Die neue Form des Terrorismus Gefahr durch den einsamen Wolf 

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Politikwissenschaftler

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Dr. Florian Hartleb ist Politikberater und Dozent. Er war offizieller Gutachter der Stadt München zum Attentat am Olympiaeinkaufzentrum.

Immer häufiger stehen Terroristen nicht unmittelbar mit einer Gruppe in Kontakt. Es sind fanatische Ideologen ohne direkten organisatorischen Überbau. Politik, Behörden und Öffentlichkeit müssen sich auf den neuen Tätertyp einstellen.  

Einsame Wölfe wurden lange Zeit von politischen Entscheidern, Ermittlungs- und Geheimdienstbehörden sowie Terrorismusexperten ignoriert. Im Zuge der jüngsten Taten von islamistisch gesinnten Fanatikern, in den USA, aber auch etwa in Deutschland, ist das Phänomen in aller Munde. Oft ist nicht unmittelbar klar, ob die Täter Teil eines Netzwerks waren oder allein, lediglich mit dem Label „IS“ gehandelt haben. Der virtuelle Bezug reicht aus, etwa durch das Aufspüren von Videoanleitungen, Glaubensbotschaften oder anderer Anknüpfungspunkte. Einsamer Wolf-Terrorismus bezieht sich auf intendierte Akte, die von Personen begangen werden, welche individuell operieren und nicht einer organisierten Terrorgruppe oder einem Terrornetzwerk angehören. Sie handeln ohne direkten Einfluss eines Anführers oder einer irgendwie gearteten Befehls- und Gehorsamshierarchie. Taktik und Methoden werden von einem Individuum umgesetzt - ohne direkten Befehl oder direkter Führung von außen. Nicht jeder Terrorakt durch einen Solotäter ist islamistisch motiviert. Das wissen wir nicht erst seit Charlottesville.

Der Tätertyp des einsamen Wolfes wurde zu lange ignoriert

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Wie gefährlich diese Art des Terrorismus ist, zeigte bereits der norwegische Rechtsextremist Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011. Nach jahrelanger Planung ermordete er 77 vornehmlich junge Menschen. Genau fünf Jahre danach, am 22. Juli 2016 kehrte ein ähnliches Muster des Rechtsterrorismus in München wieder: die akribische Planung, die Opferauswahl, die gleiche Tatwaffe und der rassistische Bezug. David S., ein 18-jähriger in München geborener Deutsch-Iraner, hatte ein festes rechtsextremistisches Weltbild. Er war stolz, aus dem Iran (übersetzt "Land der Arier") zu stammen, und er war getrieben von einem militanten Hass auf Türken, Albaner und Bosnier. Über sie sprach er von Untermenschen; er wollte sie auslöschen. Im virtuellen Raum äußerte er sich ebenso rassistisch wie auch gegenüber Klassenkameraden. David S. berief sich auf Breivik, den er bewunderte. Er verwendete einmal sogar ein Bild des Norwegers als Profilfoto bei WhatsApp. David S. absolvierte Schießübungen im heimischen Wohnkeller und im Iran während eines Familienurlaubs im Dezember 2015. Er verfasste ein Bekennerschreiben, fantasierte über ein Anschlagsteam und über das Ziel, sein Vaterland "München" zu schützen. Auch seine Opferauswahl war ideologisch: Alle Getöteten waren Migranten. Besonders perfide war, dass er mit einem gefakten Facebook-Account eines türkischen Mädchens bestimmte ethnische Gruppen anlocken wollte. Trotzdem wollen die Behörden keinen Terrorismus, sondern einen unpolitischen Amoklauf erkennen. Gerade in der medialen Berichterstattung werden die Täter als „psychisch“ gestört dargestellt.

Die psychische Störung eines Täters wird oft überbetont 

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Auch wenn die Rate wohl höher ist als bei Terroristen insgesamt, bedeutet das noch keineswegs, dass eine Psychose, also ein Realitätsverlust vorliegt – mit der Konsequenz der Schuldunfähigkeit. Wenn beispielsweise klare politische oder religiöse Botschaften vorliegen und die Taten akribisch vorbereitet werden, klingt das nach Exkulpation. Psychische Labilität und politisch motivierter Hass schließen sich ja nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil: Sie ergänzen sich einander. Es gibt zwei zentrale Fehler bei allen Terrortaten: Die Mär von der Blitzradikalisierung, der zufolge ein Mensch plötzlich Extremist wird. Das passiert nicht über Nacht. Der zweite Fehler ist, dass manche zu schnell allein auf psychische Störungen verweisen.
Auch heute noch, trotz des Ansteigens von Einsame Wolf-Attacken quer über den Globus, ist die Idee, dass ein individueller Terrorist so gefährlich wie eine weitverzweigte Terrororganisation sein kann, für viele ein schwer zu akzeptierender Befund. Freilich gilt es zu erinnern, dass Terrorattacken nicht immer komplexe Operationen sind, die detaillierte Planung, Ressourcen, Training und gruppenorientierte, hierarchische Führung bedürfen. Einsame Wölfe, unabhängig, ob sie aus politischen oder religiösen Gründen handeln, haben in zahlreichen Fällen unter Beweis gestellt,  dass sie mit ihren Gewalttaten Regierungen und Gesellschaften tiefgreifend treffen können. Leider ist es wahrscheinlich, dass wir diesen Typus von Attacken häufiger sehen werden.

Die Blitzradikalisierung ist eine Mär - Täter werden nicht über Nacht zu Extremisten

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Die Fälle von Breivik und David S. bestätigen: In der modernen Mediengesellschaft können Radikalisierungen auch ohne unmittelbare soziale Kontakte vor sich gehen. Es wäre wohl übertrieben, neuerdings allein das Internet als Hort der Radikalisierung auszumachen. Meist findet ein Zusammenspiel von Online- und Offlineaktivitäten statt. Dabei hinterlassen einsame Wölfe durchaus Spuren, gerade im Freundes- und Familienkreis.
Einsame Wolf-Terroristen handeln, um die ideologische Überzeugung einer extremistischen Bewegung voranzubringen, aber sie haben typischerweise niemals direkten Kontakt zu der Bewegung, mit der sie sich identifizieren. Offenbar kann der Kleinzelltäter eine freiheitliche Gesellschaft trotzdem bis ins Mark erschüttern. Politik, Behörden und Öffentlichkeit sollten sich von der tradierten Vorstellung lösen, dass feste Organisationen und Kommandostrukturen hinter Anschlägen stecken müssen. Dieses Bild ist nach RAF, Rote Brigaden, IRA und Al-Qaida immer noch virulent.

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