Antisemitismus-Debatte in Deutschland Unterscheidung statt Pauschalisierung!

Bild von Moshe Zimmermann und Shimon Stein

Expertise:

Shimon Stein war israelischer Botschafter in Berlin (2001–2007) und ist zurzeit Senior Fellow am Institut für Nationale Sicherheits-Studien (INSS) an der Universität Tel Aviv. Moshe Zimmermann ist Historiker und Professor emeritus an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Religions- und Staatszugehörigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Obwohl diese Erkenntnis nicht wirklich neu ist, gerät sie bei der Unterscheidung von Juden und Israelis bewusst oder unbewusst in Vergessenheit. Antisemitismus lässt sich so schwieriger von Israelkritik trennen. 

Die anti-israelischen Demonstrationen, die durch Trumps Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt ausgelöst wurden, in denen jüdische Symbole und „der Jude“ angeprangert wurden, weisen erneut auf die verbreitete Unfähigkeit hin, „Jude“ vom „Israeli“ zu unterscheiden. Damit verbunden stellt sich die Frage nach der Verpflichtung Israels gegenüber den Diasporajuden und vice versa.  

Ein alter hebräischer Spruch lautet: „Alle Israeliten haften für einander“. Dieser Spruch wird in der Regel dazu verwendet, entweder die jüdische Gemeinde aufzufordern, sich um ihre sozialschwachen Mitglieder zu kümmern, oder als Aufruf an allen Juden, sich für ihre verfolgten Brüder, wo auch immer sie sich befinden, einzusetzen. Seit der Entstehung des Staates Israel, der sich als Judenstaat oder jüdischer Staat versteht, wird dieser Spruch oft auf die reziproke Beziehung zwischen Israel und der Diaspora projiziert: Einerseits sei es angeblich die Aufgabe Israels, sich um die Belange der Diasporajuden zu kümmern, vor allem, wenn sie mit Antisemitismus konfrontiert sind. Anderseits erwartet Israel von den Diasporajuden, den Judenstaat automatisch zu unterstützen, oder besser: die israelische Politik. 

Die Trennlinie zwischen den Begriffen Israeli und Jude ist in der deutschen Gesellschaft unscharf.

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Die erste Schwierigkeit mit der Auslegung des Prinzips der gegenseitigen „Haftpflicht“ zwischen Israel und Diaspora wurzelt in einer Begriffsverwirrung: Der Begriff Israelit ist schlicht der moderne Ersatz für den traditionellen Begriff Jude, wird aber seit 1948 oft mit dem Begriff Israeli verwechselt, der sich nur auf israelische Staatsbürger bezieht. Dass die Interessen von Israeliten, also Juden, in der Diaspora nicht unbedingt mit den Interessen und Wünsche der Israelis (wohlgemerkt: 25% der Israelis sind keine Juden) konvergieren, ist selbstverständlich. Doch vor allem die israelische Politik und im Gegenzug auch die Feinde und Kritiker Israels neigen dazu, Israeli und Israelit, also Jude, als synonyme Begriffe zu verwenden. 

Diese Unschärfe im Umgang mit beiden Begriffen ist auch in der deutschen Gesellschaft anzutreffen: Der frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignaz Bubis, beschwerte sich darüber, dass seine deutschen Gesprächspartner Israelis als „seine Landsleute“ bezeichnen, während er bemüht war, ihnen klarzumachen, dass seine Landsleute eben die bundesrepublikanischen Staatsbürger sind, auch wenn er zur Religionsgemeinschaft der Juden/Israeliten gehört. Das ist ein entscheidender Punkt: Die Unklarheit bei der Unterscheidung zwischen Juden und Israelis ist oft der Ausdruck einer antisemitischen Haltung, die davon ausgeht, dass Juden und Israelis eins und dasselbe sind, dass Juden nicht zu Deutschland, sondern nach Israel bzw. nach Palästina gehören (daran glaubten auch die Nazis bis 1941). Möchte man nicht in die Antisemiten-Falle geraten, so sollte man auf diesen feinen Unterschied achten. 

Araber und Muslime tendieren dazu, das Wort Israeli durch Jude zu ersetzen.

