Die Glaubwürdigkeitskrise Das Archipel der Einverstandenen

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Soziologe Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

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Prof. em. Dieter Rucht ist Soziologe. Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung leitete er zuletzt die Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa. Er befasst sich zurzeit unter anderem mit Pegida.

Die Gründe für das Misstrauen in die Medien sind vielfältig, doch der Rückzug auf isolierte Kommunikationsinseln im Internet und das Meiden von Qualitätsmedien sind eine gewichtige Ursache.

Die etablierten Offline-Medien verlieren nicht nur Marktanteile. Umfragen zufolge erleiden sie auch einen Verlust an Glaubwürdigkeit. Am deutlichsten zeigt sich das sinkende Vertrauen in die etablierten Medien im rechtspopulistischen Lager und speziell bei Veranstaltungen von Pegida & Co. Neben dem Slogan "Wir sind das Volk" ist "Lügenpresse" der häufigste und lauteste Schlachtruf. Auch in Befragungen der Anhängerschaft von Pegida findet der Ausdruck "Lügenpresse" fast einhellige Zustimmung.

Die Zustimmung zum Schlachtruf "Lügenpresse" ist keine Randerscheinung, das allgemeine Misstrauen sogar weit verbreitet.

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Es wäre zu einfach, dies als Randerscheinung von Verwirrten abzutun. Nach einer Umfrage im Auftrag des WDR vom Oktober 2015 fand immerhin ein Fünftel der bundesdeutschen Bevölkerung den Ausdruck "Lügenpresse" zutreffend. Eine noch größere Minderheit von 44 Prozent der Bundesbürger stimmte laut einer Forsa-Umfrage des Stern-Magazins vom Oktober 2015 der Aussage zu, "die von oben gesteuerten Medien verbreiten nur geschönte und unzutreffende Meldungen". Und nach einer Erhebung im Auftrag der Wochenzeitung DIE ZEIT vom Juni 2015 hatten 53 Prozent der Befragten "wenig" und weitere 7 Prozent "gar kein" Vertrauen in "die Medien". Werden die Befragten aufgeschlüsselt, so zeigt sich, dass das Misstrauen in die Medien bei Personen mit geringer Bildung (und, sofern ermittelbar, bei der Wählerschaft der AfD) besonders hoch ist. Dies sind wiederum die Gruppen, die am wenigsten das Informationsangebot der Qualitätsmedien nutzen.

Ein Grund für das Misstrauens ist, dass Qualitätsmedien an den Erwartungen eher bildungsferner Schichten vorbeigehen.

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Worauf diese Haltung genau zurückzuführen ist, bleibt vorerst unklar. Vermutlich verbinden und verstärken sich hier vier Faktoren. Zum Ersten werden die Qualitätsmedien pauschal den als selbstbezüglich wahrgenommenen Eliten ("die da oben") zugerechnet, welche typischerweise ein Feindbild rechtspopulistischer Gruppen darstellen. Zum Zweiten sind die Qualitätsmedien in ihrer Sprache, ihren sonstigen Darstellungsformen und ihrer oft differenzierenden Haltung zu strittigen Themen auf das Bildungsbürgertum zugeschnitten. Damit gehen sie an den Erwartungen und Rezeptionsgewohnheiten eher bildungsferner Schichten vorbei. Drittens nutzen vorzugsweise diese Schichten ein Medienangebot, das dem in diesen Kreisen vorherrschenden Wunsch nach simplen Erklärungen, Schuldzuweisungen und Lösungswegen entgegenkommt und dabei die Attraktivität des Spektakels, des Dramas und der Personalisierung ungehemmt nutzt.

Der Rückzug auf isolierte Kommunikationsinseln im Internet ist ein wichtiger Grund für die Vertrauenskrise.

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Die Etablierung des Privatfernsehens mit der Ausbildung eigener, dem "Unterschichtfernsehen" zugerechneter Formate hat diesen Trend befördert. Viertens steht mit dem Internet ein in Teilen völlig ungefiltertes, von allen Qualitätsansprüchen befreites Informations- und Interaktionsangebot bereit, das zu einer enormen Fragmentierung politischer Öffentlichkeit beiträgt. Dieser letztgenannte Aspekt verdient im Zusammenhang mit dem Glaubwürdigkeitsverlust der etablierten Medien besondere Beachtung.

Im Internet werden meist bestimmte Inhalte bzw. Informationsanbieter gezielt angesteuert, und zwar vorzugsweise solche, die bereits eine Nähe zu eigenen Einstellungen erwarten lassen. Dies führt zu einer Bestärkung bereits vorgefasster Meinungen und, vermittelt über Blogs, Foren und besonders die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter, zur Ausbildung von Kommunikationsinseln. Dort tummeln sich fast nur noch Gleichgesinnte. Damit wird das forciert, was Hans Magnus Enzensberger in anderem Zusammenhang als "Kommunikation der Einverstandenen" bezeichnet hat. Mit den Bewohnern anderer Kommunikationsinseln findet kein Austausch statt. Man weiß um deren Existenz, stuft sie als andersartig, absonderlich oder gar feindlich ein. Aber man kennt sie nicht wirklich und will sie auch gar nicht kennenlernen.

Ihre Zuspitzung erfährt diese Entwicklung in Foren, Zeitschriften (etwa Compact) und Netzwerken, die sich beispielsweise im Zusammenhang mit den "Friedensmahnwachen" und Pegida herausgebildet haben. Für sie ist die Absage an die "Lügenpresse" bei gleichzeitiger Neigung zu Verschwörungstheorien geradezu konstitutiv. Die Wahrheit über 9/11, über die Finanzkrise, die Ukrainekrise oder die Flüchtlingswelle, so ist zu hören, sei unter dieser oder jener Web-Adresse nachzulesen. Dort, und nur dort, fänden sich das entsprechende Belege und Beweise. Für Ambivalenzen, für Zweifel, für Verweise auf Fakten, die eine Gegenposition stützen könnten, bieten die eigenen Kommunikationsinseln keinerlei Raum. Das Archipel der "Lügenpresse" wird großräumig umsegelt. Nur in Einzelfällen, und dann lediglich in proklamatorischer Geste, geht man dort als kurz an Land, gibt ein Interview, setzt sich in eine Talkshow, wedelt mit einer Fahne, umgeben von ebenso gereizten wie hilflosen Eingeborenen, die sich den fremden Gästen verständlich machen wollen.

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