklat um das Israel-Gedicht von Günter Grass, die Diskussion über das Beschneidungsurteil, die Ukraine-Berichterstattung, die German-Wings-Flugkatastrophe, die gegenwärtigen Debatten über die Flüchtlingskrise. Überdies, auch das gehört zur Lageschreibung, ist in der aktuellen Mediensituation, in der alle senden, posten und kommentieren, die Entfremdung zwischen den Medien und ihrem Publikum in einer neuen Deutlichkeit sichtbar und manifest.

Die Wahrnehmungs- und Meinungskluft zwischen den Medien und ihrem Publikum wird durch das Web sichtbar und manifest.

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Das heißt: Die Wahrnehmungs- und Meinungskluft lässt sich nicht mehr ignorieren, sie ist in den neuen Öffentlichkeiten der digitalen Welt unmittelbar evident. Und schließlich gibt es die berechtigte, legitime Medienkritik, aber eben zunehmend auch eine sehr sichtbare, sich ideologische radikalisierende Medienverdrossenheit, die in Hass- und Gewaltausbrüchen gegenüber Journalisten gipfelt.

Journalisten wehren sich entschieden gegen den Vorwurf, die Wahrheit zu unterdrücken. Das ist richtig - und polarisiert.

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Die Flüchtlingskrise hat die Polarisierung zwischen Journalisten und einem Teil des Publikums, das allerdings sehr lautstark agiert, verstärkt – und das ist nicht nur schlecht, so merkwürdig das klingt. Es gibt momentan massive Attacken auf Journalisten überall im Land. Sie bekommen Hass- und Wutmails. Sie werden verdächtigt, nicht „die Wahrheit“ über die angebliche Kriminalität von Flüchtlingen zu berichten, abweichende, kritische Positionen systematisch zu unterdrücken. Man wirft ihnen vor, einem realitätsblinden Political-Correctness-Kult zu huldigen. Verschiedene Journalisten haben sich inzwischen, regional wie überregional, sehr klar gegen solche Vorwürfe und  eben auch die Verbalattacken auf Flüchtlinge und die eigene Branche positioniert. Das scheint mir richtig und notwendig – auch wenn eine solche Entschiedenheit natürlich weiter polarisiert.

Der "Lügenpresse-Vorwurf" ist beides - Propaganda-Schachzug und Symptom für eine gesellschaftliche Stimmung.

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Wie ist der „Lügenpresse-Vorwurf“ der Pegida-Anhänger aus Ihrer Sicht zu bewerten – ist er tatsächlich Symptom einer gesellschaftlichen Stimmung oder ein Propaganda-Schachzug von Rechtsaußen?

Beides trifft zu. Einerseits ist der Lügenpresse-Vorwurf ein Symptom einer sich ausbreitenden Medienverdrossenheit, der auch über den Kreis der Pegida-Anhänger hinaus seine Anhänger findet. Es ist schlicht erstaunlich, in welchem Maße die Annahme, „die Medien“ würden uns systematisch betrügen, in die breitere Gesellschaft hinein diffundiert ist. Andererseits handelt es sich hier um ein Schlagwort, das als sprachliche Chiffre für das klassische Manipulations- und Verschwörungsdenken von Rechtsradikalen steht. Das bedeutet in der Konsequenz, dass man sehr genau hinschauen muss: Wer ist es, der Vorwürfe erhebt? In welchem Kontext? Vor welchem weltanschaulichen Hintergrund?

Was können Medien tun, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen?

Es geht darum, dass Medienmacher offen und offensiv Fehler und tatsächliche Grenzüberschreitungen transparent machen, denn die gibt es natürlich. Es ist geboten, dass sie die eigene Arbeitsweise erklären, ihre Urteile begründen, mögliche Vorurteile hinterfragen und sich auf den differenzierten Dialog mit dem Publikum einlassen. Dieser differenzierte  Dialog, der die Klärung der Standpunkte und Positionen durch den genauen Blick erreicht, scheint mir zentral. Er könnte der Auftakt eines echten Austausches sein.

Es gibt kein homogenes Publikum mehr. Mit manchen Kritikern lohnt der Dialog - doch Verschwörungstheoretiker sind immun.

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