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Auf diesen Unterschied sollte man in Deutschland auch deswegen achten, weil Araber und Muslime seit Beginn des Palästina-Konflikts dazu tendieren, das Wort Israeli durch Jude zu ersetzen, und auch in Europa bzw. Deutschland – das zeigten die anti-israelischen Demonstrationen immer wieder – auf die Unterscheidung nicht mehr zu achten. Das ist der Kontext, in dem die Kritik an israelischer Politik in Antisemitismus umschlägt. Dies gilt am Ende nicht nur für arabische/muslimische Demonstranten in Deutschland, sondern auch für Deutschen ohne Migrationshintergrund. 

Man kann aber theoretisch auch den Spieß umdrehen und für diese Entwicklung Israel oder die israelische Politik mitverantwortlich machen. Denn es ist der Staat Israel, der darauf beharrt, der ultimative Vertreter aller Juden zu sein. So werden die Diasporajuden nolens volens zu Auslands-Israelis und somit zur erweiterten Angriffsfläche für Israel-Gegner, aber auch für Antisemiten, die Israel als Alibi für ihre Attacken benutzen. Man kann den Spieß so oder anders umdrehen - Henne und Ei nach Gesichtspunkt - doch um aus diesem Teufelskreis und aus der Begriffsverwirrung auszusteigen, müssen sich beide Seiten (Diaspora und Israel), wie auch die nicht-jüdische Gesellschaft um die klare Trennlinie, dort wo sie vorhanden ist, bemühen.

Doch es geht letztendlich weniger um die theoretische oder konzeptionelle Frage und mehr um die praktische Schlussfolgerung. Israel befindet sich nicht in der Lage, die Diasporajuden im Notfall zu beschützen. Aufrufe an die Juden, nach Israel auszuwandern, bieten keine praktische Antwort auf die „Judennot“; eher wird dann Israel Einmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates vorgeworfen. Ebenso kann man von den Diasporajuden nicht erwarten, dass sie an einer Politik teilnehmen, an der sie nicht mitbestimmen können, während sie das Risiko eingehen, mit dem Vorwurf der doppelten Loyalität konfrontiert zu werden.  Den alten oben zitierten Spruch müsste man also auf den folgenden Sinn reduzieren: Die Warnung vor Antisemitismus ist die gemeinsame Aufgabe von Israelis und Israeliten. 

Israel ist nicht der Repräsentant der Interessen aller Juden.

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Israels Auftritt als Repräsentant der Interessen aller Juden ist also im Endeffekt eher Pose als Wirklichkeit. Das erwies sich auch im letzten Jahr, als am Beispiel des Gebets an der Klagemauer der Zwist zwischen dem Staat Israel und den amerikanischen Juden an die Oberfläche kam: Die Mehrheit der amerikanischen Juden, die zur religiösen Strömung des Reformjudentums gehören, werden von der in Israel herrschenden Strömung der Orthodoxie für Ketzer gehalten. Auch politisch „links“ stehende jüdische Individuen und Organisationen in der Diaspora werden vom offiziellen Israel nicht geduldet. 

Daran, dass viele Diasporajuden sich in der Tat nicht durch Israel vertreten fühlen, erinnert eine Szene, die sich nach den Terroranschlägen vor zwei Jahren in Frankreich, denen Juden zum Opfer fielen, in einer Pariser Synagoge ereignete. Netanyahu war anwesend, hielt eine Ansprache, rief die französischen Juden in Angesicht des erstarkten Antisemitismus auf, nach Israel auszuwandern. Als zum Schluss die Anwesenden sich zum Singen der Nationalhymne erhoben, wurde nicht Hatikwa, sondern die Marseillaise gesungen.  

Um den Unterschied zwischen Israelkritik und Antisemitismus zu erkennen, muss weniger pauschalisiert werden.

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Zumindest könnte aber die Überwindung des pauschalisierenden Bildes von Jude-gleich-Israeli dabei helfen, mehr Klarheit über den Unterschied zwischen antisemitischer Israelkritik und Kritik an der israelischen Innen- und Außenpolitik zu schaffen. Das könnte zu einer praktischen Richtlinie für den Umgang mit Demonstrationen in Deutschland werden. 

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