Die vielen Formen von Antisemitismus Und plötzlich ist mein Jüdischsein Thema

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Geschäftsführerin der F.C. Flick Stiftung

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Susanne Krause-Hinrichs ist seit 2013 Geschäftsführerin der F.C. Flick Stiftung.

Antisemitismus ist mir, Jahrgang 1964, vor allem als Geschichtsthema begegnet: in der Schule oder in der Biographie meiner Familie. Das ändert sich gerade. Was heißt das eigentlich für mich?

Es war im Jahr 1979, als Lea Fleischmanns autobiographisch gefärbtes Buch „Dies ist nicht mein Land“ erschien. Die deutsche Jüdin Lea Fleischmann wanderte nach Israel aus, weil sie den Antisemitismus in Deutschland nicht aushalten konnte.

Für meine Familie und mich war ihre Konsequenz damals komplett unverständlich. Deutschland und das liebliche Schwabenland verlassen, warum? Ich wusste, ich hatte eine jüdische Großmutter, und es war großes Glück, dass sie und ihre Kinder – und so auch meine Mutter – überlebt hatten. In der Familie wurde nicht viel darüber gesprochen, aber in meinem schulischen Umfeld war das Thema Holocaust ein wichtiges. In der Schule und in den Medien sowie in der politischen Öffentlichkeit war es sogar sehr präsent.

Antisemitismus war für mich ein Thema der Vergangenheit. Das Böse schien besiegt.

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Meine Generation, ich bin Jahrgang 1964, war die Erste, die sich dem Thema relativ unbefangen nähern konnte. Die sogenannten 68er führten darüber Krieg mit ihren Eltern in einem Generationenkonflikt. Nach den Enthüllungen Fritz Bauers und der Liberalisierung der Gesellschaft haderten sie mit ihren Eltern. Für uns war es ein Teil der nahen Geschichte, der eine gewisse Faszination ausübte, aber nichts akut Bedrohliches hatte. Wir lasen die Todesfuge von Paul Celan und analysierten sie, ebenso wie Sebastian Haffners Hitler-Biographie und Eugen Kogons „Der SS-Staat“. Wir fuhren nach Theresienstadt und bekamen erste konkrete Einblicke in die Ungeheuerlichkeit der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Aber Antisemitismus war zu der Zeit für mich ein Thema der Vergangenheit. Ich fuhr nach Israel und besuchte die rechtzeitig Geflohenen. Wie die meisten war ich fasziniert von Land und Menschen. Wir waren also auf einem guten Weg, das Grauen wurde aufgearbeitet, mit Israel begann eine freundschaftliche Beziehung, und das Böse schien weitgehend besiegt.

Ich verstand auch meine Großmutter nicht, die ihre Herkunft mit aller Macht zu verbergen suchte. Eine jüdische Familie zu haben, war doch kein Makel, sondern eher das Gegenteil. Sie dazu zu fragen, hätte ich mich damals aber nie getraut – und vermutlich hätte ich auch gar keine Antwort bekommen.

Heute ist Antisemitismus in vielen Facetten zum Alltagsphänomen geworden.

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Heute, bald 40 Jahre später, sieht es ganz anders aus. Antisemitismus in all seinen Facetten scheint wieder zu einem Alltagsphänomen zu werden. Er begegnet mir immer öfter, und er macht mir Angst. Auf dem Parkplatz der jüdischen Gemeinde in Potsdam wird man schon mal giftig angepöbelt, warum denn der begehrte Parkraum „nur für Juden“ sei. Während der Fußball-WM in Russland saß ich abends bei einer Veranstaltung neben einem Sportfunktionär, der mit einem Fußballprojekt für Völkerverständigung und gegen Rassismus zu tun hatte, und hörte ihn sagen, dass „an allem“ die „Juden und Ausländer schuld“ seien. Ich habe ihn daraufhin angesprochen, aber er wollte nicht mit mir darüber sprechen und verließ den Raum.

Auf Schulhöfen ist „Jude“ schon längst wieder ein beliebtes Schimpfwort geworden, und das bei weitem nicht nur in Schulen mit migrantischen und muslimischen Schülern. Auch in christlichen Gymnasien und im braven Berlin-Zehlendorf kommt derartiges vor – vom Mobbing bis zum tätlichen Übergriff. AfD-Politiker in Führungspositionen und aufgebrachte Wutbürger skandieren wieder ungeniert und leider auch oft ungestraft billige judenfeindliche Sprüche. Sogenannte Reichsbürger und Identitäre mit eindeutigen judenfeindlichen Äußerungen verzeichnen Zuwächse und planen neuerdings, eine eigene Armee zu gründen.

Am häufigsten tritt Antisemitismus als "berechtigte Israelkritik" auf.

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Am häufigsten erscheint der wiedererstarkte Antisemitismus aber im Gewand der sogenannten „berechtigten Israelkritik“. Dies geschieht vor allem auch in den bildungsbürgerlichen Schichten. Die Politik der aktuellen Staatsführung Israels gegenüber den Palästinensern wird dazu benutzt, ein ganzes Volk und dessen Religion zu diskreditieren. Im besten Fall wird mit zweierlei Maß gemessen, im schlimmsten Fall dient die Kritik dazu, den Holocaust zu relativieren, nach dem Motto: Was Israel heute mit den Palästinensern macht, ist ja auch nicht viel besser, als was damals mit den Juden passiert ist. Antisemitismus als „berechtigte Israelkritik“ ist nicht gut zu greifen und zu identifizieren. Darin liegt eine besondere Schwierigkeit, zumal auch oft der Vorwurf erhoben wird, man dürfe Israelkritik gar nicht äußern, da man ja sofort als Antisemit beschimpft wird. Dabei müsse man das doch mal sagen dürfen, sonst sei schließlich auch die Meinungsfreiheit bedroht.

Die Hemmschwelle, sich antisemitisch zu äußern, ist gesunken. Das Internet trägt seinen Teil dazu bei.

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Die Erwähnung einer Reise nach Israel oder gar der Besuch von dort lebenden Verwandten kann unter nichtjüdischen Bekannten zu Entrüstung, häufig jedoch zu betretenem Schweigen führen. Dass auch und gerade israelische Bürger gegen ihre Regierung protestieren, wird dabei oft ins Reich der Legende verbannt. Dass Israel ein faschistischer Staat sei, in den man nicht mehr reisen solle, hörte meine Mutter aus dem Mund eines ihr bekannten Richters. Überall ist spürbar, dass die Hemmschwelle stark gesunken ist, antisemitische Thesen oder Sprüche offen zu äußern. Befördert wird das sicher auch durch die allgemeine Verrohung der Sprache im politischen Bereich, durch das Verbreiten von Verschwörungstheorien- und antisemitischen Hassbotschaften im Netz und die oft negative Berichterstattung über Israel. Und wenn obendrauf der notorische Zündler Donald Trump Jerusalem als israelische Hauptstadt anerkennt und die US-Botschaft dorthin verlegt, ist dann auch rasch das Bild von der jüdischen Weltverschwörung zur Hand, und die Forderung wird lauter, Diaspora-Juden sollten sich von Israel „ent“-solidarisieren.

Geflüchtete aus Nahost bringen ihre antiisraelischen Einstellungen mit. Werden die hier relativiert - oder verstärkt?

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Sicher, Geflüchtete aus Syrien bringen oft auch antisemitische und vor allem antiisraelische Einstellungen nach Deutschland. Sie resultieren oft aus dem regionalen Konflikt im Nahen Osten und könnten hierzulande möglicherweise relativiert werden. Nur: Wie soll das geschehen, wenn eine breite Front solche Einstellungen auch noch teilt oder als Aufnahmegesellschaft gar verstärkt?

Schlimmer als brennende Israelfahnen ist die klammheimliche Akzeptanz von Antisemitismus.

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Wie weit diese Entwicklung inzwischen vorangeschritten ist, hat Monika Schwarz-Friesel jetzt auch mit ihrer Studie über den Antisemitismus im Netz („Antisemitismus 2.0 und die Netz-Kultur des Hasses“) und der damit verbundenen Auswertung von über 300 000 Texten wissenschaftlich belegt. Ja, es ist erschreckend, wenn israelische Fahnen verbrannt werden vor dem Brandenburger Tor, einem Symbol für Freiheit und moderne Demokratie. Mindestens ebenso erschreckend und vielleicht noch viel bedrohlicher ist jedoch die Manifestation in einem großen Teil unserer Gesellschaft. Der Hass auf die Juden hat wieder an Kraft gewonnen, nimmt Gestalt an und beeinflusst viele Bereiche unseres Lebens. Er ist Ausdruck eines alten tiefsitzenden kulturellen Unbehagens, und wir sind leider wieder weit davon entfernt, dieses überwunden zu haben.

Der Staat und seine Institutionen stehen in Bund und Land momentan noch klar gegen jede Form von Antisemitismus. Politiker aus allen demokratischen Parteien, wie Heiko Maas, Norbert Lammert, Volker Beck, Petra Pau oder auch Dietmar Woidke finden die notwendigen klaren Worte und Taten. Was wäre jedoch, wenn einer vom Schlag Björn Höckes Ministerpräsident würde oder gar irgendwann einer wie er gar ein Bundeskanzler? Ich habe mich neulich dabei ertappt, an einen israelischen Pass zu denken, so einen für alle Fälle.

Also wäre Deutschland dann überhaupt noch „mein Land“?

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Aliana Brodmann
    Wieso ploetzlich? Antisemitismus war fuer diejenigen die ihn wahrnehmen wollten total present - nahtlos nach '45 - zwar vielfach unter der Oberflaeche, aber er brodelte. Ich zumindest habe immer darueber geschrieben.